Warum das Silicon Valley nicht in Deutschland liegt | Wirtschaft | DW | 15.08.2019
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Startups

Warum das Silicon Valley nicht in Deutschland liegt

Die Zukunft wird in Kalifornien erfunden, nicht in Deutschland. Ein Unternehmer und ein Risikokapitalgeber, die mit beiden Regionen vertraut sind, nennen mehrere schwer überwindbare Gründe dafür.

Es gibt mehrere Gründe, warum die mit Risikokapital finanzierte Geschäftswelt in Deutschland immer noch viel kleiner ist als ihr Pendant in Kalifornien, und warum so viele talentierte Deutsche in die USA auswandern. Das erfuhr DW aus Interviews mit Matthias Ockenfels, einem in Berlin ansässigen Risikokapitalgeber (Venture Capitalist, VC), der zuvor in Kalifornien gearbeitet hat, und Pascal Zuta, einem Unternehmer, der heute in San Francisco lebt, aber zuvor zehn Jahre damit verbracht hat, diverse Unternehmen in Berlin zu gründen.

"Wir haben [in Deutschland] noch ein Stück des Weges vor uns, um eine Kultur des vollblütigen risikokapitalfinanzierten Unternehmertums zu entwickeln", sagt Pascal Zuta. "Andererseits hat die deutsche Kultur des Perfektionismus in manchen Bereichen auch Vorteile."

Eine stärkere Gründerkultur ist auch seitens der deutschen Regierung gewollt und gefördert. Der halbstaatliche "High-Tech Gründerfonds" (HTGF) investiert in Startups aus den Branchen Software, Medien, Internet, Hardware, Energie und Automation, Life Sciences (Medizintechnologie, Diagnostics, Biotechnologie) und Chemie. 

California dreamin'

Laut Zuta ist Kaliforniens Ambiente des inspirierenden Optimismus ein Grund dafür, warum viele Jungunternehmer sowie risikofreudige Ingenieure und Programmierer aus Deutschland dorthin auswandern. Die kalifornische Kultur akzeptiert oder feiert sogar geschäftliche Rückschläge und Misserfolge; solche werden als Gelegenheiten verstanden, zu "wachsen" und sich auf einen neuen Anlauf vorzubereiten, auf das nächste Startup.

"In Deutschland ist man oft lieber der Besserwisser, der sagt, 'das wird schiefgehen'. Und meistens geht es ja auch schief - also behält man damit Recht. In Deutschland suchen alle die Planbarkeit, aber im Unternehmertum tut man am Ende fast nie das, was man am Anfang geplant hat. Man muss flexibel bleiben, Chancen ergreifen."

Dazu kommt, dass die Gehälter und die Lebensunterhaltskosten in Kalifornien fast dreimal so hoch sind. Netto kann man deutlich mehr sparen, wenn man in San Francisco oder Silicon Valley als Ingenieur oder Programmierer arbeitet, als in Deutschland, so Zuta. Daher gibt es so viele deutsche Ingenieure und Unternehmern in Kalifornien - mindestens 60.000.

Räume der Risikokapitalfirma Speedinvest (Speedinvest)

Matthias Ockenfels leitet das Berliner Büro der Wiener Risikokapitalfirm Speedinvest.

Business Angels sind entscheidend

Der wichtigste Grund aber, warum Deutschland lange nicht mit Silicon Valley konkurrenzfähig sein wird, ist Kaliforniens enormer Vorsprung beim Aufbau eines gründerfreundlichen "Ökosystems", sagen Zuta und Ockenfels. Vor allem ist Kaliforniens viel größerer Pool an erfahrenen Business Angels eine Schlüsselkomponente, und das gibt es in Deutschland nicht.

In der Geschäftssprache ist ein "Engel" ein Investor, der kein professioneller Risikokapitalgeber, also ein VC,  ist, sondern ein Mentor des Gründerteams und eine Geldquelle für die Frühphasenfinanzierung des Unternehmens. "Wenn es eine Sache gibt, die Deutschland mehr als alles andere braucht, ist es eine größere Basis erfahrener Engel, die selbst erfolgreich Geschäfte aufgebaut und Exits erzielt haben", sagt Zuta. "Engel und Gründer bilden zusammen die Basis des Startup-Ökosystems."

Alles für den "Exit"

Im VC-Jargon ist "Exit" das heiß ersehnte Ereignis, auf das all hinarbeiten: der Tag, an dem das Unternehmen verkauft wird, und die Anteilseigner ausgezahlt werden: der Engel und die VCs, die es finanziert haben, sowie die Gründer.

