Was bringen die bunten Kinesio-Tapes? | Wissen & Umwelt | DW | 12.05.2020
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Wissen & Umwelt

Was bringen die bunten Kinesio-Tapes?

Profisportler haben die bunten Pflaster schon lange für sich entdeckt. Sie sollen Schmerzen lindern oder Verspannungen lösen. Alles nur Einbildung, oder ist wirklich ‘was dran?

Sie sind grün, gelb, rot oder blau, und ständig gibt es neue Farben bei den Kinesio-Tapes. Fußballer, Tennisspieler oder Athleten schwören auf deren positive Wirkung. Und so prangen sie an Rücken und Knien, an Oberschenkeln, Waden und Nacken diverser Sportler.

Nicht zuletzt konnten wir die bunte Vielfalt an den verschiedensten Körperteilen der Profisportler bei den Olympischen Spielen in London 2012 bewundern. Manchmal sind mehrere Farben auf einmal geklebt und teilweise in etwas merkwürdig anmutenden Formen: gerade, geschwungen, gefächert oder mit Aussparungen zieren sie aber mittlerweile nicht nur die durchtrainierten Körper von Profisportlern. Auch immer mehr Freizeitsportler verlassen sich auf Kinesio-Tapes und ihre offenbar positive Wirkung.

Einfach geklebt

Die bunten, elastischen Pflaster kommen ursprünglich aus Japan. Der Anfang der 1940er Jahre geborene Kenzo Kase hat sie entwickelt. . "Mein Verfahren versucht, die Haut anzuheben und den richtigen Druck einzustellen", erklärt der Chiropraktiker Kenzo Kase. "Wenn wir etwas Freiraum schaffen, zirkuliert das Blut normal und Entzündungen nehmen ab. So lösen wir ein Problem, das Schmerz verursacht."

Bei Überbelastung oder bei Verletzung verlieren die Muskeln einen Teil ihrer Elastizität. Das Kinesio-Tape ist ähnlich elastisch wie unsere Muskeln und kann sie so unterstützen. Durch Acrylatkleber auf der Unterseite des Tapes klebt es wo immer es kleben und wirken soll.

Olympia 2012 London Kinesio Tape (Reuters)

Eine deutsche Volleyballerin machte bei Olympia 2012 in London mit dieser Tape-Gestaltung auf sich aufmerksam

Die bunten Tapes sollen gegen Schmerzen und Verspannungen helfen und Muskeln und Faszien stützen. Anders als bei Bandagen schränken die elastischen Kinesio-Tapes die Bewegung nicht ein. Anstatt ein verletztes Gelenk zu schonen und ruhig zu halten, sollen die Pflaster die Heilung ankurbeln. Das, so die Befürworter, funktioniere über sogenannte Mechanorezeptoren  in der Haut, die durch Dehnung und Druck angeregt werden.

Welche Farbe darf's denn sein?

Rot oder blau oder doch lieber gelb? Das haben sich wohl die meisten gefragt, als sie ihr erstes Kinesio-Tape bekamen. Aber rot hat keine andere Wirkung als grün und grün nicht anders als gelb. Beim Kinesio-Tape haben die Farben nach Meinung von Experten keine Bedeutung, außer vielleicht einer psychologische.

Bei Untersuchungen mit zwei Vergleichsgruppen hatten die Testpersonen in beiden Gruppen das Gefühl, die Beschwerden seien besser geworden. Dabei wurden die Tapes in der einen Gruppe streng nach Vorgaben von Kenzo Kisa geklebt, in der anderen wurden sie willkürlich angebracht.

Tapes für alle und alles

Wissenschaftlich bewiesen ist die Wirkung der Tapes nicht. Viele Hersteller geben an, dass kaum sichtbare, wellenförmige Ausbuchtungen, die sich im Klebeband befinden, beispielsweise das Bindegewebe stimulieren. Aber es reicht nicht, die Bänder einfach irgendwo und irgendwie auf den Körper zu kleben.

Video ansehen 02:09

Wie Kinesiotapes Schmerzen in Muskeln und Gelenken nehmen

Es gibt ganz spezielle Techniken. Zunächst geht es darum, welche Form das Kinesio-Tape bekommt: kleine Streifen, große Streifen, lang oder kurz, breit oder schmal oder fächerartig zurecht geschnitten.

Und es geht auch darum, wie die Tapes angebracht werden. Das ist dann meist Sache von Physiotherapeuten. Sie wissen genau, wo die einzelnen Muskelstränge und Faszien liegen. Außerdem dürfte es auch kaum jemanden geben, der ein Kinesio-Tape am eigenen Rücken anbringen kann. Kinesio-Tapes sind eine Wissenschaft für sich. Es gibt spezielle Seminare, Vorlesungen und Veranstaltungen, und in Hannover gibt es gar eine sogenannteꞌKinesio Universityꞌ.

Einzug in Arztpraxen

Auch viele renommierte Mediziner sind von der Wirkung der Kinesio-Tapes überzeugt. Die Kölner Orthopädin Grazyna Kolejewska-Zarski behandelt ihre Patienten schon seit vielen Jahren mit Kinesio-Tapes und ist überzeugt, dass sie helfen. Ihre Tochter war es, die sie von der positiven Wirkung der bunten Klebebänder überzeugt hat.

