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Wem gehören die Milliarden auf "vergessenen" Bankkonten?

2. Juni 2026

In Deutschland liegen Milliarden Euro unberührt auf inaktiven Konten. Erben wissen oft nichts von ihrer Existenz und es gibt kein zentrales Register. Was tun mit dem Geld?

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Deutschland Frankfurt 2026 | Skyline mit Maintower der Commerzbank
Blick auf das Frankfurter Bankenviertel: Sitz etlicher deutscher Großbanken und der Repräsentanzen ausländischer FinanzinstituteBild: Malte Ossowski/SVEN SIMON/picture alliance

Mehr als vier Milliarden Euro sollen in Deutschland bei Banken und anderen Finanzinstituten auf sogenannten "vergessenen Konten" schlummern, so ein Bericht des Forschungsministeriums aus dem Jahr 2021. Unter Umständen sind es sogar noch mehr - andere Schätzungen gehen von bis zu neun Milliarden Euro aus. Die Banken selbst haben bislang keine Zahlen veröffentlicht.

Im Todesfall ist es für Angehörige und Erben oft nicht leicht, solche Konten zu finden, zumal viele Menschen mehrere Konten führen. Schwer zu entdecken sind Vermögen vor allem, wenn es beim Online-Banking keine schriftlichen Unterlagen oder gedruckte Kontoauszüge gibt, da die Informationen in E-Mail-Konten oder auf Festplatten gespeichert sind. Nicht-traditionelle Vermögenswerte wie Kryptowährungen oder NFTs sind sogar noch schwerer nachzuverfolgen.

Was sind solche ruhenden Konten?

In Deutschland gibt es keine offizielle Definition solcher Konten. Aufgegebene, vergessene oder ruhende Konten sind, wenn es sich um traditionelle Finanzwerte handelt, meist Bankeinlagen oder Wertpapiere - etwa Aktien und Anleihen -, bei denen über längere Zeit keine Aktivität stattfindet. Solche Konten können über Jahre hinweg inaktiv bleiben.

Da es keinen rechtlichen Rahmen gibt, bleibt der Umgang mit solchen Konten weitgehend den Banken selbst überlassen. Die meisten Institute gehen davon aus, dass es sich um ruhende Konten handelt, wenn der Kontoinhaber verstorben ist, sich keine Erben ermitteln lassen, es über viele Jahre hinweg keinen Kontakt zu dem Kontoinhaber gibt, Postsendungen zurückkommen und andere Kontaktdaten veraltet sind.

Deutschland Oldenburg 2021 | Logo und Schriftzug der Deutschen Bank an Filiale im Stadtzentrum
Banken bleibt es in Deutschland selbst überlassen, wie sie mit ruhenden Konten umgehenBild: Hauke-Christian Dittrich/dpa/picture alliance

Diese Situation lässt den Banken zudem einen gewissen Spielraum, wie intensiv sie nach Eigentümern oder Erben suchen. Eine große Hürde stellen dabei die strengen Datenschutzbestimmungen in Deutschland dar.

Wie lassen sich aufgegebene Konten in Deutschland finden?

In Deutschland gehen ruhende Konten weder in das Eigentum der Banken über noch werden sie dem Staat übertragen. Die Banken sind verpflichtet, solche Konten auf unbestimmte Zeit zu führen, und die Eigentumsrechte - sei es des ursprünglichen Inhabers oder seiner Erben - verfallen nicht. Ein Konto kann vom deutschen Staat nur dann beansprucht werden, wenn er nach dem Erbrecht als Erbe festgestellt wird. Auf Grundlage von Regelungen zu herrenlosem Vermögen kann das Konto nicht an den Staat gehen.

Die wichtigste Maßnahme wäre laut Beatrice Eisenschmidt, Vorstandsmitglied des in Berlin ansässigen Verbands Deutscher Erbenermittler (VDEE), die Einrichtung eines zentralen Registers für ruhende Konten. Ein solches Register könnte helfen festzustellen, ob eine Person irgendwo Konten besessen hat.

