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Neuer Rekord beim Web Summit in Portugal

Jochen Faget Lissabon
31. Oktober 2022

Trotz Krieg in der Ukraine und schlechter Weltwirtschaftslage sind so viele Startups wie nie in Lissabon vertreten. Ein Schwerpunkt des diesjährigen Gipfels liegt auf dem umstrittenen Geschäft mit Kryptowährungen.

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Bühne mit riesigem Schriftzug Web Summit
Bild: Jochen Faget/DW

Der Internet-Zirkus ist wieder in der Stadt: Rund 70.000 Web-Summit-Teilnehmer sind in diesem Jahr nach Lissabon gekommen, so viele wie in besten Vor-Covid-Zeiten. Sie stehen Schlange an Lissabons Flughafen und vor dem Messegelände am Tejo-Fluss. Sie haben die letzten überteuerten Betten in Portugals Hauptstadt belegt, überfüllen Lissabons sowieso schon volle Bars und Restaurants. Von Dienstag bis Freitag herrscht das große Web-Summit-Gedränge.

Mehr als 900 Sprecher, 2000 Startups, über 1000 Investoren, die Geld zu vergeben haben: Der Web Summit 2022 kann sich wieder einmal sehen lassen. "Der Platz für die Aussteller wurde um 60 Prozent erweitert", berichtet Paddy Cosgrave, der Organisator, in einem Exklusivinterview für DW. "Viel mehr, als beim bisher größten Web Summit 2019. Alles wird noch größer werden."

Schon für die Eröffnungsnacht am Dienstag verspricht er Überraschendes: "Wir können die Namen der Sprecher aus Sicherheitsgründen noch nicht nennen. Aber es handelt sich um weltbedeutende politische Personen." Und natürlich auch Portugals Ministerpräsident António Costa sowie der Bürgermeister Carlos Moedas, die sich beim Web Summit traditionell besonders gern als Internet-Fans outen.

Organisator Paddy Cosgrave gestikuliert
Die Krypto-Währungen sollen beim Summit zur Sprache kommen, verspricht Organisator Paddy CosgraveBild: Jochen Faget/DW

Schwerpunkt Kryptowährungen

Die Themenliste ist fast endlos und geht bunt durcheinander, einen besonderen Schwerpunkt legt der Web Summit in diesem Jahr jedoch auf Krypto-Währungen. Die seien, so Cosgrave, mit besonders schlechten Schlagzeilen aufgefallen. "Da wird eine Menge Geld verbrannt und die Verantwortlichen müssen sich der Öffentlichkeit stellen und erklären", findet Cosgrave. "Viele Leute haben viel Geld verloren, es scheint, dass manchen Verantwortlichen sogar Gefängnis droht. Da müssen harte Fragen gestellt werden."

Die angeschlagene Weltwirtschaft wirft ihre Schatten auch auf den Web Summit: Cosgrave nennt den Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China, in den auch Europa verwickelt sei, und das Thema Energie, das inzwischen alles dominiere. "Finanzierung und Wachstum sind dramatisch schwerer geworden für Startups, auch diesen Aspekt wollen wir in diesem Jahr beleuchten." Natürlich auch, weil so viele Startups dabei sind wie noch nie.

Der Ukraine-Krieg und die Lage im Land stehen ebenfalls im Fokus: "Viele Unternehmensbosse, die Frieden wollen, werden ihre Meinung sagen", kündigt Cosgrave an. "Und wir haben natürlich auch wichtige Leute aus der NATO und der Ukraine, die mitdiskutieren werden." Das Land ist mit einem eigenen Stand vertreten. Deutschland natürlich auch, es stellt laut Cosgrave die größte Delegation beim Web Summit.

Der Deutsche Stand aus der Messe im vergangenen Jahr
Die deutsche Delegation, hier der Stand im vergangenen Jahr, wird die größte nationale Vertretung beim Gipfel seinBild: Jochen Faget/DW

'Night Summit' und Gentrifizierung

Weltwirtschaftslage hin, Ukrainekrieg her - die Web-Summit-Teilnehmer wollen und sollen auch Spaß haben. Spätestens beim 'Night Summit', dem abendlichen Zug durch Lissabons Kneipen. "Bei einem Drink in ungezwungener Gesellschaft ergeben sich oft ganz neue Geschäftsmöglichkeiten", weiss Paddy Cosgrave. Also wird jede Nacht in einem anderen Stadtteil gefeiert.

Allerdings oft zum Leidwesen der Lissabonner. Die klagen seit langem über die Gentrifizierung ihrer Stadt. Darüber, dass sie wegen Airbnb keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden. Dass immer mehr 'digitale Nomaden' die Mieten und sogar die Kaffeepreise in Lissabon in für Portugiesen unbezahlbare Höhen getrieben haben, ganze Viertel ihren ursprünglichen Charakter verlieren.

Die portugiesische Regierung träumt von einem modernen, digitalen Land, will sogar eigene Visa für Nicht-EU-Bürger schaffen, die - so stellt sie es gern dar - mit Computern an den Stränden Geld verdienen. Allerdings müssen diese modernen Nomaden knapp 3.000 Euro im Monat verdienen, damit sie bleiben dürfen - fast drei Mal so viel wie ein portugiesischer Normalverdiener.

Menschen sitzen auf der Terrasse eines Cafés
Der Summit findet in der ganzen Stadt statt - nicht immer zur ungeteilten Freude der LissabonerBild: Frank Hoermann/SVEN SIMON/picture alliance

Die Regierung sieht diese Gentrifizierung anders als viele Lissabonner nicht als Problem, sondern als Chance. Cosgrave räumt ein, dass auch der Web Summit für die Entwicklung mitverantwortlich ist. "Es liegt aber an den Politikern, dafür zu sorgen, dass Städte sich harmonisch und nachhaltig entwickeln", stellt er fest. Lissabon und Portugal würden genug Geld einnehmen, auch für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen und Auswüchse zu verhindern: "Es ist unverantwortlich, wenn Städte boomen und viel Steuergelder einnehmen und nicht auch die entstehenden sozialen Probleme lösen."

Ob sie das tun, bleibt abzuwarten. Ebenso wie die Reaktion der Web-Summit-Besucher auf die versprochene Video-Konferenz mit dem berühmten amerikanischen Linguisten und Philosophen Noam Chomsky am Freitag, dem Abschlusstag. Der 94jährige wird nämlich über 'die große Lüge von der Künstlichen Intelligenz' sprechen. Danach ist wieder für ein Jahr Schluss mit dem Internet-Zirkus in Lissabon.