Weltbildungsbericht: Gemeinsames Lernen nimmt Migration den Schrecken   | Deutschland | DW | 20.11.2018
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Migration

Weltbildungsbericht: Gemeinsames Lernen nimmt Migration den Schrecken  

Die UNESCO präsentierte den Weltbildungsbericht erstmals in Berlin. Das Motto: "Brücken bauen statt Mauern". Die UN-Bildungsorganisation skizziert darin Wege, wie Bildung Geflüchtete und Migranten besser integriert.

Es ist eine Premiere - und eine Ehre für Deutschland: Berlin wurde erstmals zur Bühne für die Vorstellung des alljährlichen Weltbildungsberichts, bei dem es um die Themen Migration und Bildung geht. Den Bericht präsentierte die UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay und Bundesaußenminister Heiko Maas. 

Deutschland hat seit 2015 über einer Million Geflüchteten Schutz geboten und gilt daher in UN-Kreisen als eine der letzten verlässlichen Stützen einer humanitären Asyl- und Migrationspolitik. Der Unterstützerkreis der UN-Bildungsorganisation wird kleiner und das weltweite Klima rund um Migrationsfragen ist rauer geworden.

Paris Peace Forum 2018 (picture alliance / NurPhoto)

Audrey Azoulay, Generaldirektorin der UN-Bildungsorganisation UNESCO

Jeder achte Mensch ist ein Binnenmigrant

Der Bericht untersucht, wie Migration und Flucht sich auf Bildungssysteme weltweit auswirken. Zudem analysiert das 362 Seiten starke Dokument, welche Fortschritte es auf dem Weg zur UN-Bildungsagenda 2030 schon gegeben hat. Und einige positive Entwicklungen gibt es mit Blick auf das globale Aktionsprogramm "Bildung für alle" in der Tat. So hat sich der Zugang von Frauen zur Sekundarschulbildung, also zu weiterführenden Schulen nach der Grundschule, in den Jahren 2000 bis 2015 deutlich verbessert. Auch wenn 63 Prozent aller Analphabeten noch immer Frauen sind, gilt heute auch: Die Mehrheit derjenigen, die eine tertiäre Ausbildung wie Studium oder Berufsausbildung beginnen, sind heute weiblich. Ein gewaltiger Fortschritt mit Blick auf die globale Geschlechtergerechtigkeit.

Der Fokus des Berichts liegt dabei bewusst auf den Chancen und den Erfolgen, die sich im Zusammenspiel von Bildung und Migration ergeben. Denn zu oft, so beklagen die Autoren, hätten "Opportunisten" das Thema Migration und Flucht gekapert, um "Mauern statt Brücken zu bauen". Dabei bestehe Handlungsbedarf, egal wie man sich zu dem Thema positioniere. Für die Aufnahmeländer ergeben sich durch die Migranten durchaus ökonomische Chancen, argumentiert der Bericht. Der Grund: Menschen mit höherer Bildung würden sich deutlich häufiger als andere zum Aufbruch in eine andere Region, ein anderes Land oder einen anderen Kontinent entschließen. Ein Trend, der weltweit erkennbar ist. 

Im Schnitt ist jeder achte Mensch weltweit ein Binnenmigrant, also jemand der im eigenen Land in eine andere Region umsiedeln musste. Eine Wanderungsbewegung, die Auswirkungen hat auf diejenigen, die weggehen, aber auch für diejenigen, die bleiben, besonders in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Besonders die Landflucht beraubt viele Binnenvertriebene aber ihrer Bildungschancen. Mindestens 800 Millionen Menschen lebten insgesamt in Slums, in denen es keinen Zugang zu Strom, Wasser und zu Bildung gebe.

 Kenia Slum und Apartmentsiedlung grenzen aneinander, Nairobi (picture-alliance/imageBROKER/U. Doering)

Der Zugang zu Bildung - im Slum deutlich schwieriger als im benachbarten Luxusviertel von Nairobi

Was das bedeutet, verdeutlicht das Beispiel Bangladesch. Dort war 2016 die Quote der jungen Erwachsenen im Sekundarschulalter, die keine Schule besuchten, in Slums doppelt so hoch wie in anderen städtischen Gebieten. Deshalb fordert der Bericht Regierungen weltweit zu einer vorrausschauenden Stadtplanung auf. Öffentliche Schulen müssten in Reichweite dieser informellen Siedlungen und Slums liegen, sonst sei das universell garantierte Recht auf Bildungszugang kaum das Papier wert, auf dem es geschrieben steht.

