Waldbrandmanager empfiehlt: Vorsorge statt teurer Löschtechnik | Wissen & Umwelt | DW | 27.07.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Brandbekämpfung

Waldbrandmanager empfiehlt: Vorsorge statt teurer Löschtechnik

Anhaltend hohe Temperaturen und extreme Trockenheit erhöhen die Gefahr von Bränden. Alexander Held erklärt die Auswirkungen von Feuer auf die Natur und was der Mensch tun müsste, um die Brandgefahr zu reduzieren.

DW: Wie wird man denn Waldbrandmanager? 

Alexander Held: Ich habe Forstwissenschaften studiert, mit dem Wunsch Forstamtsleiter in den bayerischen Alpen zu werden. Zufällig bin ich 2001 auf das Thema Feuerökologie gestoßen und wurde bald ins sogenannte Feuerausland geschickt, nach Florida, Kalifornien und Südafrika. Und so habe ich mich entsprechend qualifiziert, um Einsätze leiten zu können, auch aus der Luft. 

Wenn einem so etwas Spaß macht, wird man immer besser darin, die Zusammenhänge und Auswirkungen der unterschiedlichen Brände unter verschiedenen Klimabedingungen auf die Ökosysteme zu verstehen. Trotzdem bin ich Förster und würde lieber die Landschaften so managen oder die Wälder so bewirtschaften, dass wir uns erst gar nicht mit Katastrophenfällen beschäftigen müssten.

Alexander Held, Waldbrandmanager des European Forest Institute (EFI) (privat)

Held: "Es braucht mehr Geld für Prävention und Landmanagement"

Welche Feuerarten gibt es überhaupt? 

Wir unterscheiden zwischen Boden-, Kronen- oder Vollfeuer, guten und schlechten Feuern. In Griechenland und im letzten Jahr in Portugal und Chile hatten wir es mit schlechten Feuern zu tun. Menschen kommen darin um, das Ökosystem wird zerstört, mit Auswirkungen auf den Boden und das Mykorrhiza-System [Anmerkung der Redaktion: Mykorrhiza sind Pilzsymbiosen, die etwa in Mitteleuropäischen Wäldern vorkommen].

Positive Feuer dagegen sind Pflegefeuer. Sie erhöhen die Biodiversität wie in der Savanne. Dort gibt es regelmäßige, milde präventive Feuer. Vor der eigentlichen Feuersaison, bei niedrigeren Temperaturen und höherer Luftfeuchtigkeit als im Hochsommer, könnten wir kontrolliert Feuer legen, um das feine Brennmaterial mit wenig Rauchentwicklung aus der Natur zu entfernen. 

Mit der richtigen Dosis können wir als Manager entscheiden, zu welchen Umweltbedingungen es brennt. Wenn dann ein Vegetationsbrand ausbricht, würde er nicht mehr die Chance haben, sich in ein Katastrophenfeuer zu verwandeln​, und die Einsatzkräfte hätten es mit Feuern zu tun, die sie auch bekämpfen könnten. Das Feuerverhalten, wie jetzt in Griechenland, können wir nicht bekämpfen.

Wie sind Ihre Beobachtungen. Ist die Zunahme an Bränden wirklich dramatisch?

Ja. Durch diesen real werdenden Klimawandel müssen wir uns häufiger mit extremen Wetterlagen beschäftigen als früher und auch mit extremen Feuersituationen. Die Feuer haben soviel Brennmaterial, sie werden heißer, größer, intensiver, immer schwieriger zu löschen. Das ist ein klarer Trend.

Genauso wie es unterschiedliche Feuer gibt, gibt es diverse Möglichkeiten zur Löschung. Ist es sinnvoll, wie in Schweden, Schnee zu verteilen oder Bomben abzuwerfen, um die Sauerstoffzufuhr zu unterbinden und das Feuer zu ersticken?

Ich muss sagen, in den vergangenen Jahrzehnten ist mir kein Verfahren bekannt, dass die Bekämpfung dramatisch revolutioniert hätte. Für die Waldbrand - oder Vegetationsbrandbekämpfung gibt es 28 Grundlagen, die das Feuerverhalten beeinflussen.

