Warum die Debatten zwischen Clinton und Trump unberechenbar sind | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 26.09.2016
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Amerika

Warum die Debatten zwischen Clinton und Trump unberechenbar sind

Bei den Fernsehdebatten der US-Präsidentschaftskandidaten steht für Clinton und Trump viel auf dem Spiel. Ihr Ausgang könnte vor allem von Einem abhängen.

Wenn Hillary Clinton und Donald Trump am 26. September die Bühne der Hofstra University in New York zur ersten von drei Präsidentschaftsdebatten betreten, schreiben sie aus gleich mehreren Gründen Geschichte. Zum ersten Mal nimmt eine Frau an einer Präsidentschaftsdebatte teil. Zum ersten Mal in diesem Wahlkampf stehen sich die beiden historisch unbeliebtesten Präsidentschaftskandidaten zum rhetorischen Schlagabtausch gegenüber. Und erstmals hat es Trump in einer Wahlkampfdebatte nicht mit mehreren Kontrahenten, sondern nur mit einer Herausforderin zu tun.

"Für beide steht extrem viel auf dem Spiel", sagte Reed Galen, ein republikanischer Berater, der an den Präsidentschaftskampagnen von George W. Bush und John McCain mitgearbeitet hat. Robert Shrum, der die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore und John Kerry im Wahlkampf beraten hat, stimmt zu: "Die Debatten sind entscheidend", sagte er. Weil die ganze Welt mit Sorge auf Donald Trump blicke, so prognostiziert Shrum, würden die Debatten "das global meistgeschaute Fernseh-Ereignis seit der Mondlandung werden".

Der Joker

Die wichtigste Frage vor dem ersten Schlagabtausch lautet den Experten zufolge, welcher Donald Trump auftauchen wird. "Die große Unbekannte ist, was Donald Trump tun wird", sagte Galen. "Wird Donald Trump versuchen, als eher traditioneller Politiker aufzutreten und sich zu spezifischen Themen äußern, oder wird er tun, was er in den republikanischen Debatten getan hat - verrückte Dinge sagen, die völlig verschleiern, was er über ein Thema wirklich denkt?"

In den Vorwahldebatten der Republikaner musste Trump sich die Bühne manchmal mit zehn weiteren Bewerbern teilen. Deswegen hatte jeder Einzelne vergleichsweise wenig Redezeit. In einem großen Feld mit vielen weithin unbekannten Bewerbern kam es primär darauf an, die Debatte zu dominieren und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen - eine Fähigkeit, die Trump beherrscht.

 

Ein großes Feld: Die republikanischen Möchtegern-Präsidenten (Foto: AP)

Ein großes Feld: Die republikanischen Kandidaten bei den Debatten

Doch dies, da sind sich die Experten einig, wird in den anstehenden Duellen nicht reichen. Eine 90-minütige Debatte ohne Pausen mit nur einer Kontrahentin wird eine völlig neue Herausforderung für Trump, betonte Jennifer Mercieca. Sie lehrt an der Texas A&M University politische Rhetorik und hat sich die Vorwahlauftritte Clintons und Trumps extra noch einmal genauer angesehen.

Politisches Fachwissen

"Die Debatten sind ein Anlass, bei dem er politisches Fachwissen brauchen wird", sagte Mercieca. Obwohl Trump bei seinen bisherigen Auftritten nur eine Minute Zeit für eine Antwort gehabt habe, sei es ihm oft schwergefallen, inhaltlich sinnvolle Aussagen zu machen. In den nun anstehenden Debatten haben die Kandidaten dagegen jeweils sogar zwei Minuten Zeit, um zu antworten. "Eine Zwei-Minuten-Antwort ist viel für Donald Trump", sagte Mercieca.

Der republikanische Wahlberater Galen glaubt zudem, dass Trumps bislang wichtigste rhetorische Debattentaktik, nämlich "täuschen und angreifen", allein nicht genügen wird. Trump könne dies zwar wieder anwenden und so bei Unwissenheit einfach über etwas anderes sprechen, bis seine Redezeit abgelaufen ist. Und er könne auch wieder den Moderator für eine ihm nicht genehme Frage angreifen. Dafür werde Trump sicher auch wieder Zuspruch von seinen Anhängern erhalten, ergänzt Galen. Die wichtige Gruppe der unentschiedenen Wähler werde er dadurch jedoch nicht überzeugen.