"Ich hatte mir die Schulter gebrochen, was sehr schmerzhaft war. Meine Tochter schlug mir vor, mich mit Kinesio-Tapes zu behandeln. Sie ist auch Ärztin, arbeitete damals aber noch als Physiotherapeutin und kannte sich gut mit den Tapes aus. Als klassische Medizinerin war ich natürlich zuerst sehr skeptisch. Aber es hat wirklich geholfen, die Schmerzen zu lindern", sagt Kolejewska-Zarski.

Sie habe dann etliche Fortbildungsmaßnahmen zu Kinesio-Taping gemacht. Heute ist sie Spezialistin und verlässt sich vor allem auf ihre Erfahrung in der Behandlung derjenigen, die mit Schmerzen und Verspannungen in ihre Praxis kommen. "Bei all den vielen Patientinnen und Patienten, die ich über die Jahre mit Kinesio-Tapes behandelt habe, gab es in der Tat nur eine einzige, bei der es nicht geholfen hat."

Je nach Körperstelle können in unserer Haut bis zu 200 Rezeptoren je Quadratzentimeter vorkommen, darunter auch Schmerzrezeptoren. "Wenn sich Ihr Kind verletzt hat und Sie als Mutter Ihre Hand auf diese Stelle legen, dann hilft das schon. Unsere Haut reagiert intensiv auf Berührung und entsprechend auch auf Kinesio-Tapes", fasst Kolejewska-Zarski zusammen.

Die andere Seite der Medaille

Mit der Beliebtheit der bunten Bänder aus Fernost stieg auch die Zahl der Hersteller und der Firmen, die diese Pflaster verkaufen. Mittlerweile gibt es Kinesio-Tapes auch im Discounter. Experten aber warnen davor. Diese Bänder könnten Allergien auslösen. Verschiedene Tests haben gezeigt, dass viele der Bänder mit sogenannten halogenorganischen Verbindungen verunreinigt sind. Mehrere tausend Stoffe gehören zu dieser Gruppe. Sie enthalten meistens Brom, Chlor oder Jod. Bei einigen Stoffen ist sogar bekannt, dass sie Krebs auslösen können. Das gilt aber vor allem für Produkte, die qualitativ nicht besonders hochwertig sind.

Alles Humbug oder was?

Kritiker der Kinesio-Methode bezweifeln die Wirkungsweise. "Als Wissenschaftler kann ich den Mechanismus, nach dem es wirken soll, wirklich nicht verstehen, vor allem, dass es die Haut anheben soll, um den Blut- und den Lymphfluss zu verbessern", gab John Brewer bereits vor etlichen Jahren zu Bedenken. Er war Professor für Sport an der Universität in Bedfordshire. "Damit man irgendetwas an der Oberfläche hochheben kann, muss man nach den Grundregeln der Physik eine Gegenreaktion durchführen und wenn man ein Band auf die Haut klebt, gibt es keine Möglichkeit, eine Gegenkraft zu erzeugen, welche die Haut nach oben hin anheben würde."

Die Tape-Typen

Nicht alle, die ein Tape auf irgendeiner Körperstelle tragen, haben dabei die gleiche Motivation. Jörg Königstorfer ist Professor für Sport- und Gesundheitsmanagement an der Technischen Universität München.  Er hat verschiedene Tape-Typen beschrieben. "Da ist zunächst einmal der Nutzer-Typ", erklärt Königstorfer. Dieser Mensch handelt nach dem Prinzip ꞌWenn Profis das machen, muss es ja gut seinꞌ."

Allerdings, so Königstorfer, gebe es eben gravierende Unterschiede zwischen Profis und Freizeitsportlern: "Profis haben zusätzlich zu dem Tapen regelmäßig Physiotherapie und Massagen, einige nehmen Medikamente." Es ist also eine Kombination verschiedener Maßnahmen. Der Hobby-Sportler hingegen setze oft ausschließlich auf die Wirkung des Kinesio-Tapes in der Hoffnung, dass es hilft.

Die zweite Kategorie sei die Gruppe, die nach dem Prinzip handelt: ꞌEs schadet ja nichtꞌ, erklärt Königstorfer. "Diejenigen aber haben sich meist nicht mit möglichen Schadstoffen oder Kinesio-Tapes von geringer Qualität beschäftigt. Sie kleben drauf los, ohne die Zusammensetzung und die Wirkung zu hinterfragen.

Die dritte Gruppe sind die Menschen, die nach dem Motto handeln: ꞌMein Tape ist mein Talismanꞌ", so Königstorfer. Das bedeutet, dass der Tape-Nutzer gar keinen konkreten Grund braucht, um das Tape zu benutzen. "Das Band gibt ihm das Gefühl, auf verschiedene Situationen im Sport gut vorbereitet zu sein", sagt Königstorfer. "Es gibt ihm Sicherheit und ein gutes Gefühl." Und das kann ja kaum schaden.