Wenn der Atem gefriert: Kältewelle in den USA | Wissen & Umwelt | DW | 05.01.2018
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Eiszeit

Wenn der Atem gefriert: Kältewelle in den USA

Polarluft aus der Arktis sorgt für Schneefälle und Rekord-Minustemperaturen in großen Teilen der USA. Doch wie kommt die eisige Luft überhaupt so weit nach Süden? Weil die Arktis wärmer wird, sagen Forscher.

Das hat es seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr gegeben: Schnee in Florida. Verantwortlich dafür ist das Tief "Grayson", das derzeit die gesamte Ostküste der USA in einem eisigen Klammergriff hält und eben auch in den Sonnenstaaten Florida und Georgia den Schnee rieseln lässt. North Carolina hingegen versinkt in den Schneemassen: In erhöhten Lagen stapeln sich die Flocken bis zu 190 Zentimeter hoch. Während der seltene Wintereinbruch mancherorts für großes Vergnügen - vor allem bei den Kleinen sorgt, für die Schnee eine Premiere ist - spitzt sich die Lage in anderen Bundesstaaten bedrohlich zu.

USA Winter - Eiszapfen - Florida (picture alliance/AP Photo/B. Self)

Am Dienstag war es in Anchorage, Alaska, wärmer als in Jacksonville, Florida

Außerplanmäßig geschlossene Schulen und rund 3000 gestrichene Flüge an den wichtigsten Flughäfen in New York und New Jersey wegen Kälte und Schneemassen sind noch das geringste Übel. Laut des Nachrichtensenders CNN haben mittlerweile 46.000 Menschen in den Bundesstaaten Virginia und North Carolina keinen Strom mehr - und sind damit von den rekordverdächtigen Temperaturen von teilweise bis zu minus 40 Grad direkt bedroht. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio warnte die Menschen via Twitter, das "Wetter extrem ernst zu nehmen".

Die warme Arktis sorgt für Eiseskälte

Heftige Kälteeinbrüche sind zu dieser Jahreszeit zwar keine Seltenheit in den USA. Doch dieser hier hat bereits sämtliche Rekorde gebrochen. Meteorologen beobachten eine Zunahme und Intensivierung der Winterstürme. Und was sagt der US-Präsident dazu? Auf Twitter triumphierte Donald Trump, dass sein Land "vielleicht ein kleines bisschen von der guten alten Klimaerwärmung bräuchte" und sieht sich durch das aktuelle Wetter in seiner Klimawandel-Skepsis bestätigt. Da liegt er allerdings falsch. "Die Erwärmung der Arktis ist ein Grund für die extreme Kälte", sagt der US-Klimatologe Judah Cohen, Wissenschaftler am Atmospheric and Environmental Research in Massachusetts. "Die Erwärmung stört die Polarwirbel." 

Polarwirbel zirkulieren im Winter über den Polen, im Moment also über der Arktis. Es handelt sich dabei um großräumige Tiefdruckgebiete, die sich in mehreren Kilometern Höhe befinden und deshalb auch Höhentiefs genannt werden. Die sehr kalte Luft kreist normalerweise ohne größere Ausreißer um den Nordpol. "Ist der Polarwirbel allerdings nicht stark genug, dann kommt es vermehrt zu Ausbuchtungen, wodurch die polare Luft weiter nach Süden vordringen kann", sagt Uwe Ulbrich, Meteorologe und Extremwetterforscher an der Freien Universität Berlin. Was den Wirbel schwächt, ist die zunehmende Erwärmung der Arktis und die fortschreitende Eisschmelze, sagt auch Cohen. Er hat seine Forschungsergebnisse in einer Studie zusammengefasst. "Die aufsteigende warme Luft wirkt wie ein Felsbrocken, den man in einen Bach wirft und der den Wasserstrom ablenkt."

So gelangt die kalte Luft zwar weiter nach Süden, allerdings nur in großer Höhe. Damit die Temperaturen auch am Boden so dramatisch fallen können - wie aktuell in Nordamerika - muss ein Tiefdruckgebiet her: Grayson. "Das Tiefdruckgebiet sorgt nun dafür, dass kalte Luft nicht nur in großen Höhen, sondern auch am Boden von Norden nach Süden geschaufelt wird", erklärt Ulbrich. 

Die Kältewelle dauert an - dank der Jetstreams

Zusätzlich verstärken Jetstreams die Ausbuchtungen des Polarwirbels und die Tiefdruckgebiete. Das sind starke Winde in der Stratosphäre, also in Höhen von etwa zehn Kilometern, die rund um den Erdball für den Ausgleich von Temperaturunterschieden sorgen. Die Jetstreams sind der Grund, weshalb die Kälteperiode in den USA andauert: Sie stabilisieren das Tiefdruckgebiet und lassen es nicht einfach vorbeiziehen.

Das ist der Grund, weshalb die Ostküste der USA aktuell von einem weiteren Wintersturm gebeutelt wird. Allerdings nicht von irgendeinem: Es ist ein sogenannter "bomb cyclone", der für starke Winde und Niederschläge sorgt. Von einer solchen "Tiefdruckbombe" spricht man, wenn der Druck innerhalb von 24 Stunden in einem Tiefdruckgebiet rapide abfällt - wie eine Bombe eben. "Die Voraussetzung für einen derartigen Druckabfall sind starke Temperaturunterschiede. Die Luft über dem Atlantik ist ziemlich warm, während an der US-Ostküste Rekordminustemperaturen herrschen", sagt Klimatologe Cohen. 

Die andauernde Kälte und der Schneefall haben bereits erste Opfer gefordert. Im Großraum Chicago sollen mindestens zwei Menschen erfroren sein. Weitere Kältetote, vor allem unter Obdachlosen, werden befürchtet.

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