Generell, so Galen, sei die Erwartungshaltung an Trump aufgrund seines bisherigen Verhaltens niedrig, "weil jeder geht doch fast davon aus, dass er auf die Bühne geht und das Podium auf die Zuschauer wirft". Dennoch müsse Trump mehr tun, als nur zu versuchen, nicht zu provozieren. Schließlich erwarteten die amerikanischen Wähler von einem Präsidentschaftskandidaten auch, dass er konkrete Vorschläge macht, wie er die vielen Probleme des Landes konkret lösen will. "Die Frage ist, ob Donald Trump auch nur ansatzweise in der Lage ist, zu erklären, was er zu tun gedenkt", sagte Galen.

"Trump muss die Akzeptanzschwelle überschreiten und beweisen, dass er sich mit den wichtigen Themen wirklich auskennt", ergänzte Shrum. "Bislang kam er meistens so durch."

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Vertrauen und Ehrlichkeit

Verglichen mit Trump sind für Clinton sowohl Format wie politische Fachkenntnis Herausforderung, betonen die Experten. Schließlich hat Clinton seit ihrer Senatskandidatur im Jahr 2000 immer wieder an ähnlichen Veranstaltungen teilgenommen. Doch gerade weil sie bei Sachthemen sattelfest ist, meinen die Experten, müsse sie aufpassen, nicht zu abgehoben und akademisch zu wirken. "Ein Problem für Clinton ist, dass sie zu viel erklärt", sagte Mercieca. "Dadurch kommt sich manchmal als zu kühl und zu steif rüber, was dazu führt, dass sie nicht vertrauenswürdig wirkt und die Leute sie möglicherweise als Führungspersönlichkeit nicht mögen."

Aus Clintons Sicht sind die Debatten wichtig, um ihrer Kampagne wieder Halt zu geben. Denn in letzter Zeit hatte Trump nicht nur in den Umfragen wieder aufgeholt. Auch die Zweifel an Clintons Glaubwürdigkeit und Gesundheit sind gewachsen. Der richtige Umgang mit "ihren Glaubwürdigkeitsproblemen" ist für Galen dann auch Clintons größte Herausforderung in den Debatten. Denn laut Umfragen wird Clinton, wie auch Trump, von einem Großteil der amerikanischen Wähler als unehrlich und nicht vertrauenswürdig eingeschätzt.

Zwar ist das tiefsitzende Misstrauen vieler Wähler in drei Debatten wohl kaum zu widerlegen. Dennoch werde sich Clinton als die sichere und logische Alternative präsentieren; als eine Führungspersönlichkeit mit Erfahrung und Temperament, die für das Präsidentenamt notwendig ist, so Galen. "Ob ihr das irgendjemand glaubt, ist eine andere Sache. Aber dies ist das Image, das sie transportieren möchte."

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Gender-Thematik

Der republikanische Berater Galen erwartet zudem, dass Clinton die Debatte nutzen wird, um weiter von ihrer abfälligen Aussage abzurücken, die Hälfte von Trumps Unterstützer sei "erbärmlich". "Aber sie wird die hispanischen und afro-amerikanischen Wähler sicher auch sehr klar daran erinnern, dass der andere Kandidat jemand ist, der euch nicht mag. Und dass er von einer Gruppe von Leuten unterstützt wird, die euch wirklich nicht mögen", sagte Galen. Trump hatte sich im Wahlkampf wiederholt abfällig über beide Gruppen geäußert.

Aufgrund Trumps umstrittenen Äußerungen gegenüber Frauen - wie Fox News-Moderatorin Megyn Kelly und seiner republikanischen Kontrahentin Carly Fiorina - werde auch sein Verhalten gegenüber Clinton, der ersten weiblichen Präsidentschaftskandidatin, wichtig werden, glaubt Mercieca: "Normalerweise lehnen Amerikaner es ab, wenn ein Mann sich gegenüber einer Frau in einer Debatte aggressiv verhält. Aber ich glaube, seine Anhänger fänden es gut, wenn er sich ihr gegenüber aggressiv verhält". Sie ergänzt: "Ich bin nicht sicher, wie das auf noch unentschiedene Wähler wirkt. Ich würde annehmen, dass dies seinen Ruf als Frauenfeind verstärkt. Und dass er damit wie bei den Vorfällen mit Megyn Kelly und Carly Fiorina unpräsidentiell erscheint."

An eine Prognose zum Ausgang der ersten Debatte wagt sich keiner der Experten. Stattdessen empfahlen alle dasselbe: Bis zum 26. September abwarten, um zu sehen, ob Donald Trump noch einen Joker aus dem Ärmel zieht.

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