Warum Trump deutsche Patienten zur Kasse bitten will | Wirtschaft | DW | 29.05.2018
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Pharmaindustrie

Warum Trump deutsche Patienten zur Kasse bitten will

Nicht nur Stahl und deutsche Autos: Auch die Preise für Arzneimittel sind US-Präsident Trump ein Dorn im Auge. Die Deutschen sollten einen “gerechten Anteil” an den Innovationskosten tragen. Anne Schwedt aus New York.

Medikamente sind teuer in den USA - teurer als in allen anderen Industrieländern. Jeder US-Bürger gibt im Jahr rund 1000 Dollar für Arzneimittel aus. Deutsche zahlen knapp 700 Dollar, Schweden nicht einmal 400 Dollar. Das zeigen Daten des Commonwealth Fund, einer privaten US-Stiftung zur Verbesserung des Gesundheitswesens.

Studien zufolge liegt das aber nicht daran, dass in den USA mehr Pillen verschrieben werden. Amerikaner müssen schlicht mehr für ihre Medikamente zahlen - oft komplett aus eigener Tasche. Denn selbst wer nicht zu den 28 Millionen gehört, die gar keine Krankenversicherung haben, muss Zuzahlungen leisten.

Ein Vergleich des Datendienstes Bloomberg zeigt, dass der Preis in den USA teilweise ein Vielfaches von dem beträgt, was in anderen Industrieländern berechnet wird. Ein Mittel gegen rheumatoide Arthritis beispielsweise kostet in den USA rund 2500 Dollar im Monat, in Deutschland 1750 Dollar. Noch stärkere Differenzen fand die Financial Times bei einem Schmerzmittel, das in Europa für 21 Dollar für 60 Tabletten zu haben ist. Der Lizenznehmer in den USA berechnet für dieselbe Packung 2979 Dollar.

Europäer sind Schuld

Doch woran liegt das? US-Präsident Trump hat dafür eine einfache Erklärung: Andere Länder sind Schuld. Pharmaunternehmen würden sich gezwungen fühlen, die hohen Kosten für Forschung und Entwicklung auf dem US-Markt wieder reinzuholen. In anderen Industriestaaten könnten sie das nicht, weil es dort Preiskontrollen gibt. Europäer und andere reiche Nationen würden so billig von der Innovation profitieren.

Deutschland Thrombosespritze | Heparin (picture alliance/chromorange/R. Roeder)

Ob geschluckt oder gespritzt - sehr oft sind Medikamente in den USA deutlich teurer als in Europa.

Aber ist das wirklich so? Die hohen Preise in den USA kommen unter anderem daher, dass Unternehmen das US-Patentrecht ausnutzen. Sie bringen häufig neue Produkte auf den Markt, die sich kaum von den Vorgängern unterscheiden. Damit verlängern sie das Patent und verhindern die Entwicklung von günstigeren Generika. Statt der üblichen 20 Jahre, die das Patent gilt, können die Unternehmen auf diese Weise den Preis so oft erhöhen, wie sie wollen.

In anderen Ländern läuft das anders. In Frankreich oder Großbritannien gibt es beispielsweise eine Obergrenze für den Preis. Außerdem müssen Pharmaunternehmen in anderen Industrieländern nachweisen, dass ihr Produkt effektiver ist als ein bereits vorhandenes Mittel. In den USA reichen hingegen ein Wirksamkeitsnachweis der Aufsichtsbehörde FDA und Ärzte, die das Medikament verschreiben.

Die Branche argumentiert, dass die steigenden Preise für Medikamente von den hohen Kosten für Forschung und Entwicklung kommen. Wie hoch die Kosten aber wirklich sind, weiß keiner so genau. Die Konzerne halten diese Daten aus Wettbewerbsgründen geheim.

Eine Studie des Tufts Center in Boston nennt ohne wirkliche Grundlage für die Berechnung einen Preis von 2,7 Milliarden Dollar für die Entwicklung eines neuen Medikaments. Eine andere Studie, die auf der Analyse von Pflichtmeldungen an die Börsenaufsicht SEC basiert, sieht die Kosten dagegen eher bei 757 Millionen Dollar.

"Sozialistische Preiskontrollen"

Was also tun? Auch dafür hat Donald Trump eine einfache Lösung: Patienten in Ländern wie Deutschland sollten endlich ihren "gerechten Anteil" zahlen. Das sagte Trump Mitte Mai in einer Rede, in der er erklären wollte, wie er die Medikamentenpreise in den USA senken will. "Es ist an der Zeit, das globale Trittbrettfahren ein für alle Mal zu beenden".

Symbolbild Forschung Labor Reagenzgläser Chemie (Fotolia/Tom)

Fragt man Pharmaunternehmen, warum Medikamente teuer sind, lauter die Antwort stets, es läge an der Forschung.

Diese Forderung will Trump jetzt in der Verhandlungen über Handelsabkommen und Zölle durchsetzen. Alex Azar, früher Pharma-Manager und heute Gesundheitsminister der USA, ist der Ansicht, die Handelspartner der USA müssten mehr bezahlen, weil sie "sozialistische Preiskontrollen und Marktbarrieren" einsetzten, um "unfaire Preise" zu erhalten.

Wie dadurch aber die Preise für US-Bürger gesenkt werden, erklärten die beiden Politiker nicht. Nur weil Pharmaunternehmen auf diese Weise mehr Einnahmen im Ausland generieren könnten, würden sie ja nicht ihre Kosten in den USA senken. Als private Unternehmen sind sie schließlich an so hohen Einnahmen wie möglich interessiert.

Konkrete Pläne, wie Trump die Pharmaindustrie herunterhandeln möchte, gab der Präsident nicht. Er versprach nur das "härteste Vorgehen eines Präsidenten gegen die Interessen der Branche". Nach diesen Worten legten die Aktienkurse der US-Pharmakonzerne deutlich zu.