Ein guter Engel arbeitet eng mit den Gründern zusammen, und gibt ihnen nicht nur Geld, sondern auch kluge Ratschläge und nützliche Kontakte. Ein guter Engel kann einen Jungunternehmer daran hindern, Anfängerfehler zu begehen, die ein Unternehmen zum Scheitern bringen würden.

Zuta, 41, ist selbst Engel. Er hat mehrere erfolgreiche "Exits" hinter sich (aber auch ein paar Fehlschläge), in Branchen, die von der Filmproduktion über E-Commerce, Videospiele und eine Website für die Buchung von Ärzteterminen reichen. Derzeit ist er Mitbegründer und CEO von GYANT, einem in San Francisco ansässigen Unternehmen, das künstliche Intelligenz (KI) einsetzt, um die asynchrone Kommunikation zwischen Patienten und Krankenhäusern durch Telemedizin zu verbessern.

Um Geld von amerikanischen VCs zu bekommen, ziehen Sie in die USA

Matthias Ockenfels, 34, ist Partner bei Speedinvest, einem in Wien ansässigen Risikokapitalfonds mit Niederlassungen in mehreren europäischen Städten sowie in San Francisco. Ockenfels leitet das Berliner Büro. Speedinvest investiert hauptsächlich in Europa, hilft aber öfters mal europäischen Unternehmen, sich im US-Markt zu etablieren - was sinnvoll ist, denn der nordamerikanische Markt ist riesig und einheitlich, während die europäischen Märkte nach wie vor durch eine Vielzahl an unterschiedlichen Kulturen und Sprachen fragmentiert sind: "Viele Kunden und Folgeinvestoren haben ihren Sitz in den USA. Es ist einfacher, amerikanische Kunden und Investoren zu finden, wenn die Gründer ihr Hauptbüro dorthin verlegen - und selber nach Kalifornien umsiedeln."

Büro des Startups Jobspotting (DW/S. Kinkartz)

Ein Beispiel für die Berliner Startup-Szene ist das junge Unternehmen Jobspotting.

Geld bei Freunden leihen

Europa bietet aber eine große Menge Ingenieurs- und Programmiertalente, und es ist oft billiger, hochqualifizierte Leute in Europa als in Kalifornien einzustellen, weshalb von Europäern gegründete Unternehmen manchmal einen wichtigen Anteil ihrer Ingenieursarbeit weiterhin in Europa erledigen, auch nachdem die Gründer den Firmensitz in die USA verlegt haben.

Der VC betont, dass VCs nicht die einzige Finanzierungsquelle für Startups seien. "Viele Gründer nutzen andere Finanzierungsquellen, wie etwa Banken, Familienmitglieder und Freunde oder Kunden", so Ockenfels. "Bei Speedinvest sehen wir über 5.000 Investitionsgelegenheiten pro Jahr, aber alle unsere Fonds zusammengenommen investieren in nur etwa 25 Startups pro Jahr. Wenn ein VC Ihren Fall ablehnt, bedeutet dies nicht, dass Ihr Unternehmen nicht rentabel oder Ihre Technologie nicht sinnvoll sein könnte, sondern nur, dass es kein Fall für VCs ist."

Berlin - schon ein ganz kleines Silicon Valley

Auch Pascal Zuta meint, dass Kalifornien zwar viele Vorteil für Gründer bietet, aber großzügigere Konditionen bei Risikokapitalgebern als in Deutschland zählen nicht dazu: "In beiden Ländern können Unternehmer damit rechnen, dass sie bei jeder Finanzierungsrunde 15 bis 20 Prozent des Eigenkapitals des Unternehmens aufgeben müssen." Weil es aber viel mehr VCs und erfahrene Business Angels in Kalifornien gibt als in Deutschland, findet der hartnäckige Unternehmer in Kalifornien leichter Zugang zu Geld.

Dennoch sagen Zuta und Ockenfels, dass Deutschland inzwischen ein vielversprechendes Gründer-Ökosystem aufbaut - in der Hauptstadt. Berlin ist eindeutig das deutsche Zentrum für VCs und Startupunternehmen, so Zuta, und das sei gut so: "Wir müssen ein Ökosystem, eine kritische Masse von Engeln, VCs, und Startupunternehmern in einer Stadt aufbauen, und diese Stadt ist Berlin. Sie hat nun einen weltweiten Ruf als coole, angesagte, erschwingliche Stadt mit einer lebhaften Startup-Szene. Wir sollten das schätzen und darauf bauen."

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