Warum schützt China Masood Azhar? | Asien | DW | 19.03.2019
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China und Kaschmir-Konflikt

Warum schützt China Masood Azhar?

Der Extremistenführer aus Pakistan bekommt Unterstützung aus China bei den UN. China hält immer noch aus strategischen Gründen an seiner historischen "Allwetter-Freundschaft" mit Pakistan fest, was Indien ärgert.

China hat wie schon in früheren Jahren verhindert, das ein prominenter Führer einer militanten Organisation aus Pakistan, die für eine Reihe von Anschlägen im indischen Teil Kaschmirs verantwortlich ist, auf eine UN-Sanktionsliste gesetzt wird. Entsprechend wütend fielen die Reaktionen indischer Muslime aus (Artikelbild mit Protestierenden und dem Konterfei Masood Azhars). Auf das Konto der Organisation, Jaish-e Mohammad (Armee Mohammads), geht auch der Selbstmordanschlag mit über 40 getöteten indischen Sicherheitskräften in Pulwama in Jammu und Kaschmir am 14. Februar.

Die chinesische Delegation im UN-Sanktionsausschuss gab Mitte vergangener Woche als Grund für ihre Blockade an, dass man mehr Zeit brauche, um sich mit der Frage zu befassen. Liu Xiaoxue von der chinesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften äußerte sich gegenüber der DW etwas ausführlicher über die chinesische Position: Indien habe zwar bislang immer behauptet, dass Masood Azhar beziehungsweise Pakistan hinter den Anschlägen in Kaschmir stecke, aber keine Beweise vorgelegt. Im übrigen sei Masood Azhar "nur ein geistlicher Führer", der sich früher extrem geäußert habe, sich aber inzwischen zurückhalte.

Indien Pulwama - Anschlag auf Bus an der Autobahn Srinagar-Jammu (Reuters/Y. Khaliq)

Indische Soldaten nach dem jüngsten Anschlag in Jammu und Kaschmir

"Indien wird aus Kaschmir verschwinden"

Davon kann allerdings keine Rede sein. Indien hat im Vorfeld der Sitzung des UN-Sanktionskomitees allen Mitgliedern Tonaufnahmen von Masood Azhar zukommen lassen. Demnach rief Azhar in einer Predigt am 5. Februar seine Anhänger auf, in Jammu und Kaschmir den Märtyrerstatus zu erlangen. Die Inder seien "Filmemacher, Tänzer und Cricketspieler, die dank ihres Nudismus Berühmtheit erlangen." Und weiter: "Wenn ganz Kaschmir geeint zusammensteht, dann steht auch Pakistan dahinter, und dann gibt es kein Indien mehr." Und nur zwei Tage nach dem Anschlag von Pulwama veröffentlichte Azhar eine weitere Botschaft, wonach der Selbstmordanschlag gegen die indischen paramilitärischen Polizeikräfte nur die "erste Dosis" war.

Trotz solcher Belege für die Rolle Masood Azhars für das Anheizen der Gewalt in Kaschmir hält China seine schützende Hand über ihn. Der Grund liegt in der engen Verbindung zwischen China und der pakistanischen Armee, wie Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin erläutert: "Die Armee ist für China der wichtigste Partner in Pakistan, um das Milliardenprojekt 'China Pakistan Economic Corridor' voranzutreiben. China sieht in der Armee den zuverlässigsten Partner, nicht in den gewählten Regierungen Pakistans. Und eine 'Aufgabe' Azhars durch China im Rahmen der UN würde vermutlich die Beziehungen zur pakistanischen Armee belasten."

China Qamar Javed Bajwa und Xi Jinping (picture-alliance/Photoshot/Li Gang)

Auf das Militär kommt es an: Pakistans Armeechef Qamar Javed Bajwa bei Xi Jinping

Finanzieller Druck auf Pakistan

Gleichzeitig ist aber auch China an der Eindämmung des Terrorismus interessiert, nicht zuletzt um den Erfolg des erwähnten Wirtschaftskorridors nicht zu gefährden. So hat China der Einstufung Pakistans auf die "graue Liste" der Financial Action Task Force (FATF) im Frühjahr 2018 nicht widersprochen. Damit soll das Land gezwungen werden, stärker gegen militante Organisationen vorzugehen.

