Warten in der Arche | Deutschland | DW | 22.05.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Warten in der Arche

In Corona-Zeiten warten alle darauf, dass das Leben normal, ohne Einschränkungen weiter gehen wird. Vielleicht ändert diese Zeit unsere Haltung zum Leben. Ralph Frieling erzählt eine alte Geschichte über das Warten.

Flüchtlinge Unglück Australien Küste (AP)

Die Arche Noah

Die Geschichte von der Arche Noah ist eine der Ur-Geschichten der Bibel (1. Mose 6-8). Nicht weil sie vor langer Urzeit so passiert wäre, sondern weil sie etwas Ur-typisches über uns Menschen erzählt.

Lassen wir den alten Noah selbst im Interview zu Wort kommen.

Ralf Frieling: Es war gar nicht leicht, Sie zu ausfindig zu machen, Herr Noah! Obwohl Sie ja sehr bekannt sind mit der Arche und der Sintflut. Sie hatten die Flut mit Ihrer Familie überlebt.

Noah: Ich war nicht der einzige. Viele haben überlebt.

RF: Wie meinen Sie das? Die Bibel berichtet, Sie waren die einzigen: Sie, Ihre Frau, Ihre drei Söhne und Schwiegertöchter.

Noah: Es kamen ja immer wieder Stürme über die Welt. Krisen - wie Fluten, wo Menschen jeden Boden unten Füßen verloren.

RF: Den Boden verlieren?

Noah: Kriege zum Beispiel. Naturkatastrophen. Aber auch im privaten: die Diagnose einer schweren Krankheit wirft einen um. Verlorene Beziehungen oder wenn einer stirbt: das alles lässt einen ins Bodenlose versinken.

RF: Was gab Ihnen Bodenhaftung?

Noah: Die Arche. Gott gab mir den Auftrag die Arche zu bauen. Einhundert Meter lang, fünfzehn breit und drei Stockwerke hoch.

RF: Ein frühzeitlicher Wolkenkratzer.

Noah: Ja, aber ohne Fenster. Da war nur eine Luke oben. Die Arche war alles andere als eine Fregatte oder Hochsee-Yacht. Eher ein Holzkasten, überdimensional zurecht gezimmert und provisorisch.

RF: Und dann?

Noah: Dann fing es an, aus Eimern zu schütten. Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Tropfen, die wie Fäuste auf den Staub schlugen. Binnen weniger Stunden schoss das Wasser die Straßen entlang. Erst war es faszinierend, dann beängstigend. Der Regen hörte nicht auf. Nach drei Tagen stand alles unter Wasser, Bäume waren entwurzelt, das Leben war fortgespült. Irgendwann hörten wir ein lautes Knarzen, die Arche bekam Auftrieb, schlingerte, schwamm.

RF: Und Sie wussten nicht, wohin.

Noah: Das war nicht wichtig. Hauptsache, wir waren gerettet. Die Kehrseite allerdings war: wir waren auch gefangen.

RF: Was haben Sie die ganze Zeit mit sich angefangen?

Noah: Gute Frage. Erst haben wir die Zeit zusammen genossen. Aber die Stimmung kippte bald auf engem Raum und mit dem ständigen Regen, wie er auf das Dach prasselte. Wussten Sie, dass es 150 Tage und Nächte goss?

RF: Fast ein halbes Jahr.

Noah: Die Nerven lagen blank. Einmal schrie mein Sohn: Ich halt`s hier nicht mehr aus, ich will raus, ich will mein Leben zurück, aber da ist nichts mehr!

RF: Und die Tiere?

Noah: Die Leute glauben immer, wir hätten nur Däumchen gedreht. Aber kümmern Sie sich mal um tausend Tiere! Jeder Zoodirektor weiß, wovon ich rede. Im Talmud haben sie sich später noch die Sache mit dem Löwen erzählt.

RF: Was war passiert?

Noah Wir hatten rund um die Uhr mit der Fütterung zu tun. Einmal war ich zu spät dran und besagter Löwe biss mich hungrig in den Arm.

RF: Und nach dem halben Jahr, als der Regen aufhörte ...

Noah: ... war das natürlich ein besonderer Moment. Wir rannten zur Dachluke und schauten hinaus. Nur, was wir sahen, war die offene See. Da dämmerte uns, dass wir noch lange warten müssen. Nach mehreren Tagen knarrte es gewaltig unten im Bug. Wir waren auf Grund gelaufen auf dem Berg.

RF: Ein glückliches Ende!

Noah: Von wegen! Wir konnten längst noch nicht raus. Das Wasser stand zu hoch. Das Warten ging weiter, und ich sage Ihnen, wir waren müde! Insgesamt dauerte es noch einmal über sechs ganze Monate, bis sich das Wasser vollständig verlaufen hatte und die Pflanzen wieder grün waren. Erst dann verließen wir die Arche.

RF: Mit den Tieren.

Noah: Allein die Pferde: wie die drauf los galoppierten. Die Schafe und Ziegen sprangen umher.

RF: Sie haben die Freiheit genossen!

Noah: Ein unbeschreibliches Gefühl. Wir spürten festen Boden unter den Füßen. Ein ganzes Jahr lang waren wir in dem Kasten.

RF: Ein verlorenes Jahr?

Noah: Na ja, das würde ich so nicht sagen. Im Rückblick war es nicht vergeblich. Das Leben wurde kostbarer nach diesem Jahr.

RF: Eine letzte Frage: Haben Sie eigentlich Gott gespürt in dieser Zeit?

Noah: Not lehrt beten, sage ich Ihnen. Aber die Dankbarkeit auch.

RF: Danke für das Gespräch!