Bildungsrechte garantieren, Fluchtgeschichten thematisieren

Auch die internationale Migration, wenn Menschen also auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen ihr Land verlassen, beeinflusst die Bildungssysteme zunehmend. 2017 gab es laut Bericht 258 Millionen internationale Migranten. In den meisten Mitgliedsländern der OECD waren 2015 mindestens ein Fünftel der 15-jährigen Schüler Migranten oder hatten einen Migrationshintergrund. Die ist eine Herausforderung für die Bildungssysteme.

Mit einer umfangreichen Liste von Best-Practice-Beispielen und Empfehlungen zeigt der Bericht, was in der Praxis des jeweiligen Bildungssystems richtig, aber auch falsch laufen kann. So sollten Geflüchtete über einklagbare Bildungsrechte verfügen, was beinhaltet, dass diskriminierende Barrieren abgebaut werden. Ein Beispiel ist, dass die Vorlage der Geburtsurkunde nicht mehr zur Bedingung für die Aufnahme ins nationale Schulsystem gemacht werden darf. "Bestehende Vorschriften sollten keine Schlupflöcher oder Grauzonen beinhalten, die eine Interpretation einzelner Beamter auf lokaler oder Schulebene zulassen", schreiben die Autoren.

Kongo DRK Schulkind (DW/Flávio Forner
)

Jedes Kind hat ein Recht auf Schule: Migranten, Geflüchtete, Einheimische

Hart ins Gericht gehen die Studienmacher mit der gängigen Praxis in vielen Ländern, Migranten und Flüchtlinge als kurzfristig anwesende Gruppen zu behandeln, die in gesonderte Klassen abgeschoben werden. Sowohl die langfristige Integration wie auch der kurzfristige Bildungserfolg der Schüler mit Migrationshintergrund seien höher, wenn sie möglichst wenig von ihren einheimischen Mitschülern getrennt würden. Dies werde von wissenschaftlichen Studien eindeutig belegt.

Damit das Zusammenleben von heterogenen Gesellschaften verbessert werden kann, raten die Studienautoren auch zu einer Überprüfung der Lehrpläne selbst. Statt Flucht und Migration nur als Problem darzustellen, sollte den Schülerinnen und Schülern auch die andere Seite der Fluchtgeschichte(n) vermittelt werden, also beispielsweise der "Beitrag von Migration zu Wohlstand und Wohlergehen" der Aufnahmegesellschaft.

Bildungsausgaben der Entwicklungshilfe verzehnfachen

Niger Eröffnung der Angela-Merkel-Schule in Niamey (DW/A. Mamane Amadou)

Seit Oktober 2017 gibt es in Nigers Hauptstadt die Angela-Merkel-Schule

Damit das gelingen kann, braucht es Lehrer, die sensibel und mit entsprechendem Know-how weitergebildet die Themen darstellen können. Ihnen kommt laut Bericht eine wichtige Lotsenfunktion zu. "Lehrkräfte sind zwar keine Berater, sie können aber ausgebildet werden, um Stress und Traumata zu erkennen und Schüler mit entsprechendem Bedarf an Spezialisten zu verweisen."

Durch die Ankunft von Geflüchteten habe sich der bereits bestehende Lehrermangel aber in vielen Ländern noch einmal verschärft. So fehlten in Deutschland derzeit 42.000 Pädagogen, in der Türkei 80.000 Lehrer und in Uganda 7000 Schulkräfte.

Zudem raten die Autoren des Weltbildungsberichts dazu, das Potential und die Kompetenzen von Geflüchteten und Migranten stärker in den Fokus zu rücken. "Um dieses Potential auszuschöpfen, werden einfachere, billigere, transparentere und flexiblere Mechanismen zur Anerkennung akademischer Qualifikationen und beruflicher Kompetenzen benötigt", heißt es weiter. Im UN-Migrationspakt, dem "Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration", wird diesem Thema besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt, um noch 2019 zu einer globalen Übereinkunft zu kommen.

Infografik Subsahara-Afrika Schulbildung DE

Besonders die globale Entwicklungszusammenarbeit ist gefragt, um Migranten und Geflüchteten Bildungschancen zu ermöglichen. Die Autoren leiten dies von der Erkenntnis ab, dass zwar zwei Drittel der internationalen Migranten in Länder mit hohem Einkommen streben, neun von zehn Geflüchteten aber in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen landen. "Um dem Bedarf gerecht zu werden, müsste der Anteil an humanitärer Hilfe für Bildung verzehnfacht werden". Ein Blick auf die Situation in Subsahara-Afrika zeigt, wie dringend Investitionen in den Schulsektor gebraucht werden.  

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