Auch der frühere pakistanische Finanzminister Syed Salman Shah sieht in  möglichen Finanzsanktionen gegen Pakistan eine große Gefahr für sein Land. "Die USA und der Westen haben großen Einfluss auf die Finanzinstitutionen. Wenn die USA und Indien gegen Pakistan vorgehen wollen, könnte Pakistan Schwierigkeiten bei der Erlangung von Finanzhilfe durch diese Institutionen bekommen", so Shah gegenüber der DW.

Vermutlich müsse erst die pakistanische Armee ihre künftige Strategie hinsichtlich der militanten Gruppen entscheiden, bevor China seine Position entsprechend ändert, meint Christian Wagner von SWP. Gruppen wie JeM und deren Führer wie Masood Azhar haben jahrzehntelang für die Strategie der pakistanischen Armee eine wichtige Rolle gespielt, nämlich über solche Gruppen einen Stellvertreterkrieg gegen Indien zu führen. Mittlerweile ist Wagner zufolge auch in der Armee das Bewusstsein gestiegen, dass ohne eine gute wirtschaftliche Entwicklung langfristig kein Staat zu machen ist. Damit stelle sich langfristig die Frage nach dem Nutzen dieser Gruppen, wenn diese dazu führen, dass Pakistan auf der schwarzen Liste der FATF landen würde.

Indien Mumbai Reaktionen nach Luftangriff auf JeM (picture-alliance/NurPhoto/H. Bhatt)

Begeisterung in Indien nach dem ersten Luftangriff seit 1971 auf pakistanisches Gebiet

Werdegang eines Indien-Hassers

Die Aufnahme von Masood Azhar auf eine schwarze UN-Liste hätte vor allem für Indien eine große symbolische Bedeutung, "weil es zeigen würde, dass die internationale Gemeinschaft den gegen Indien gerichteten Terrorismus ernst nimmt", sagt Dhruva Jaishankar vom Thinktank Brookings India gegenüber der DW. Praktische Bedeutung hätte der Schritt allerdings nicht: Erstens, weil seine Organisation JeM im Gegensatz zu ihm bereits auf dieser Liste stehe, und weil Pakistan bislang nicht entschieden genug gegen diese Gruppen vorgehe. Auch würden indische Behörden durch eine Listung Azhars nicht in die Lage versetzt, seiner habhaft zu werden und ihn festzunehmen.

Masood Anzhar wurde 1968 in der pakistanischen Provinz Punjab geboren und geriet als Jugendlicher an der lokalen Religionsschule unter den Einfluss von Führern der militanten Gruppe Harkat-ul-Mujahideen (Bewegung der heiligen Kämpfer), die in Afghanistan und Kaschmir aktiv war. Seine Bemühungen, sich in einem Lager der Extremisten zu bewähren, scheiterten an seiner mangelnden körperlichen Eignung. Masood Azhar verlegte sich deshalb auf publizistische Unterstützung der Harkat-ul-Mujahideen und nahm Kontakt zu Separatisten im indischen Teil Kaschmirs auf.

Sein Besuch bei der von Hindu-Fanatikern zerstörten Babri-Moschee in Ayodhya in Uttar Pradesh hat ihn möglicherweise davon überzeugt, Indien als legitimes Ziel für Terrorattacken zu sehen. Dies schreibt die indische Autorin Harinder Baweja in ihrem Buch "Profiles of Terror." Bei jener Reise wurde er im indischen Kaschmir festgenommen. 1999 wurde er von seinen Gesinnungsgenossen freigepresst, die ein Indian Airlines-Flugzeug mitsamt Passagieren und  Besatzung gekapert hatten. 2001 gründete er die Organisation Jaish-e-Mohammad und nahm den Ehrentitel Maulana ("unser Meister") an.

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