Derzeit müssen Anfragen an verschiedene Bankenverbände gerichtet werden, was viel Zeit in Anspruch nimmt und teuer ist. Für Erben ist das oft ein Schuss ins Blaue, da sie unter Umständen nicht einmal wissen, ob überhaupt Vermögenswerte vorhanden sind. "Viele Erben verfolgen die Recherchen bereits aus diesem Grund nicht weiter.Aus diesem Grund entscheiden sich viele Erben dagegen, solche Anfragen zu machen", sagt Eisenschmidt gegenüber der DW.

Versuche zur Einrichtung eines nationalen Registers

Vor fast einem Jahrzehnt schätzte Norbert Walter-Borjans, damals Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands, dass sich rund zwei Milliarden Euro auf ruhenden Konten in Deutschland befinden. Er forderte die Einrichtung eines nationalen Registers für ruhende Vermögenswerte.

Symbolbild Finanzen | Frau zählt Euro-Geldscheine ab
Ein Register über ruhenden Konten würde es Erben erleichtern, ihr Erbe anzutretenBild: Matthias Balk/dpa/picture alliance

Seitdem wurden mehrere Versuche unternommen, ein solches Register aufzubauen. Die derzeitige Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der die Schaffung eines zentralen, öffentlich zugänglichen Online-Registers vorsieht, in dem Erben nach entsprechenden Informationen suchen können. Bislang wurden jedoch noch keine neuen Regelungen verabschiedet. Was mit dem Geld geschehen soll, ist also weiterhin unklar.

Ruhende Konten: In einigen Ländern jederzeit rückforderbar

Im Vereinigten Königreich werden ruhende Konten in der Regel nach 15 Jahren in einen sogenannten "Reclaim Fund" überführt, nicht an den Staat. Dieser Fonds dient der Unterstützung sozialer und ökologischer Projekte. Erben haben trotzdem das Recht, das Geld zeitlich unbegrenzt zurückzufordern.

In Irland wird nach einem ähnlichem Zeitraum Geld aus ruhenden Konten an den Staat übertragen, der es dann für soziale Projekte verwenden muss. Vor der Übertragung sind die Institute verpflichtet, eine Bekanntmachung in zwei landesweiten Zeitungen zu veröffentlichen. Auch hier gibt es keine Frist für die Rückforderung der Konten einschließlich der aufgelaufenen Zinsen durch Erben.

In den USA regeln Gesetze der einzelnen Bundesstaaten den Umgang mit solchen Konten. In den meisten Fällen gilt ein Konto nach drei bis fünf Jahren ohne Aktivität als ruhend. Danach ist die Bank verpflichtet, den Kontoinhaber zu kontaktieren. Wird niemand ausfindig gemacht, übernimmt der Bundesstaat das Konto. Das ist in der Regel der Staat der letzten bekannten Adresse des Kontoinhabers. Dieses wird dann bei einem Büro für "Unclaimed Properties" geführt und es werden zum Teil Bekanntmachungen veröffentlicht. In den meisten Fällen können Eigentümer ihr Vermögen unbegrenzt zurückfordern.

Erbschaft: verschiedene Länder, verschiedene Gesetze

In manchen Ländern geht das Geld an den Staat

In Frankreich sind Banken verpflichtet, zu versuchen, die Kontoinhaber zu kontaktieren. Nach zehn Jahren ohne Aktivität werden Konten sowie Lebensversicherungen jedoch an eine öffentliche Finanzinstitution, die Caisse des Dépôts (CDC), übertragen. Die Regierung stellt eine durchsuchbare Datenbank zur Verfügung, sucht jedoch nicht aktiv nach Kontoinhabern. Nach weiteren 20 Jahren gehen die Gelder in das Eigentum des französischen Staates über und können danach nicht mehr zurückgefordert werden.

Die Schweiz, die für ihre besonderen Bankenregelungen bekannt ist, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Es wird von den Banken erwartet, dass sie die Vermögenswerte bewahren und ruhende Konten weiterhin im besten Interesse der Kunden verwalten. Um Erben zu unterstützen, gibt es eine zentrale Datenbank für solche Konten. Nach 60 Jahren ohne Kontakt werden Informationen zu den Konten veröffentlicht, und Erben haben ein Jahr Zeit, Ansprüche geltend zu machen. Danach erlöschen die Ansprüche, das Konto wird aufgelöst und an den Staat übertragen - einschließlich des Inhalts von Schließfächern.

Timothy Rooks, Deutsche Welle
Timothy Rooks ist Reporter und Redakteur in Berlin.