Wenn die Künstler Trauer tragen | Kultur | DW | 06.02.2020
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Tod und Kunst

Wenn die Künstler Trauer tragen

Trauern ist eine Kunst. Im doppelten Sinne. Auch Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit Verlust und Schmerz. Eine Ausstellung in Hamburg zeigt, welche Bilder sie dafür finden.

Unter den menschlichen Gefühlen hat Trauer nicht den besten Ruf. Wer einen geliebten Menschen verliert, und damit meist Heimat und Vertrautheit einbüßt, sollte sich damit auseinandersetzen. Oder anders gesagt, wie es der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) nannte, Trauerarbeit leisten. Das "verstörende Potential" von Verlust, Trauer und Wandel zu benennen aber sei schwer, weiß auch Brigitte Kölle, Kuratorin derHamburger Kunsthalle. Sie wollte herausfinden, welche Bilder Künstler dafür finden. Ihre Erkenntnis: "Trauer ist schwer darzustellen."

Anne Colliers Comic-Fotografie: Woman Crying (Weinende Frau) (Anne Collier)

Anne Colliers Comic-Fotografie: Woman Crying (Weinende Frau)

Dabei ist Trauern in der Kunst kein neues Phänomen. Im Gegenteil: Zu allen Zeiten rückten Maler und Bildhauer, Künstler und Kunsthandwerker das Sujet in den Fokus ihrer Arbeiten. Man könnte sogar sagen: Die Darstellung von Trauer und Abschiedsschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch die Kunst- und Menschheitsgeschichte aller Weltregionen - von der urzeitlichen Höhlenmalerei bis zur atelierfrischen Kunst unserer Tage. 

Musik transportiert Gefühle

Gemälde und Fotografien hat die Kuratorin aufgehängt, Skulpturen aufgestellt, Videos flimmern über Bildschirme. Dia-Projektionen und sogenannte Sound Pieces sind zu erleben. Große Installationen füllen die Räume: Rund 30 internationale Künstlerinnen und Künstler aus 15 Ländern umkreisen in ihren Arbeiten das Thema Verlust als eine existentielle, schmerzhafte Verunsicherung und der daraus resultierenden Unterbrechung des Gangs der Dinge. "Viele bildende Künstler arbeiten mit Musik", beobachtet die Kuratorin, wohl weil Musik die Gefühle besonders gut transportiert.

Gemälde zeigt die Künstlerin Maria Lassnig, die sich nach dem Tod ihrer Mutter selbst gemalt hat (Maria Lassnig Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 )

Maria Lassnig malte sich selbst nach dem Tod ihrer Mutter völlig verunsichert.

"Melancholie und Trauer", "Trauer und Geschlecht", "Kollektive Trauer", "Trauer und Rebellion" oder auch "Die Unfähigkeit zu trauern" - anhand solcher Kapitel ordnet die Kuratorin das künstlerische Spektrum. So lässt die schottische Turner-Prize-Trägerin Susan Philipsz die alte Tradition des Wehklagens (engl. keening) aufleben. Der japanische Künstler Seiichi Furuya verwebt die Verlusterfahrung nach dem Selbstmord seiner Frau mit dem Abgesang auf die Gesellschaftsstruktur der DDR. In Gemälden verarbeitet die Österreicherin Maria Lassnig den Tod ihrer Mutter. Sie malt sich selbst als Suchende, deren Hände wie eingefroren wirken. In seinem Film "I'm too sad to tell you" (1970/71) wirft der niederländische Konzeptkünstler Bas Jan Ader (1942-1975) Fragen auf - nach Privatheit und Öffentlichkeit, nach Konvention und Peinlichkeit, nach den Grenzen von Sprache und Darstellbarkeit. Fotografien von Anne Collier schließlich entstanden auf der Basis von Comics aus den 1950 und 1960er Jahren. Sie entlarven die Darstellung einer weinenden, jungen und schönen Frau als geschlechtsspezifisches Rollenbild.

Trauer ist auch politisch

Filmstill zeigt trauernde muslimische Männer in einem Saal Kunsthalle Hamburg (Aslan Ġoisum)

Muslimische Männer trauern um eine Verstorbenen - Filmstill aus Aslan Goisums Film "People of No Consequence" (2016)

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den Miniatur-Särgen Kudjoe Affutus aus Ghana bis hin zu Andy Warhols ikonischem Porträt "Jackie" (1964). Erstmals in Deutschland sind die strengen und zugleich poetischen Schrift-Arbeiten der mit dem Turner-Prize 2019 ausgezeichneten Helen Cammock zu sehen. Die Werkserie des Künstlers Khaled Barakeh von bearbeiteten Fotografien aus dem Syrien-Krieg greift das jahrhundertealte Bildmotiv der Pietà auf: Ein Trauernder hält einen leblosen Körper auf den Knien, der Tote erscheint als leere, weiße Hülle (unser Artikelbild).

"Wir zeigen hier nicht nur, wie mannigfaltig die Darstellung von Trauer sein kann", sagt Kuratorin Kölle. Trauer sei auch eine sehr politische Frage, schließlich gebe es eine Hierarchie der Trauer: "Um wen trauern wir? Und um wen nicht? Darin steckt immer eine Wertung!"  Und die offenbare gesellschaftliche Miss- und Zustände - wie etwa im Fall der Mitleidslosigkeit gegenüber den ersten Aids-Opfern in den frühen 1980er Jahren. "Wie wurden denn Homosexuelle betrauert, als Aids aufkam und niemand genau wusste, was das eigentlich ist?"

Die Ausstellung "Trauern – von Verlust und Veränderung" in der Hamburger Kunsthalle läuft bis zum 14. Juni 2020.

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