Weltbildungsbericht warnt vor globaler Bildungskrise | Bildung | DW | 29.01.2014
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Bildung

Weltbildungsbericht warnt vor globaler Bildungskrise

Alle Kinder sollen Zugang zu kostenloser Bildung bekommen. Das ist eines der wichtigsten Ziele des UN-Programms "Bildung für alle". Doch der aktuelle Bericht zeigt einmal mehr: Das ist bis 2015 nicht zu schaffen.

Je näher das Jahr 2015 rückt, desto klarer wird vor allem eines: Die Bildungsziele, die sich die internationale Gemeinschaft gesetzt hat, sind bis dahin wohl kaum mehr zu erreichen. Der UNESCO-Bericht "Bildung für alle", den die UN-Bildungsorganisation am Mittwoch im äthiopischen Addis Abeba vorgestellt hat, ist ernüchternd: 57 Millionen Kinder weltweit gehen nicht zur Schule. 774 Millionen Erwachsene rund um den Globus sind Analphabeten. Und häufig sind es die Frauen und Mädchen in ländlichen Regionen und Entwicklungsländern, die bei der Bildung besonders benachteiligt sind. "Wir rechnen fest damit, dass wir auch über 2015 hinaus weiter an den Zielen arbeiten müssen", sagt Pauline Rose, die seit 2011 seitens der UNESCO für den Weltbildungsbericht verantwortlich ist, im Interview mit der Deutschen Welle.

Dabei klangen die Absichtserklärungen im Jahr 2000 beim Weltbildungsforum in Dakar im Senegal so hoffnungsvoll: 164 Länder weltweit hatten sich damals dazu verpflichtet, sechs große Bildungsziele auf ihre Agenda zu setzen, darunter der bessere Zugang zu frühkindlicher Förderung und zu Grundschulbildung, die Halbierung der Analphabetenrate und gleiche Bildungschancen für Männer und Frauen.

Fortschritte beim Zugang zur vorschulischen Bildung

Kinder nehmen am Unterricht von Mubarak Ali, Grundschullehrer im pakistanischen Punjab, teil (Foto: Amima Sayeed/UNESCO)

Weltweit besuchen heute doppelt so viele Kinder eine Grundschule wie noch im Jahr 2000

Das Programm "Bildung für alle" der UN-Organisation Bildung, Wissenschaft und Kultur ist damit eines der größten Bildungsprogramme weltweit. Um den Fortschritt des Programms im Blick zu halten, lässt die UNESCO seit der gemeinsamen Verpflichtung vor 14 Jahren von einem unabhängigen Team regelmäßig prüfen, wie sich die einzelnen Länder mit Blick auf die sechs Ziele entwickelt haben. Dabei kann die UN-Organisation in ihrem aktuellen Weltbildungsbericht durchaus Erfolge verbuchen.

"Fortschritte gibt es insbesondere beim Zugang zu Bildung", sagt Barbara Malina, die bei der deutschen UNESCO-Kommission für den Bildungsbereich verantwortlich ist, im Gespräch mit der Deutschen Welle. So sei seit dem Jahr 2000 die Bildung von Vorschulkindern stark ausgebaut worden. "Damals erhielt nur ein Drittel aller Kinder vorschulische Bildung", so Barbara Malina. Heute besucht die Hälfte aller Kinder einen Kindergarten oder eine Vorschule. Und auch beim Zugang zur Grundschulbildung haben sich viele Länder bewegt: "Die Zahl der Kinder, die weltweit keine Grundschule besuchen, konnte seit 2000 halbiert werden", sagt Malina.

Seit einigen Jahren stagniert die Entwicklung

Bildungsexpertin Pauline Rose von der UNESCO (Foto: Rick Bajornas/UNESCO)

Bildungsexpertin Pauline Rose rechnet damit, dass bis 2015 kein einziges der sechs Ziele erreicht wird

Viele dieser Verbesserungen wurden jedoch vor allem in den ersten Jahren nach dem Weltbildungsforum in Dakar erzielt. Seither stagniert die Entwicklung in vielen wichtigen Bereichen. Beispielsweise ist die Zahl der Jugendlichen, die nicht zur Schule gehen, seit 1999 zwar um 31 Prozent auf 69 Millionen zurückgegangen. Seit 2007 ist aber nur wenig Veränderung zu erkennen. "Der Zugang Jugendlicher zu schulischer Bildung muss sich noch gewaltig verbessern", sagt Pauline Rose von der UNESCO.

