Was tun, wenn der Wolf kommt? | Wissen & Umwelt | DW | 19.07.2015
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Was tun, wenn der Wolf kommt?

Ein Gentest brachte den Beweis. Kein Hund, sondern ein Wolf wurde jüngst im Schwarzwald überfahren. Auch in anderen Bundesländern sind Wölfe aufgetaucht. Ein "Wolfsmanagement" soll den Umgang mit dem Raubtier regeln.

Der Wolf ist zurück. 150 Jahre nach seiner Ausrottung durch den Menschen nimmt die Zahl der Raubtiere in Deutschland zu. Nach dem Abbau der Grenzen 1990 wanderten sie aus Osteuropa ein. Auch Populationen in Italien und Portugal haben die Hetzjagd überlebt. Und weil das Wildtier, das sich hauptsächlich von Rehen und Wildschweinen ernährt, weite Strecken zurückzulegen imstande ist, bahnt es sich seinen Weg weiter in den europäischen Westen und Norden.

In Deutschland haben sich nach Angaben des Naturschutzbund Deutschland (NABU) rund 30 Rudel und insgesamt 300 Tiere angesiedelt. Sie dürfen nicht gejagt werden. Damit wächst die Sorge vor Begegnungen mit dem scheuen Raubtier und vor Schäden an Nutztierbeständen.

Schafe im Ruhrgebiet (Foto: picture alliance).

Schafe - eine gefundene Beute für den Wolf

In Südfrankreich gehen Bauern und Schäfer aus diesem Grund in diesen Wochen auf die Barrikaden. Sie drohen gar mit einer medienwirksamen Blockade der Tour de France am 22. oder 23. Juli, wenn die Radprofis durch ihre Region strampeln. Die Situation sei nicht mehr tragbar, beklagen die Nutztierhalter in einem Schreiben an Frankreichs Ministerpräsidenten Manuel Valls. 8500 Schafe sollen Wölfe vergangenes Jahr gerissen haben.

Deren Halter fordern nun, die auf 300 Wölfe geschätzte Population nicht mehr entsprechend der Berner Konvention zu schützen.

Dem Abkommen zufolge zählt der Wolf (Canis lupus) zu den freilebenden Arten, die weder gestört noch gefangen, getötet oder gehandelt werden dürfen. Trotzdem hatte die Regierung in Paris die Zahl der Tiere, die zum Abschuss freigegeben wurden, von 24 auf 36 pro Jahr erhöht. Auch in Deutschland könnte sich solch eine Situation ergeben, meint Markus Bathen, Wolfsexperte beim NABU: "Wenn sich die Schäfer Schutzmaßnahmen verwehren - wie in Frankreich geschehen - und die Herden also frei herumlaufen und nicht durch einen Zaun geschützt sind, dann reißen die Wölfe sie."

Ein verletzter Wolf wird behandelt (Foto: Mehr)

Hund oder Wolf? Experten behandeln ein verletztes Tier

Vom Wolf überrascht

Um Schäden an Mensch und Tier zu verhindern haben die jeweiligen Ministerien der Bundesländer mit Naturschutzbehörden sowie Naturschutz-, Jagd- und Landnutzerverbände vereinzelt Strategien für ein "Wolfsmanagement" entwickelt. Nationale einheitliche Richtlinien gibt es nicht.

Stadtstaaten argumentieren, in Großstädten wie Berlin seien die Überlebenschancen für Wölfe geringer als in waldreichen und dünn besiedelten Regionen, "Auch in Berlin, Hamburg oder Bremen können Wölfe auftauchen, weil sie weite Strecken zurücklegen und sich anpassen können. Dann ist die Aufregung umso größer, wenn die Menschen dort nicht darauf vorbereitet sind", gibt Markus Bathen zu Bedenken.

Mensch und Wolf in Co-Existenz

Einer Analyse des NABU zufolge sind nur die Bundesländer Sachsen und Brandenburg auf ein Zusammenleben mit dem Wolf eingestellt, weil sie dort seit 15 Jahren leben. Bathen betreibt ein NABU-Informationsbüro in Brandenburg, nahe der deutsch-polnischen Grenze. "Ich merke, dass die Leute sich im Laufe der Zeit beruhigt haben. Sie fragen nicht mehr so häufig um Rat. Und es finden keine emotionalen Diskussionen mehr über die Anwesenheit des Wolfes und die daraus resultierenden Folgen für den Menschen statt."

NABU-Wolfsexperte Markus Bathen (Foto: NABU/K. Karkow).

Markus Bathen: Der Wolf hat eine Daseinsberechtigung

Schafhaltung sei weiterhin möglich, und das Wild sei nicht ausgestorben. "Die Leute sehen den Wolf gar nicht. Er bedroht sie nicht. Insofern hat sich eine gesunde Gleichgültigkeit eingestellt", so Bathen.

Im nördlichsten und waldarmen Bundesland Schleswig-Holstein hat die Landesregierung erst nach dem Angriff eines Wolfes auf eine Schafsherde 100.000 Euro zur Finanzierung des "Wolfsmanagements" zugesagt.

Nach ähnlichen Zwischenfällen hat das Umweltministerium in Rheinland-Pfalz hat einen 40-seitigen Leitfaden veröffentlicht. Darin dargestellt sind Aspekte über die Biologie des Tieres, den Unterschied vom Hund, Angaben über eine Notfall-Hotline, Tipps für den Umgang mit verhaltensauffälligen, kranken, verletzten Wölfen, Verhaltensregeln für Begegnungen, Präventionsmaßnahmen, für das Management im Schadensfall und bei Konflikten. So sollen Schäfer entschädigt werden für Tiere, die vom Wolf gerissen werden.

"Menschen werden angehalten, keine Abfälle, Tierkadaver oder Schlachtabfälle im Freien aufzubewahren", ergänzt Markus Bathen. "Das ist mit menschlichen Gerüchen behaftet. Es signalisiert dem Wolf: In der Nähe des Menschen finde ich Futter." Auf keinen Fall sollten Wölfe angelockt und gefüttert werden. Durch solche Maßnahmen könnte der Wolf das natürliche Desinteresse am Menschen verlieren.

Deutsche Institutionen wollen nicht gegen die Artenschutzgesetze verstoßen, indem sie den Wolf zum Abschuss freigeben. Stattdessen sollen Wildbiologen mit Gummigeschossen Tiere vergrämen. Auch ist die dauerhafte Vertreibung aus sensiblen Zonen mit Paintball-Munition angedacht.

Wolfsmanagement als Prozess

Der Wolf ist ein anpassungsfähiges Tier. Deshalb arbeiten die Bundesländer an Strategien, die permanent überarbeitet und angepasst werden müssen. "Wir erleben den Wolf zum ersten Mal nach 150 Jahren in einer Industrie- und Kulturlandschaft. Wir müssen ständig beobachten, wie er sich in dem engmaschigen Straßennetz und den durch die Infrastruktur zerschnittenen Jagdgebieten entwickelt", sagt Markus Bathen. Außerdem müsse man beobachten, wie sich die Haltung der Bevölkerung gegenüber dem Wolf entwickele.

In Brandenburg kommen daher einmal pro Jahr nahezu 100 Institutionen auf Einladung des Landes-Umweltministeriums zusammen, um das Wolfsmanagement zu aktualisieren. Mit dabei der NABU-Wolfsexptere Bathen: "Wir Menschen haben den Wolf ausgerottet. Nun müssen wir im Sinn des Artenschutzes alles dafür tun, damit er eine Daseinsberechtigung hat."

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