Deutschland will Wasserstoff-Land Nummer eins werden | Aktuell Deutschland | DW | 10.06.2020
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Energie

Deutschland will Wasserstoff-Land Nummer eins werden

Deutschland will in der klimafreundlichen Wasserstoff-Technologie weltweit führend werden und will dafür die industrielle Produktion vorantreiben. Dazu beschloss das Kabinett eine "Nationale Wasserstoffstrategie".

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Ehrgeiziger Plan: Deutschland will in der Wasserstoff-Technologie zum Vorreiter werden

Monatelang hat die Regierungskoalition in Berlin um die "Nationale Wasserstoffstrategie" zur Produktion und zum Einsatz des Brennstoffs gerungen. Jetzt hat sie es geschafft und das ehrgeizige Projekt auf den Weg gebracht. Nach der Verabschiedung der Strategie im Bundeskabinette sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier: "Wir müssen die Energiewende und den Klimaschutz auf eine neue qualitative Stufe heben". Und er fügte hinzu: "Wir wollen die Nummer eins werden, auch aus Gründen unserer Wettbewerbsfähigkeit." Bei der Wasserstoff-Produktion mit erneuerbarer Energie soll auch das europäische Ausland und Afrika eine Rolle spielen.

Wasserstoff kommt in der Natur zwar mannigfach vor - wie etwa in Wasser - praktisch gibt es ihn aber fast nur in gebundener Form. Für die Nutzung als Energieträger muss Wasserstoff daher unter Einsatz von anderen Energiequellen in reiner Form gewonnen werden. Die Bundesregierung strebt an, dass dieser Energieeinsatz emissionsfrei sein soll, also aus erneuerbaren Energien stammen soll. Dann wird von grünem Wasserstoff gesprochen.

Deutschland Russland-Konferenz der deutschen Wirtschaft in Berlin (picutre-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Er sieht im Wasserstoff einen "Schlüsselrohstoff": Wirtschaftsminister Peter Altmaier

Afrika als wichtiger Partner

Mit Hilfe von Wind- oder Sonnenstrom erzeugter Wasserstoff gilt als zentraler klimafreundlicher Brennstoff gerade für die Industrie. Während bei Autos der direkte elektrische Antrieb favorisiert wird, fehlen klimafreundliche Lösungen für Schwerlaster, die Schifffahrt sowie Chemie-, Stahl- und Zementindustrie. Klar ist, dass mittelfristig Wasserstoff etwa aus sonnen- und windreichen Gegenden Südeuropas oder Afrikas importiert werden muss. Erneuerbare Energien aus Deutschland werden dies allein nicht leisten können, weil für die Wasserstoff-Produktion sehr große Menge benötigt werden.

"Ohne die Sonne Afrikas werde wir alle diese Ziele nicht erreichen können", sagte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Da lag es nahe, sich mit einem afrikanischen Land zu verbünden. Im Wirtschaftsministerium in Berlin unterzeichneten mehrere Minister und die Botschafterin von Marokko, Zohour Alaoui, eine Vereinbarung zur Begründung einer Wasserstoffallianz. Im Süden Marokkos steht bereits das größte Sonnenkraftwerk der Welt - hier soll auch eine Produktionsanlage für grünen Wasserstoff entstehen, wie der Entwicklungsminister ankündigte. Den dort erzeugten Wasserstoff würden aber zunächst "unsere marokkanischen Freunde" nutzen.

Länder in Nordafrika seien vor allem geeignete Produktionsstandorte für grünen Wasserstoff, da dort die Sonne nahezu unbegrenzt scheint, sagte Müller. Die erste industrielle Anlage für grünen Wasserstoff in Afrika, die in Marokko gebaut werden soll, schaffe dort Arbeitsplätze für vielen junge Menschen, stärke die Technologieführerschaft in Deutschland und helfe, die internationalen Klimaziele wirksam zu erreichen.

Pressekonferenz zur Wasserstoffstrategie Gerd Müller (picture-alliance/dpa/J. Macdougall)

Große Pressekonferenz zur Wasserstoffstrategie in Berlin: Entwicklungsminister Gerd Müller, Umweltministerin Svenja Schulze, Wirtschaftsminister Peter Altmaier, Forschungsministerin Anja Karliczek und Staatsminister Steffen Bilger

Neun Milliarden Euro Förderung

Altmaier prophezeite einen "Quantensprung" in der Energieversorgung. Wasserstoff sei ein "Schlüsselrohstoff", der ohne CO2-Emissionen und ohne die Ausbeutung von Rohstoffen erzeugt werden könne. Im jüngst beschlossenen Konjunkturprogramm seien erstmals finanzielle Mittel "in beträchtlicher Höhe" eingeplant, um die Wasserstofferzeugung und -anwendung zu fördern, nämlich sieben Milliarden Euro. Weitere zwei Milliarden Euro sollen in internationale Partnerschaften fließen.

Die Strategie der Bundesregierung sieht vor, dass bis 2030 Produktionsanlagen von bis zu fünf Gigawatt Gesamtleistung entstehen sollen, einschließlich der erforderlichen Windkraftanlagen. Bis 2040 sollen dann Elektrolyse-Kapazitäten von zehn Gigawatt aufgebaut werden - dies entspricht der Leistung von zehn Atomkraftwerksblöcken. Gefördert werden soll die Produktion unter anderem durch Abgabe-Befreiungen für Strom aus Wind oder Sonne, mit dem Wasserstoff aus Wasser klimafreundlich erzeugt werden soll. 

Bundesumweltministerin Svenja Schulze erwartet, dass die nationale Wasserstoffstrategie Deutschland einen "doppelten Schub" verleihen wird - für den Klimaschutz und die nachhaltige Erholung der Wirtschaft nach der Corona-Krise. Grüner Wasserstoff könne etwa in der Stahlindustrie oder im Flugverkehr den Klimaschutz voranbringen. Die SPD-Politikerin betonte: "Wer Ja sagt zu Wasserstoff, muss auch Ja sagen zu Windenergie." Für grünen Wasserstoff brauche Deutschland zusätzlichen grünen Strom. "Deswegen müssen und werden wir die erneuerbaren Energien konsequent ausbauen", kündigte die Umweltministerin an.

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Zukunft Wasserstoff? (26.02.2020)

Greenpeace macht Bedenken geltend

Auf Kritik bei Umweltverbänden stößt, dass auch Wasserstoff importiert werden soll, der aus Erdgas erzeugt wird. Das freigesetzte CO2 muss dann unterirdisch etwa in Norwegen gespeichert werden. Greenpeace bemängelte, die Regierung verschleiere hier die Risiken. Zudem werde so die Produktion aus erneuerbaren Energien behindert. Der World Wide Fund for Nature warnte, Wasserstoff im Kampf gegen den Klimawandel zu überschätzen und als Allheilmittel zu sehen. Der Einsatz müsse wegen des hohen Aufwandes bei der Produktion begrenzt bleiben.

Das Umweltministerium hatte sich daher gegen den Einsatz bei Autos ausgesprochen, konnte sich aber nicht vollständig durchsetzen. Im Konzept heißt es jetzt: "Auch in bestimmten Bereichen bei Pkws kann der Einsatz von Wasserstoff eine Alternative sein."

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigt sich erleichtert, dass nach dem Streit das Konzept nun beschlossen ist: "Die Entscheidung der Bundesregierung kommt keinen Moment zu früh", sagte BDI-Geschäftsführer Holger Lösch. Leider blieben bei der Finanzierung der Produktion aber noch Fragen offen.

kle/cw (rtr, afp, dpa)

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