Wenn der Chef für höhere Löhne streitet | Wirtschaft | DW | 03.04.2019
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Textilbranche

Wenn der Chef für höhere Löhne streitet

Tchibo verkauft nicht nur Kaffee, sondern ist auch ein führender Textilhändler. Jetzt ruft Tchibo nach staatlicher Hilfe, damit seine Zulieferer ihren Arbeitern höhere Löhne bezahlen müssen. Was ist da los?

In kaum einer anderen Branche ist der Preisdruck so groß wie im Textilgeschäft. Einerseits wollen sich viele Kunden, um "en vogue" zu sein, oft zweimal im Jahr neu einkleiden, andererseits sind die Menschen in den reichen Ländern schon gewohnt, für ein Hemd nur wenige Euro bezahlen zu müssen.

Ständig neue Kollektionen anzubieten, ist für die Händler lediglich ein logistisches Problem. Sie wollen ihre Hose jetzt mit Löchern haben? Auch kein Problem, wir legen gleich eine neue Serie auf. Die Hose soll nicht mehr als 40 Euro kosten? Kein Problem, unsere Arbeiter arbeiten auch gern für noch weniger Lohn.

Halt! Soweit soll es dann doch nicht gehen, sagen inzwischen einige Textilhändler. Wir wollen doch nachhaltig produzieren und sehen gern, wenn unsere Arbeiter, und meistens: Arbeiterinnen, auch von dem leben können, was sie bei uns verdienen.

Bangladesch Weber

Kinderarbeit ist ein weiteres großes Problem in der globalen Textilindustrie.

Der Staat soll richten, was der Markt nicht vermag

Genau das will nun das Hamburger Konsumgüterunternehmen Tchibo auch umsetzen. Seit 13 Jahren, so Tchibo, verfolge man das strategische Ziel, zu 100 Prozent nachhaltig zu arbeiten. Jetzt aber, sagte Nanda Bergstein, Direktorin für Unternehmensverantwortung bei Tchibo, der Nachrichtenagentur dpa, reichten "freiwillige Initiativen nicht mehr aus".

"Wenn wir jetzt keine höheren Löhne durchsetzen, bleibt "fair fashion" eine Illusion", so Bergstein. Durchsetzen könne das beispielsweise die Initiative "ACT on Living Wage", zu deren Mitgliedern auch das Hamburger Unternehmen neben weiteren Textilhändler wie C&A, Primark oder H&M gehört.

In Deutschland müssten sich alle Marktteilnehmer ACT anschließen, fordert Bergstein, und die Regierungen der Konsumentenländer müssten auf ihre Kollegen in den Lieferländern einwirken, höhere Entlohnungen durchzusetzen und für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Der Minister sieht das Problem, aber …

Der Ruf nach Unterstützung von staatlicher Seite ist indes nicht neu. Im Februar veranstaltete das Berliner Entwicklungshilfeministerium das "Zukunftsforum Globalisierung gerecht gestalten". Dabei hatte Minister Gerd Müller das Problem bereits erkannt und öffentlich auf die "unglaublichen Bedingungen am Anfang der Lieferketten" hingewiesen.

Vor der Veranstaltung hatte es international Kritik am Verhalten der Bundesregierung in dieser Frage gegeben. Im Herbst 2018 hatten zum Beispiel UN-Experten die deutsche Regierung gerügt. Und Gesetze zur Besserstellung der Arbeiter in den Zulieferländern, wie es das vergleichbar bereits in Großbritannien, in Frankreich oder den Niederlanden gilt, gibt es in Deutschland noch nicht.

Bangladesch Einsturz Gebäude Textilfabrik (Reute

Es braucht auch strengere Sicherheitsstandards, damit nicht immer wieder Menschen bei Fabrikeinstürzen sterben.

Nur höhere Löhne reicht nicht

Wer aber glauben sollte, es reiche aus, die Zulieferer und deren Zulieferer sowie die an verschiedenen Stellen der Wertschöpfungskette auftauchenden Subunternehmer dazu zu verpflichten, höhere Löhne zu bezahlen, der irrt.

Zwar ist es ein erster und sehr wichtiger Schritt, den Arbeiterinnen und Arbeitern so viel zu bezahlen, dass sie auch davon leben können, doch müssen die Arbeitsbedingungen generell verbessert werden, einheitliche und ausreichende Sicherheitsstandards eingeführt und kontrolliert werden.

Und da ist das Problem der Solidarität. Tchibo selbst weist darauf hin, dass auch im reichen Europa noch längst nicht alles Textilhändler in Organisationen wie ACT organisiert sind. Und in den Niedriglohnländern selbst herrscht ebenfalls Wettbewerb - und zwar bei der Frage, wer die niedrigsten Arbeitskosten (und das heißt: die niedrigsten Löhne) anbieten kann.

Neuer Anlauf

Tchibo will nun einen weiteren Versuch starten, um seine eigenen Nachhaltigkeitsziele in der Branche zu verankern, ohne einseitig Wettbewerbsnachteile hinnehmen zu müssen. Dazu will Tchibo-Chef Thomas Linemayr am Mittwoch in Berlin in einer öffentlichen Veranstaltung mit Entwicklungshilfeminister Gerd Müller und anderen Experten diskutieren.

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