Was macht ein Buch zu einem schönen Buch? | Bücher | DW | 24.03.2019
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Leipziger Buchmesse

Was macht ein Buch zu einem schönen Buch?

Gestaltung, Herstellung, Druck, Bindung - sind es diese Faktoren, die ein Buch attraktiv machen? Was bedeutet gutes Buchdesign im digitalen Zeitalter? Darüber debattieren deutsche Grafiker und die Stiftung Buchkunst.

Gibt es ein Geheimrezept, etwas, das einem Buch die Seele einhaucht, die Leser magisch anzieht? Die in Leipzig und Frankfurt ansässige Stiftung Buchkunst stellt Jahr um Jahr Bücher vor, die diese Rezeptur gefunden zu haben scheinen. Sie lobt alljährlich einen internationalen Wettbewerb aus, durch den die schönsten Bücher aus aller Welt gekürt werden. Die Auswahl, die die Jury 2019 getroffen hat, war auf der Leipziger Buchmesse zu sehen, wo auch die Preise vergeben wurden. Die höchste Auszeichnung, die Goldene Letter, ging in diesem Jahr an einen Katalog aus den Niederlanden. 

Die schönsten deutschen Bücher

Neben dem internationalen gibt es auch zwei nationale Wettbewerbe. Die schönsten deutschen Bücher kürt eine Jury im Auftrag der Stiftung Buchkunst alljährlich im Herbst, um sie dann auf der Frankfurter Buchmesse zu präsentieren. Aktuell läuft noch bis Ende März die Einreichungsfrist für die fünf verschiedenen Kategorien, in denen Preise und Auszeichnungen für die "Schönsten Deutschen Bücher" vergeben werden. Daneben vergibt die Stiftung seit 1989 auch einen "Förderpreis für junge Buchgestaltung", "der außergewöhnliche, neue Ideen zu gedruckten Büchern" prämiert.

Leipziger Buchmesse Die Schönsten Bücher der Welt 2019 (DW/S. Peschel)

Ausstellung am Stand der Stiftung Buchkunst auf der Leipziger Buchmesse 2019

"Erstklassige Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung" sind die Kriterien, anhand derer die unabhängige Jury ihre Auswahl der schönsten deutschen Bücher trifft. Der Wettbewerb ist einer der ältesten der Branche, er geht auf das Jahr 1929 zurück und wurde vor dem Hintergrund der Industrialisierung der Buchproduktion ins Leben gerufen. Doch seit einigen Jahren nimmt er im Zeichen der Digitalisierung neue Konturen an. Die Frage nach den Kriterien, die ein Buch zu einem schönen Buch machen, stellt sich neu - und wird verschieden beantwortet. 

Ein Gestaltungswettbewerb, der sich am Handel orientiert

Seit 2012 wird der Wettbewerb gestrafft durchgeführt, in jeder Kategorie nur noch ein Sieger gekürt. Das Verfahren orientiert sich nicht nur an ästhetischen Qualitäten, sondern auch am Buchhandel, dient dazu, Bücher besser am Markt zu platzieren. "Die Ausstattung soll veranlassen, dass man überhaupt erst mal nach dem Buch greift, deswegen sind Cover natürlich auch relativ wichtig", erklärt die Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst Katharina Hesse. "Aber es sind viele Faktoren, die ein Buch zu einem schönen Buch machen. Grundsätzlich muss man immer als allererste Prämisse sehen, dass der Inhalt möglichst durch die Gestaltung und die Ausstattung transportiert werden muss. Da darf nicht gelogen, nichts geheuchelt werden." 

Lügen, das können Covergestaltungen sein, die einfach nur modischen Trends folgen, verdeutlicht Hesse. "Eine Zeitlang waren das beispielsweise Vögel, oder Damen, die unter der Laterne laufen." Oder eine Gestaltung, die auf eine falsche Fährte führt: beispielsweise ein Thriller, der so verpackt wird, dass er aussieht wie ein Liebesroman.

Stiftung Buchkunst - Schönste Bücher der Welt 2019 | Jury (Stiftung Buchkunst/Carolin Blöink)

Welches sind die "schönsten Bücher aus aller Welt"? Die Jury 2019

Die Typografie, die Seitengestaltung, der Satzspiegel, die Einbindung von Bildern, der Einband, das alles müsse zum Inhalt passen, das Material stimmig sein. "Um ein schönstes Buch zu werden, muss wirklich von innen nach außen und von außen nach innen alles stimmen."

