Warum schwankte Jean-Claude Juncker? | Aktuell Europa | DW | 13.07.2018
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EU-Kommission

Warum schwankte Jean-Claude Juncker?

Wenn ein Politiker "wackelt", meinen Journalisten meist, er verliere an Macht. Doch in diesem Fall liegt die Sache anders. Es geht um ein persönliches Thema - das aus politischen Gründen in die Öffentlichkeit gerät.

Brüssel Belgien NATO-Gipfel - Jean-Claude Juncker (picture-alliance/AP Photo)

Beim NATO-Gipfel wird Juncker vom niederländischen Ministerpräsidenten Rutte an der Hand genommen ...

Erkrankungen sind Privatsache. "In der Regel soll über sie nicht ohne Zustimmung des Betroffenen berichtet werden." So besagt es der Pressekodex in Ziffer 8.6. Doch wenn ein Politiker einer Behörde vorsteht, die mehr als 30.000 Mitarbeiter hat - und aktuell fast ebenso viele Probleme, die einer Lösung harren -, dann kann aus der Privatsache ein Politikum werden.

Als Bilder vom NATO-Gipfel in Brüssel die Redaktionen erreichen, dauert es nicht lange, bis Fragen lautwerden: Warum musste sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf mehrere Staatsgäste stützen?

Doch die Behörde will nicht, dass solche Fragen gestellt werden: "Es wäre nicht angemessen, irgendwelche gesundheitlichen Probleme öffentlich zu diskutieren", erklärte Junckers Büro.

Hilfe von zwei Seiten

Ein Video der britischen Boulevardzeitung "Daily Mail" zeigt, wie der 63-Jährige wankend auf ein Podest zugeht, den linken Fuß auf die unterste Stufe aufsetzt, das Bein wieder zurückzieht, dann etwas taumelnd mit helfenden Händen nach oben kommt, wo er alsbald die üblichen Küsschen verteilt. Auf dem Fotopodest haken sich rechts und links Arme unter, die auch dann nicht zurückweichen, als sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Begrüßung nähert.

Brüssel Belgien NATO-Gipfel - Jean-Claude Juncker (picture-alliance/AP Photo)

... beim Aufstieg auf ein Fotopodest gestützt ...

Als es danach eine Strecke Weges zurückzulegen gilt, bietet der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte seine Hilfe an. Er scherzt mit Juncker, legt ihm den Arm um die Schulter; er stützt ihn, als er schwankt; er greift nach dessen rechter Hand mit seiner Linken. Schließlich hakt sich Juncker zu beiden Seiten wieder unter. Von hinten hält ihn der ukrainische Präsident Petro Poroschenko.

"Besonders schmerzhafte Attacke"

Weil auch noch ein Rollstuhl zum Einsatz kommen muss, fragen immer mehr Journalisten nach den Gründen. Jetzt wird in Junckers Umfeld darauf verwiesen, der luxemburgische Spitzenpolitiker habe schon öfter seine Rückenprobleme erwähnt. Die erschwerten ihm das Gehen. "Das war vorgestern der Fall, als er von einer besonders schmerzhaften Ischias-Attacke geplagt wurde", heißt es. Am Donnerstag sei dies wieder besser gewesen - was öffentlich sichtbar gewesen sei. "Deshalb muss man sich keine Sorgen machen, dass er nach wie vor hart arbeitet."

Der niederländische Regierungschef Rutte antwortet dem belgischen Sender VRT: "Soweit ich weiß, hat er keine ernsthaften Gesundheitsprobleme, aber er leidet seit einer Weile unter einem Rückenproblem." Die Quelle aus Junckers Nähe, die die Deutsche Presse-Agentur ohne Namensnennung zitiert, sagt: "Es ist geschmacklos, wie einige Medien mit herabsetzenden Überschriften die Schmerzen des Präsidenten ausnutzen." Es sei nicht angemessen, die Gesundheitsprobleme öffentlich zu diskutieren.

Brüssel Belgien NATO-Gipfel - Jean-Claude Juncker (Getty Images)

... und zeitweilig in einem Rollstuhl gefahren

Juncker, der in knapp zwei Wochen in Washington die Interessen von 500 Millionen Europäern bei Gesprächen über den Handelskonflikt mit den USA vertreten will, hatte bereits erklärt, er werde im kommenden Jahr nicht für eine zweite Amtszeit antreten. Zweifel an seiner gesundheitlichen Eignung hatte er schon 2014 zurückgewiesen. Anlass war eine Äußerung des niederländischen Finanzministers Jeroen Dijsselbloem, der Juncker als "verstockten Raucher und Trinker" bezeichnet hatte. Juncker selbst erklärte daraufhin knapp, er habe kein Alkoholproblem.

Selbst in Berlin wurden die jüngsten Bilder zum Gegenstand kritischer Fragen. Der Sprecher der Kanzlerin, Steffen Seibert, entgegnete lediglich, die Bundesregierung habe "ein hohes Maß an Vertrauen" in Juncker als EU-Kommissionspräsidenten.

jj/kle (dpa, rtr)

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