Dass der Entwicklungsmotor seit ein paar Jahren stottert, wird vor allem auch bei den erwachsenen Analphabeten besonders deutlich: "774 Millionen Menschen weltweit sind Analphabeten, zwei Drittel von ihnen sind Frauen", so Pauline Rose. Die Zahl der erwachsenen Analphabeten ist seit 1990 um 12 Prozent gefallen, seit 2000 aber nur noch um ein Prozent. Seit genau dem Jahr also, in dem der Startschuss zum Programm "Bildung für alle" fiel. "Um dieses Ziel ist es am schlechtesten bestellt", konstatiert Rose. Etwa 175 Millionen junge Leute in ärmeren Ländern, also ein Viertel aller jungen Menschen weltweit, können gar nicht oder nur sehr wenig lesen. Ein Problem, das allein ein Drittel aller jungen Frauen in Süd- und Westafrika betrifft. Insgesamt rechnet Pauline Rose damit, dass keines der sechs Ziele bis 2015 erreicht wird.

Schwerpunktthema des diesjährigen Berichts: Lernen und Lehren

Nguyen, Lehrerin einer zweiten Klasse in der Provinz Lao Cai, Vietnam, hält ein modernes Schulbuch in der Hand (Foto: Tuan Nguyen/UNESCO)

Damit alle Kinder eine Grundbildung erhalten, müssten laut Bericht rund fünf Millionen Lehrer eingestellt werden

Dass viele Länder weit davon entfernt sind, ihre Bildungsabsichten bis 2015 in die Tat umzusetzen, führt der aktuelle Bericht insbesondere auf die Situation der Lehrer und auf die Qualität des Unterrichts zurück. Lernen und Lehren sind die Schwerpunktthemen des diesjährigen Berichts. "250 Millionen Kinder weltweit erwerben keine grundlegenden Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeiten, obwohl die Hälfte von ihnen vier Jahre in der Schule verbracht hat", sagt Barbara Malina. "Das ist ein alarmierendes Ergebnis des Berichtes." Vor allem Subsahara-Afrika ist davon betroffen. Der Weltbildungsbericht rechnet vor, dass die globale Bildungskrise die Weltgemeinschaft 129 Milliarden US-Dollar im Jahr kosten könnte.

Die Bildungsqualität hängt laut UNESCO maßgeblich von der Qualität der Lehrer und des Unterrichts ab. In vielen Ländern aber herrscht dramatischer Lehrermangel. Damit alle Kinder weltweit eine Grundschulbildung erhalten, müssten bis 2015 rund fünf Millionen Lehrer eingestellt werden.

Mehr Anreize für Lehrer in entlegenen Regionen

Ein Lehrer hält Unterricht unter einem Baum in einer abgelegenen Region Kenias (Foto: Karel Prinsloo/UNESCO)

In abgelegenen Gegenden wie hier in Kenia müssen besondere Anreize für Lehrer geschaffen werden

Und auch das zeigt der Bericht: In vielen Regionen der Welt benötigen Lehrer eine bessere Aus- und Fortbildung, leichteren Zugang zu gutem Unterrichtsmaterial und eine angemessene Vergütung. Gerade auf dem Land und in Entwicklungsländern müsse man besondere Anreize schaffen, um Lehrer auch in abgelegene Regionen zu locken, sagt Pauline Rose. Etwa durch Honorar-Aufschläge oder kostenfreie Unterkünfte. In Ländern wie Bangladesch und Gambia habe man damit bereits Erfolg.

Aber auch die Industrieländer haben laut Bericht Nachholbedarf beim Unterricht für Minderheiten. "Die Lehrer müssen auch für den Unterricht mit benachteiligten Gruppen ausgebildet werden. Und das geschieht oft nicht", sagt Barbara Malina von der deutschen UNESCO-Kommission. In Deutschland zum Beispiel stehen die Schulen derzeit vor der Herausforderung, Schülerinnen und Schüler mit Behinderung in den Regelunterricht zu integrieren. Und die Lehrer müssen sich verstärkt auf die speziellen Bedürfnisse von Kindern mit Migrationshintergrund einstellen.

2015 ist noch lange nicht Schluss

Unterricht in einer Klasse im indischen Gudur (Foto: Poulomi Basu/UNESCO)

Auch Kinder armer Eltern haben ein Recht auf Bildung

Schon jetzt sei klar, dass es nach 2015 eine neue Entwicklungsagenda geben werde, sagt Barbara Malina. "Zurzeit diskutieren die Vereinten Nationen in unterschiedlichen Gremien und Arbeitsgruppen, wie eine solche Agenda aussehen kann." Die UNESCO setzt sich sehr dafür ein, dass das Thema Bildung dabei eine große Rolle spielt. Auch deshalb, weil zwischen der Bildung und den Themen Armutsbekämpfung, Gesundheit und Demokratisierung ein enger Zusammenhang bestehe, sagt Barbara Malina: "Man schätzt, dass durch die bessere Bildung der Mütter in den letzten 20 Jahren das Leben von mehr als zwei Millionen Kindern unter fünf Jahren gerettet werden konnte."

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