Deutschland Großer Waldbrand bei Potsdam (picture-alliance/dpa/F. Bungert)

Kein Einzelfall im Sommer 2018: Ein Fichtenwald brennt nahe der Autobahn bei Potsdam

Die wichtigsten sind: Ich muss erkennen, wie die Geländeausrichtung die Steilheit im Gelände und der Wind die Ausbreitung und das Verhalten des Feuers beeinflussen. So kann ich taktisch vorhersagen, wie sich die Flammen verhalten, wenn sie an Punkt A, B oder C im Gelände ankommen. Brennt das Feuer an einem feuchteren Nordhang gegen den Wind bergab, habe ich Chancen, es zu löschen. Andernfalls ist es eine Verschwendung von Ressourcen und mit hohem Risiko für die Einsatzkräfte verbunden, so wie jetzt in Griechenland. Das muss man wissen.

Und wenn genügend Wasser zur Verfügung steht, ist es das beste Mittel zum Löschen. Dummerweise brennen diese Waldbrände ja nicht neben dem nächsten Hydranten. Daher hat sich weltweit die Methode der trockenen Feuerbekämpfung durchgesetzt. Es geht nicht vorrangig darum, die Feuer zu löschen, sondern sie an der Ausbreitung zu hindern durch Kontrolllinien, die mit Baggern und Handwerksgeräten ausgehoben werden oder Vor- und Gegenfeuer. Wir können solche Linien auch durch Schaum ziehen. Es kann auch eine Straße sein. Aber eine Ausbildung dafür erhalten Feuerwehrleute in Deutschland nicht.

Schweden, Ljusdal: Lösch-Flugzeug aufgrund des Waldbrands in Karbole (picture-alliance/AP Photo/M. Suslin)

Ein Tropfen auf den heißen Stein - Löschflugzeug in Schweden im Sommer 2018

Ums Löschen alleine geht es aber nicht nur.

Würden wir unsere Hausaufgaben machen, hätten wir keine Feuer zu bekämpfen, die erstens Menschenleben kosten und zweitens so intensiv brennen, dass wir Ökosysteme über Jahrzehnte zerstören. Doch 90 Prozent des Feuerbudgets wird in die Brandbekämpfung investiert statt in Prävention und Landmanagement.

Der nächste Fehler ist, wie sich bei den aktuellen Großbränden in Schweden zeigt, dass viel Wasser aus der Luft abgeworfen wird, was nicht tief genug in den Boden eindringt, aber enorm viel Geld kostet. Und die Annahme, dass ein Löschflugzeug Feuer löscht, ist falsch, es sieht nur spektakulär aus. Die Maßnahme vermindert nur die Flammenhöhe und bekommt mediale Aufmerksamkeit, sodass alle wieder über den Klimawandel reden. Doch so lange wir unseren Konsum pflegen, der den Klimawandel begünstigt, wird sich nichts ändern. 

Deutschland Trockenheit | Schild Waldbrandgefahr (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Warnung: Offene Feuer und das Rauchen im Wald sind strengstens verboten

Welche Auswirkungen haben große Feuer auf das Ökosystem?

Feuer, die nicht zu intensiv sind, nicht zu lange auf einer Stelle und im Frühjahr brennen, wirken wie Rasenmäher. Sie schaden den Mikroorganismen im Boden nicht. Auf solchen Flächen finden wir in wenigen Monaten bereits eine Wiederbegrünung vor.

Jetzt aber ist das Brennmaterial viel trockener. Dadurch hat das Feuer mehr Energie, es brennt länger auf der gleichen Stelle. Der Boden braucht dann Jahre zur Erholung. Kontrolliert gelegte Feuer an strategischen Punkten im Februar oder März wären sinnvoll, stoßen in der Bevölkerung jedoch auf Ablehnung, weil Feuermanagement aus Unkenntnis ein negatives Image hat. Aber die gleichen Leute wollen sich im Vorhinein nicht mit der möglichen verheerenden Wirkung von Feuerkatastrophen auseinandersetzen.

