Warum lassen die Deutschen das Sparen nicht sein? | Wirtschaft | DW | 30.10.2018
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Kolumne

Warum lassen die Deutschen das Sparen nicht sein?

Im ersten Teil ihrer Reise zu den Geheimnissen von Europas größter Volkswirtschaft schaut Kate Ferguson einmal genauer auf die deutsche Obsession schlechthin, wenn es um Geld geht: das Sparen. Segen oder Fluch?

Vielleicht haben sie ja, seit Sie zwölf waren, täglich ein oder zwei Schachteln Zigaretten geraucht, oder sie kauen schon seit Ihrer Kindheit an den Nägeln. Sie haben Nikotinpflaster probiert und eklig schmeckenden Nagellack - nichts hat geholfen, die schlechten Angewohnheiten sind Ihnen geblieben.

Die sind, das wissen wir alle, nur schwer wieder loszuwerden. Aber versuchen Sie mal eine gute Angewohnheit loszuwerden: Das ist noch viel, viel schwerer. Glauben Sie mir, ich hab's probiert.

Als ich vor sieben Jahren von Irland nach Deutschland gekommen bin, habe ich schnell gemerkt, dass man einem Busfahrer nicht laut dankt, wenn er einen sicher ans Ziel gebracht hat. Und doch bleibe ich dabei: Ich sage Danke bevor ich aussteige und tue so, als bemerkte ich nicht die Verwirrung oder gar die Verachtung, die meine Dankbarkeit bei anderen provoziert.

Je mehr man gewöhnt ist, brav und tugendhaft zu sein, desto schwieriger ist es, damit aufzuhören.

Deutsche Welle Kate Ferguson Kommentarbild (DW/B. Geilert)

Die gebürtige Irin Kate Ferguson aus der DW-Wirtschaftsredaktion

Die schöne deutsche Tugend der Sparsamkeit

Mit nichts lässt sich das besser belegen als mit der Generationen-alten deutschen Besessenheit, Geld zu sparen. Diese Gewohnheit, so tief im Nationalcharakter verwurzelt wie Bier und Wurst, hat Kriege, eine Hyperinflation und totalitäre Regime überlebt.

Um herauszufinden, wie das sein kann, mache ich mich auf zum Deutschen Historischen Museum in Berlin, um Robert Muschalle zu treffen, den Kurator der Ausstellung "Sparen - Geschichte einer deutschen Tugend".

Ich war darauf vorbereitet, ein Gespräch über Wirtschaft zu führen und hatte mir einige Rahmendaten aufgeschrieben, damit ich nicht so unbedarft wirken würde. Eine dieser Zahlen war "299 Milliarden Dollar": Das ist die Summe, die die Deutschen am Ende dieses Jahres wahrscheinlich beiseite gelegt haben werden. Ich hatte mir sogar schon eine Pointe zurechtgelegt: "Der weltweit größte Währungsüberschuss! Ein Titel, den Deutschland sogar verteidigt - im Gegensatz zum WM-Titel im Fußball!"

Aber wenn man etwas von Herrn Muschalla lernen kann, dann dies: Die Deutschen und das Sparen - das ist viel mehr als eine Frage wirtschaftlicher Vernunft.

Der Sparer ist ein braver - und friedlicher - Bürger

Dies ist, viel eher als jede Wirtschaftstheorie, die Grundthese der Ausstellung, die die Spanne vom frühen 19. Jahrhundert bis heute umfasst und viele Dokumente und Objekte versammelt, die diese ewige deutsche Liebesbeziehung illustrieren.

Diese Geschichte des Geldansammelns, so lerne ich, hat mit der Industrialisierung begonnen. Als die Bevölkerung anwuchs und die Armut zunahm, galten Banken als Institutionen, die den Armen helfen würden.

Arbeiter, die ihren Verdienst zurücklegten, galten als moralisch überlegen jenen gegenüber, die ihr Geld verspielten oder im Wirtshaus auf den Kopf hauten. Und außerdem konnte man annehmen, dass sie einer revolutionären Umgestaltung der Besitzverhältnisse eher reserviert gegenüberstehen würden.

