Warum Leberkrebs in Westafrika so häufig vorkommt | Afrika | DW | 28.07.2021
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Welt-Hepatitis-Tag

Warum Leberkrebs in Westafrika so häufig vorkommt

Auffallend viele Westafrikaner leiden an Leberkrebs. Spezialisten weisen auf hohe Hepatitis-Raten als wahrscheinliche Ursache hin, doch der Region fehlen die notwendigen Mittel, um mit der Epidemie umzugehen.

Westafrika wird von einer stillen Epidemie geplagt: Acht westafrikanische Nationen gehören zu den Top 25 der Länder mit der höchsten Prävalenz von Leberkrebs. Das zeigen die Daten des World Cancer Research Fund, der Informationen über die Häufigkeit von Krebsarten auf der ganzen Welt sammelt. Dazu zählen demnach Liberia, Guinea, Ghana, Burkina Faso und Senegal. In Gambia ist Leberkrebs die häufigste Krebsart, 23,9 von 100.000 Menschen erkranken an ihr.

"Leberkrebs macht bei Männern in Gambia mehr Fälle aus als alle anderen Krebsarten zusammen", sagt Ramou Njie. Sie ist die einzige gambische Hepatologin, eine Spezialistin für Probleme der Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse, in einem Land mit etwas mehr als 2 Millionen Einwohnern. Njie sagt, dass die Prävalenz von Leberkrebs in Gambia Mitte der 2000er Jahre deutlich wurde.

Zusammenhang zwischen Leberkrebs und Hepatitis

„Meistens ist Leberkrebs auf Hepatitis B zurückzuführen", sagt Njie der DW im Interview. Die Impfung von Kindern habe die Situation für jüngere Menschen verbessert, aber Hepatitis sei bei älteren Menschen immer noch weit verbreitet, insbesondere Hepatitis B und C.

Hepatitis, was "Leberentzündung" bedeutet, ist meist auf eine Virusinfektion zurückzuführen, die, wenn sie nicht behandelt wird, die Leber angreift, bis sie sich nicht mehr selbst heilen kann. An diesem Punkt bilden sich so genannte Läsionen an der Leber, das Organ wird krebsartig. 

Hepatitis-B-Virus

Das Hepatitis-B-Virus ist in Gambia die führende Ursache für Leberkrebs

Hepatitis B und C verursachen weltweit 1,4 Millionen Todesfälle pro Jahr - eine Zahl, die mit der von Tuberkulose vergleichbar ist und höher ist als die Zahl der Todesfälle infolge von HIV/AIDS und Malaria. Chronische Hepatitis B und C sind lebensbedrohliche Infektionskrankheiten, die zu schweren Leberschäden, Krebs. Über 300 Millionen Menschen sind mit dem Hepatitis-B-Virus oder dem Hepatitis-C-Virus infiziert.

Doch Finanzmittel für die Bekämpfung von Hepatitis zu bekommen, sei so schwierig wie "der Versuch, durch ein Nadelöhr zu gehen", sagt Danjuma K. Adda, der designierte Präsident der World Hepatitis Alliance und selbst Hepatitis-Patient.

"Die globale Aufmerksamkeit für HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria hat zu einer großen Ungerechtigkeit in Bezug auf Hepatitis geführt", sagt er der DW. "Vor zehn bis fünfzehn Jahren war es eine gesichtslose Krankheit, selbst Mediziner sagten 'das ist egal, jeder hat Hepatitis'."

Erst seit jüngste Studien gezeigt hätten, dass Hepatitis oft die Ursache für andere Krankheiten wie Leberkrebs sei, werde die Krankheit ernster genommen, sagt Adda.

Warum Westafrika?

Hepatitis und Leberkrebs häufen sich nicht nur in Gambia. In Nigeria leben schätzungsweise 20 Millionen Menschen mit Hepatitis. Die Krankheit wird durch unkontrollierte Bluttransfusionen, den Kontakt mit infizierten Körperflüssigkeiten, die gemeinsame Nutzung von Nadeln beim Drogenkonsum und sexuelle Aktivitäten verbreitet.

"Wir haben viele kulturelle Praktiken wie Ohrpiercings, Kinntattoos und andere Schönheitsoperationen, die die Übertragung des Virus durch unsterilisierte Instrumente erleichtern", sagt Hepatologin Ramou Njie. 