Statt Feuer kontrolliert zu legen, könnte man an exponierten Orten auch Schaf- oder Ziegenherden zur Beweidung einsetzen. Sie fressen das Gestrüpp, dass später lichterloh brennen kann. Doch für solche Projekte gibt es keine politische Unterstützung und demzufolge kein Geld. Wenn es dann brennt, dann gibt es genügend Geld für Löschflugzeuge.

Mehr zum Thema: Dürre und Feuer gefährdet Existenzen

Deutschland Trockenheit | Waldbrand (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Brandnesterlöschen in Serno (Sachsen-Anhalt): "Kein Geld zur Prävention"

Braucht es also verheerende Großbrände, damit Sie mediale Aufmerksamkeit erhalten und auf mögliche präventive Maßnahmen aufmerksam machen können?

Also, was wir beobachten ist: Sobald es regnet, ist das Thema vergessen. Unsere Forschungsergebnisse können wir den politischen Entscheidungsträgern dann nicht vermitteln. Was wir wirklich bräuchten, wäre ein großangelegtes Projekt über zehn verschiedene Länder in Europa. In jedem Land würden wir in je zwei bis drei Pilotprojekten auf je tausend Hektar ein präventives Land- und Feuermanagement durchführen. So würden wir Demonstrationsflächen anlegen, dort Erfahrungen sammeln, einen aktiven Austausch betreiben und könnten unsere Forschungen den Entscheidungsträgern vor Ort zeigen. 

Wie müssen Waldflächen beschaffen sein, damit sie weniger anfällig für große Feuer sind?

Grundsätzlich hat es das Feuer in einer zusammenhängenden Vegetation leicht. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, die nicht so leicht brennbar sind oder das Brennen aushalten. Dem weit stehenden Kiefernwald, in dem ab und zu ein Bodenfeuer durchläuft, macht dieses Feuer nichts aus. Der Berg-Mischwald aus Buche, Ahorn und Tanne wie im Schwarzwald hat so viel Innenklima und Feuchtigkeit, dass er nur schwer brennbar ist. Sinnvoll sind Pufferzonen wie Waldwege, die strategisch beweidet werden und eine andere Baumartenzusammensetzung, weg von der Monokultur und den gleichaltrigen Beständen. Und wir brauchen eine nachhaltige Forstwirtschaft. Die Konzepte müssen lokal ausgerichtet sein, denn sie sind nicht global übertragbar.

Auch die Landwirtschaft ist betroffen, wie die Feldbrände während der Getreideernten gezeigt haben. Was müsste sich im Agrarbereich ändern?

Sehr oft passiert bei Erntearbeiten Funkenflug, und die Weizenfelder gehen in Flammen auf. Die Feuerwehren fahren dann auf den Feldern herum und versuchen zu löschen. Wir beobachten gerade in Nord- und Ostdeutschland, große Felder ohne Struktur. Wir brauchen dazwischen bewässerte Gräben, Grünstreifen, Hecken und Kontrolllinien. 

Schweden Waldbrände bei Ljusdal (Reuters/TT News Agency/M. Andersson)

Ein Waldweg verhindert die Ausbreitung des Feuers und vermöglicht Rettungskräften die Durchfahrt

Wir müssen auch die Wiedervernässung von Mooren forcieren, die enorme Mengen an klimaschädlichem CO2 binden. Denn wenn noch mehr Humus- und Torfflächen, wie gerade in England, in Rauch aufgehen, braucht es Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis der Kohlenstoff, der darin gebunden ist, wieder gespeichert werden kann. Aber das kostet Geld. Ich befürchte, der politische Wille und die Bereitschaft zum Umdenken wird erst einsetzen, wenn wir katastrophale Brände zu bekämpfen haben. Es hört sich hart an, aber noch ist der Schmerz nicht groß genug. 

Alexander Held ist Senior-Manager am European Forest Institute (EFI). International ist er als Experte gefragt, um sein Wissen über Waldbrände, Brandbekämpfung, Auswirkungen des Klimawandels, Landmanagement und Waldresilienz weiterzugeben.

Das Interview führte Karin Jäger.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links