Die Schönheit von Büchern wird vom Inhalt her gedacht

Das sieht auch Markus Dreßen nicht anders. Der Achtundvierzigjährige unterrichtet Grafik-Design an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Seit 2001 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Spector und Mitbegründer des gleichnamigen Verlags. Er gestaltet kunsttheoretische Bücher, Kataloge und Zeitschriften, oft für den internationalen Markt. Der Stiftung Buchkunst verdankt er viel, wie er im Gespräch mit der DW berichtet, auch von ihm gestaltete Bücher wurden schon ausgezeichnet. Trotzdem gehört er zu den Initiatoren eines Offenen Briefes, in dem führende Designer die Arbeit der Stiftung im letzten Jahr harsch kritisierten und sogar eine alternative Institution forderten, um künstlerische Buchgestaltung aufzuspüren.

"Heutzutage wird die Schönheit von Büchern vom Inhalt her gedacht, gute Reihenkonzepte, Covergestaltung", sagte der Hochschullehrer. Das Niveau der Zusammenarbeit von Editoren, Gestaltern, Herstellern, Druckerei und Buchbinderei sei in den letzten 20 Jahren sehr angestiegen. "Das ist beeindruckend. Alle Bücher, die nicht von innen heraus diese Stimmigkeit erzeugen, diese intelligenten Konzepte anstreben, haben heute keine Sichtbarkeit." 

Gute Gestaltung ist individuelle Gestaltung

Herausragende Bücher aber zeichneten sich durch sehr individuelle und sehr vielschichtige Buchkonzepte aus. Deshalb hält Dreßen die Straffung des nationalen Buchkunstwettbewerbs, die 2012 vollzogen wurde, für falsch. Man habe von 50 auf 25 prämierte Bücher reduziert, nur noch fünf statt sieben Kategorien. "Der ganze Wettbewerb ist mit der Formel 'Fünf mal Fünf' sehr stark auf den Buchhandel ausgerichtet worden, weil sich 50 Bücher im Buchhandel nicht kommunizieren lassen. Aber ein Tisch mit 25 Büchern bekommt Aufmerksamkeit." Der ganze Wettbewerb sei in seiner Vielfalt verengt worden.  

Leipziger Buchmesse Die Schönsten Bücher der Welt 2019 (DW/S. Peschel)

Ein gelungenes Cover sollte stimmig die Inhalte transportieren - und Lust machen zuzugreifen

"Ich sehe bei meinen Studierenden, dass dieser Wettbewerb an Einfluss verloren hat", erzählt der Grafiker. "Studierende schauen bei Instagram, wo neue Trends sind, wo neue Buchgestaltung passiert - und evaluieren diese Buchgestaltung mit Klicks. Dass sich die Stiftung Buchkunst als Autorität hinstellt und sagt, wir wissen, was schöne Bücher sind, das interessiert junge Menschen nicht, das geht an denen vorbei."

Schöne Bücher spielen mit Konventionen

Welche Rolle kann das Buch in der Zukunft spielen? Es steht in Konkurrenz zu anderen Medien. Um zu verhindern, dass sich die nächste Generation vom Buch abwendet, muss man, so sieht es Dreßen, auch Designer miteinbeziehen in die Fragestellung, wie das Medium Buch weiterentwickelt werden kann. "Heutzutage spielen verschiedene Medien miteinander, genau da müsste der Stiftungsauftrag erweitert werden, um sich einer jüngeren Generation zuzuwenden."

Leipziger Buchmesse Die Schönsten Bücher der Welt 2019 (DW/S. Peschel)

Entscheidend ist (nicht nur), was zwischen den Buchdeckeln steht

Die digitale Buchgestaltung eröffnet immer wieder neue Gestaltungsmöglichkeiten. "Doch das Buch ist ein Medium mit sehr starken Konventionen", darauf weist Stefan Stefanescu hin, der an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) redaktionelles Design unterrichtet. "Schöne Bücher sind häufig die, die intelligent mit den Konventionen spielen oder sie verändern - also etwas Neues machen im Bewusstsein der Konventionen, die am Buch hängen." Möglicherweise ist das die Formel, mit der sich die Seele der schönsten Bücher entdecken lässt.

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