Wasserknappheit in der Türkei | Europa | DW | 22.01.2021
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Türkei

Wasserknappheit in der Türkei

Der Sommer 2020 war sehr heiß, der Winter zu trocken: Weil die Staudämme fast leer sind, herrscht in den Metropolen der Türkei enorme Wasserknappheit. In Istanbul etwa reicht das Wasser nur noch rund zwei Monate.

2020 war weltweit das heißeste der vergangenen zehn Jahre. Extreme Trockenheit und Dürre waren in vielen Regionen der Welt die Folge. Auch in der Türkei sind die Auswirkungen dieses Dürrejahres zu spüren: Das Wasser für die Bevölkerung in den Metropolen Istanbul und Ankara wird knapp.  

Denn nach dem ungewöhlich heißen Sommer fielen im Herbst und Winter auch die erhofften Regenfälle aus: Durchschnittlich 33 Millimeter Niederschlag gab es landesweit im Dezember 2020 - Negativrekord. Der ausbleibende Regen führte dazu, dass der Wasserspiegel in den Staudämmen so niedrig ist wie lange nicht mehr. Insbesondere in Istanbul nimmt die Wasserknappheit ein bedrohliches Maß an: Die durchschnittliche Auslastung der zehn Dämme, die die 16-Millionen-Metropole mit Trinkwasser versorgen, liegt bei gerade einmal 20 Prozent. Vier der zehn Staudämme enthalten überhaupt kein Wasser mehr.   

Kampf gegen die Zeit  

Nach Angaben der Istanbuler Wasser- und Abwasserverwaltung (ISKI) werden in Istanbul durchschnittlich knapp drei Millionen Kubikmeter Wasser pro Tag verbraucht. Am 31. Dezember befanden sich in den zehn Dämmen ungefähr 176 Millionen Kubikmeter Wasser. Rein rechnerisch reicht das Wasser für die Stadt Istanbul also nur noch bis Anfang März. Die Stadt versucht zusätzliche Wasserkapazitäten aufzubauen, indem täglich ungefähr eine Million Kubikmeter zusätzliches Wasser aus den Quellen des Flusses Melen Cayi und aus dem Grundwasser der Provinz Düzce gewonnen wird. 

Doch damit ist das Problem noch lange nicht gelöst. Die Istanbuler Großstadtverwaltung (IBB) versucht nun mit weiteren Maßnahmen, gegen die Wasserknappheit anzukämpfen – so sollen kostenlos Spareinsätze an die Bevölkerung verteilt werden, die den Verbrauch von Wasserhähnen um bis zu 50 Prozent reduzieren können. 

Emel Tüfekci, Leiterin der Wasser- und Abwasserverwaltung des Istanbuler Bezirks Kağıthane

Emel Tüfekci, Leiterin der Wasser- und Abwasserverwaltung des Istanbuler Bezirks Kağıthane

"Die Verteilung der Geräte wird im Bezirk Beşiktaş beginnen, der als Pilotgebiet ausgewählt wurde", erklärt Emel Tüfekci, Leiterin der Wasser- und Abwasserverwaltung des Istanbuler Bezirks Kağıthane. Die Geräte, die von der Verwaltung verteilt werden, seien viel effizienter als die herkömmlichen Geräte auf dem Markt, garantiert Tüfelci. "Leider sind die erwarteten Regenfälle in letzter Zeit ausgeblieben. Daher werden wir in der kommenden Zeit noch mehr Wasser einsparen müssen". Jeder einzelne Bürger sei also gefragt, sich sparsam zu verhalten. 

Mit "Bomben" gegen die Wasserknappheit

Orhan Sen von der Technischen Universität Istanbul plädiert für sogenannte "Regenbomben", um die Wasserknappheit in den Griff zu bekommen.

Der Meteorologe verweist darauf, dass dadurch die Niederschlagsmenge um bis zu 30 Prozent erhöht werden könne: "Das Wasser befindet sich in den Wolken, aber die Partikelmenge reicht nicht aus. Also muss sie eben erhöht werden - das steigert den Niederschlag. Dies könnte man zurzeit in der Türkei gebrauchen."

Diese Methode habe man in den 1970er Jahren erfolgreich unter anderem in Ländern wie China angewendet. Dazu würde eine am Flügel eines Flugzeugs angebrachte Patrone verbrannt. "In diesen Patronen befindet sich Silberjodid, das verteilt wird und eine Zunahme von Eiskristallen und somit auch Niederschläge bewirkt", erklärt der Experte.

Orhan Sen von der Technischen Universität Istanbul

Orhan Sen von der Technischen Universität Istanbul

Natürlich sei das aber keine dauerhafte Lösung.

Sen kritisiert, dass Meteorologen bereits im Juni gewarnt hätten, dass nicht ausreichend Maßnahmen getroffen wurden – man hätte Regenwasser sammeln und die Verdunstung reduzieren können. "Zurzeit werden mit unserem Trinkwasser auch noch immer Teppiche und Autos gewaschen. Das Wasser hätte man der Stadt nicht monatelang zur freien Verfügung stellen dürfen".

Schäden an der Landwirtschaft

Der Meteorologe sei sich sicher, dass in den kommenden Monaten weitere Probleme auf die Türkei zukommen würden. Schäden für die Landwirtschaft und Missernten mit schweren sozioökonomischen Folgen seien die langfristigen Folgen. 

Auch die Stadtverwaltung der Hauptstadt Ankara steht durch die Wasserknappheit vor großen Herausforderungen. Bürgermeister Mansur Yavaş verkündete letzte Woche auf dem Nachrichtendienst Twitter, dass das Wasser nur noch für 110 Tage ausreiche, die Auslastung der Dämme sei auf 20 Prozent gesunken.

Immerhin gebe es jetzt wieder Grund zur Hoffnung: Der Wasserstand in einigen türkischen Dämmen steigt zurzeit wieder leicht an. Regen- und Schneefälle haben laut türkischen Meteorologen in den vergangenen Tagen stark zugenommen. 

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