Impfschutz als Gesundheitsvorsorge Hepatitis A Polio und Typhus

Die lokale Produktion von Medikamenten gegen Krankheiten wie Hepatitis soll die Kosten für Patienten senken

Laut Danjuma befällt Hepatitis die Menschen oft in den produktivsten Jahren ihres Lebens, oft, ohne dass sie wissen, dass sie die Krankheit haben. "Die Menschen leben weiterhin ein risikoreiches Leben, behandeln sich mit pflanzlichen Mitteln und konsumieren viel Alkohol. Innerhalb kürzester Zeit kommt es zu Komplikationen mit der Leber", sagt Danjuma. 

Die stille Epidemie

Dr. Doddy Ngwasi lebt in Goma, im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Auf dem Höhepunkt der westafrikanischen Ebola-Epidemie arbeitete er in Guinea. Er beschreibt Hepatitis als besonders "gefährlich, weil die Menschen nicht informiert sind".

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"Diese Krankheit zerstört die Körperzellen. Wir müssen die Menschen aufklären, damit sie die Krankheit gar nicht erst bekommen", sagt er der DW. Infizierte Patienten können lange Zeit leben, ohne direkte Symptome zu zeigen, ähnlich wie bei HIV/AIDS, betont Ngwasi.

"Wenn man zum Beispiel Ebola bekommt, kann es nur zwei Tage dauern, bis Symptome auftreten", sagt er. Hepatitis hingegen sei eine schleichende Infektion, eine Krankheit, die sich unerkannt in der Bevölkerung ausbreiten könne. "Menschen leben mit Hepatitis, ohne zu wissen, dass sie betroffen sind." Um dem entgegenzuwirken, müssten sich Menschen testen lassen, es müsse viel mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Für Danjuma K. Adda ist es auch an lokalen Entscheidungsträgern, den Kampf gegen Hepatitis zu einer Priorität zu machen.

Flash-Galerie AIDS Projekte

Durch den globalen Fokus auf die Behandlung von HIV/Aids sind Krankheiten wie Hepatitis B in den Hintergrund geraten

 

Er glaubt, dass die Kosten für die Behandlung, die die Patienten zahlen müssten, stark reduziert werden könnten, sollte es möglich sein, Medikamente vor Ort zu produzieren. "Mit Ausnahme von Ägypten, wo begonnen wurde, Hepatitis-C-Tropfen zu produzieren, werden alle Hepatitis-C-Tropfen in Asien hergestellt", sagt er. "Führende Politiker gehen zu großen UN-Treffen und unterschreiben große UN-Erklärungen, aber wenn sie zurückkommen, ist die Bilanz der tatsächlichen Umsetzung von Programmen sehr schlecht."

Während sich globale Gesundheitsfonds seit Anfang der 2000er Jahre auf die Behandlung von HIV/Aids konzentrieren, ist der Kampf gegen weit verbreitete Krankheiten wie Hepatitis B in einigen Fällen ins Abseits geraten.

Eine Krankheit ohne Prestige?

Das Problem ist, dass Hepatitis-Tests und Behandlungen oft kostspielig sind. Während HIV-Tests oft kostenlos seien, sei ein Hepatitis-Test, der rund 20 US-Dollar (17 Euro) koste, für viele Patienten im Kongo unerschwinglich, sagt Ngwasi.

Der Unterschied zwischen Hepatitis und anderen Epidemien mache sich auch in Gambia bemerkbar, sagt Hepatologin Ramou Njie: "Das Problem ist, dass Hepatitis-Kranke sehen, dass Patienten mit HIV eine kostenlose Behandlung aus dem globalen Fonds bekommen. Sie bekommen kostenlose Lebensmittelhilfen, und zwar in dem Maße, dass es Patienten gibt, die versucht haben, sich mit HIV zu infizieren, um Zugang zu einer Behandlung zu bekommen, weil es im Moment keinen globalen Fonds für virales Hepatitis gibt."

Njie zeigt sich jedoch optimistisch, dass Gambia mit seiner überschaubaren Größe ein Programm zur Behandlung starten könne, um Hepatitis bis 2030 zu auszurotten. "Ich denke, Gambia kann ein Vorbild sein, um anderen afrikanischen Ländern zu zeigen, dass es möglich ist, Hepatitis B als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu besiegen."