Immer diese Franzosen ...

Von dieser Annahme geht Muschalla aus, wenn er sagt, die deutsche Gewohnheit zu Sparen habe ihre Wurzeln in der sozialen Kontrolle. Sollten Sie das für ganz schön weit hergeholt halten, bedenken Sie, was französische Arbeiter taten, während ihre deutschen Kollegen ihre Sparbücher pflegten.

"In Frankreich”, so Muschalla, "haben sie revoltiert und in Deutschland haben sie gespart." Diese Gewohnheiten, so glaubt er, hätten bis heute überlebt.

"Wenn Sie auf die Arbeitskämpfe in Frankreich schauen, sehen sie bewaffnete Arbeiter. In Deutschland sind wir stolz darauf, dass die Tarifpartner sich an einem Tische gegenübersitzen. Das sagt viel aus über die Unterschiede in europäischen Ländern."

Sparen ist aber nicht immer eine gute Idee

Als Wirtschaftsjournalistin kann man es bald über haben, immer nur über das prallgefüllte deutsche Staatssäckel und seine gewohnheitsmäßig schwindelerregenden Handelsüberschüsse zu berichten. Der Gedanke, Sparen könne eine Form sozialer und politischer Konditionierung sein, ist eine interessante Alternative zur Vorstellung, Sparen bedeute lediglich, dass vernünftige Deutsche Versuchungen widerstehen.

Aber es ist auch eine Theorie, die an die dunkelsten Perioden dieses Landes erinnern: Zeiten, die viele Menschen hier nicht gerne mit einer nationalen Tugend in Verbindung bringen wollen.

In den zwanziger Jahren sahen die Deutschen ihre Ersparnisse durch die Hyperinflation vernichtet - die Nationalsolzialisten behaupteten, den Schuldigen dafür zu kennen, und deuteten mit dem Finger auf die Juden. Jüdische Geldverleiher, so behaupteten sie fern jeder Wahrheit und Plausibilität, seien Schuld an der Finanzkrise der Nachkriegsjahre.

In Schulen und an Arbeitsplätzen wurde dagegen das Sparen als nationale Tugend propagiert. Geld zu leihen - oder auch zu investieren - wurde beinah als Laster angesehen.

Allerdings sollte sich das Sparen in den zwölf Jahren des "Tausendjährigen Reiches" nicht auszahlen. 1938 begannen zehntausende Deutsche, für einen "Volkswagen" zu sparen, als gerade der Prototyp vorgestellt worden war.

Das stellte sich bald als fatale Fehlentscheidung heraus: Als Deutschland den Krieg vom Zaun brach, wurden jene, die den "Volkswagen" produzieren sollten, eingezogen und ihre Kollegen, die weiter in Wolfsburg arbeiten durften, bauten Kübelwagen für die Wehrmacht. Ein Auto jedenfalls bekam niemand.

Die Deutschen, das Sparen und der Antisemitismus

Obwohl die Ausstellung sehr gut aufgenommen wurde - Muschalla bekam Anfragen aus Australien und Kanada - finden viele Deutsche es sehr irritierend, so Muschalla, die Werbung für das Sparen so eng verbunden mit dem Antisemitismus zu sehen:

"Es gibt einen gewissen Widerstand dagegen, einen Schritt zurück zu tun und das Ganze von außerhalb einer engen wirtschaftlichen Definition zu betrachten. Das bedeutet nämlich, dass man auch sich selbst näher anschauen muss."

Das ist ein passender Gedanke, finde ich, wenn man die deutsche Wirtschaft verstehen will. Denn: Was wir mit unserem Geld machen, das tun wir am Ende auch uns und unseren Mitmenschen an. Und das führt uns zu einem Punkt, an dem wir erkennen: Letztlich sind wir alle eine seltsame Mischung aus Fluch und Segen.

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