Was fühlt Deutschland? | Deutschland | DW | 22.06.2018
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Stimmungsbild

Was fühlt Deutschland?

Die Streitthemen vermehren sich, und der Ton wird rauer im wohlhabenden und sicheren Deutschland. Worüber und wie zanken sich die Deutschen? DW-Reporter berichten von Menschen in einem gespaltenen Land.

Deutschland im Sommer 2018: 82 Millionen Menschen leben in der Bundesrepublik, sie verdienen durchschnittlich 3771 Euro Brutto im Monat, bekommen mehr Kinder als zuvor, ihre Lebenserwartung liegt bei über 80 Jahren. Sie essen täglich Obst und Gemüse, lieben Gartenarbeit, machen am liebsten in Deutschland selbst Urlaub. Zwei von drei Deutschen sind verheiratet, nach rund 15 Jahren lassen sich über ein Drittel der Paare wieder scheiden. 

Die Steuereinnahmen sprudeln, man kann in Deutschland kostenlos studieren, zwei von drei Deutschen sind mit ihrem Leben sehr zufrieden. All das lässt sich über Deutschland und seine Bürger in Tabellen und Umfragen des Statischen Bundesamts oder von Behörden nachlesen. Aber was macht die Sorgen und Nöte der Deutschen aus? Warum wird der Ton rauer, die Politik radikaler, der soziale Zusammenhalt schwächer? 

DW-Reporter haben vier Orte Deutschlands bereist und Menschen gefragt, wie es ihnen geht und was sie bewegt: 

Berlin:  "Ist doch schön, diese Vielfalt hier!"

Seit fast 20 Jahren ist Berlin wieder die Hauptstadt der Bundesrepublik, die größte Metropole des Landes blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Heute ist Berlin ein Pilgerort für die internationale Partyszene und für seine Döner mindestens genauso berühmt wie für die Currywurst. 

Die Berliner Kleingartenkolonie "Feldblume 1915" ist ein sehr idyllischer Ort mitten in der deutschen Hauptstadt. Die Gärten hier sind so vielfältig wie ihre Pächter: Seite an Seite befinden sich hier extrem gepflegter Rasen, Naturoasen, ein Lehrgarten für Kinder und sogar ein Imker. Jetzt, zur Fußballweltmeisterschaft, hängen vereinzelt Deutschlandfahnen an den Zäunen. Und natürlich hat auch hier jeder seine Meinung zum deutschen Überthema Flüchtlinge:

"Horst Seehofer hat in allem Recht, wenn er ordentliche Regeln für Deutschland schaffen will", sagt Horst Wohlgemuth über den Bundesinnenminister und blickt auf seinen picobello gepflegten Rasen. Für den Pensionär ist das Flüchtlingsthema das größte Problem in Deutschland, weil es die Gesellschaft spalte. "Europa muss da mehr zusammenarbeiten. Wenn nicht, dann wird der Kontinent endgültig auseinanderfallen", glaubt der 71-Jährige.

Wenn man Deutschland wie unter einem Brennglas sehen möchte, dann blickt man am besten in seine Schrebergärten. Junge, Alte, Arbeitslose, Gutsituierte, Migranten, Rechtspopulisten und Veganer graben und buddeln hier friedlich Zaun an Zaun. In Deutschland gibt es fast eine Million Kleingärtner.

Berlin Kleingärtner (DW/Bettina Stehkämper )

Kleingärtner Mustafa Teke hält die deutsche Flüchtlingspolitik für eine Katastrophe

Mustafa Teke hat vierzig Jahre  auf dem Bau gearbeitet, jetzt genießt der 61-Jährige jede freie Minute in seinem Garten. Die deutsche Asylpolitik hält er für eine einzige Katastrophe. "Ohne Ende kommen die Flüchtlinge rein, ohne Ende zocken sie Geld ab. Deutschland hat auch nicht mehr so viel Geld." Als junger Mann kam Mustafa Teke aus der Türkei nach Deutschland. Und arbeitete hart. Die Flüchtlinge würden, so glaubt Teke, sich nur Sozialleistungen erschleichen wollen. "Kein Wunder, dass sie hierherkommen: Deutschland ist schließlich das beste Land in Europa!"

Noelie Oguah-Kehrer rollt die Augen. "Es wird so getan, als seien Flüchtlinge das größte Problem. Doch das ist es nicht. Flüchtlinge hat es immer gegeben." Niemand weiß das besser als sie, als junge Frau kam sie aus Benin nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Bürokauffrau in Berlin, ist mit einem Deutschen verheiratet. Oguah-Kehrer empfindet es als großes Privileg, sowohl die deutsche als auch ihre afrikanische Kultur zu kennen. Die 58-Jährige sieht das Miteinander vieler Kulturen als Gewinn, "wir lehnen es aber zunehmend in Deutschland ab und verlernen, damit umzugehen." Um dann lachend auf die Nachbargärten zu zeigen und zu sagen: "Ist doch schön, diese Vielfalt hier!"

Autorin: Bettina Stehkämper

Berlin ist berühmt für seine Vielfalt – die ostdeutsche Stadt Cottbus ist es nicht. Die Stadt in Brandenburg nagt nicht nur immer noch an den Folgen der deutschen Teilung, auch unter den Einwohnern ist eine Spaltung zu spüren. 

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