Wahlerfolg dank gutem Aussehen | Deutschland | DW | 10.01.2018
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Attraktivitätsforschung

Wahlerfolg dank gutem Aussehen

Bei den Bundestagswahlen 2017 war die Attraktivität von Politikern wichtiger als je zuvor. Das zeigt eine Studie der Uni Düsseldorf. Lena Masch aus dem Forscherteam erklärt im DW-Interview, woran das liegen könnte.

Sarah Wagenknecht, Christian Lindner, Alice Weidel

Gelten als attraktiv: Sahra Wagenknecht (Die Linke), Christian Lindner (FDP) und Alice Weidel (AfD)

Deutsche Welle: Sie haben an der Universität Düsseldorf im Rahmen der Studie "Schöner wählen?" die Attraktivitätswerte deutscher Bundestagskandidaten der Wahlen 2017 gemessen und sie mit deren Wahlerfolgen abgeglichen. Vergrößert gutes Aussehen die Chance, gewählt zu werden?

Lena Masch: Ja, wir konnten einen positiven Effekt der Attraktivität auf den Anteil der Direktstimmen feststellen. Bei ansonsten gleichen Voraussetzungen erhält ein sehr attraktiver Kandidat bis zu fünf Prozentpunkte mehr Erststimmen als ein sehr unattraktiver. Die Parteien erhalten durch attraktive Kandidaten bis zu drei Prozentpunkte mehr an Zweitstimmen. Außerdem ist die Wahlbeteiligung höher, wenn die Kandidaten im Wahlkreis attraktiv sind.

Aber was ist mit anderen Faktoren, die Wähler für einen bestimmten Kandidaten stimmen lassen? Ist Attraktivität etwa wichtiger als Inhalte?

Wir haben auch andere Merkmale der Politiker gemessen, zum Beispiel ob sie einen Doktortitel oder Migrationshintergrund haben, welches Geschlecht sie haben oder ob sie schon im letzten Bundestag waren. Im Ranking dieser persönlichen Faktoren ist die physische Attraktivität auf dem zweiten Platz. Einen größeren Einfluss auf den Wahlerfolg eines Direktkandidaten hatte lediglich dessen Bekanntheitsgrad. Parteizugehörigkeit und damit verbundene politische Inhalte fassen wir in unserem Modell allerdings nicht unter die persönlichen Faktoren eines Kandidaten. Sie stehen gewissermaßen darüber und spielen nach wie vor eine wichtige Rolle.

Wir sprechen die ganze Zeit von Attraktivität. Wie haben Sie denn für die Studie überhaupt definiert, welche Kandidaten der letzten Wahlen attraktiv sind und welche nicht?

In der Attraktivitätsforschung nehmen wir an, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, ob jemand attraktiv ist oder nicht. Somit lässt sich Attraktivität objektiv messen, wenn man genügend Personen befragt. Wir haben alle 1779 Direktkandidaten von 24 Studierenden auf einer Skala von 0, also unattraktiv, bis 6, attraktiv, bewerten lassen. Der attraktivste männliche Spitzenkandidat war übrigens Christian Lindner. In diesem Sinne bestätigt das gute Abschneiden der FDP, deren Wahlkampf sehr auf Lindner zugeschnitten war, unsere Studie.

Wie kann es sein, dass Wähler eine politische Entscheidung so stark vom Aussehen eines Kandidaten abhängig machen? 

Je komplexer die Politik oder die Welt insgesamt, desto eher neigen Wähler dazu, sich an einfacher einschätzbaren Faktoren zu orientieren - also können Kandidaten mit ihrem Aussehen punkten, auch wenn das oberflächlich ist. Wenn jemand gesund, attraktiv und fit wirkt, trauen die Wähler ihm anscheinend eher zu, ein politisches Amt zu meistern. Ist eine Person dagegen ungepflegt und hässlich, erscheint sie dem Wähler weniger kompetent. Das alles wird aber nicht aktiv so gedacht, es handelt sich um unbewusste Prozesse. 

War es schon früher so, dass Kandidaten stark an ihrem Äußeren festgemacht wurden, oder ist das eine neue Entwicklung?

Der Studienleiter Prof. Dr. Rosar führt dieselbe Studie schon seit den Bundestagswahlen von 2002 durch. Im Vergleich zu den vorherigen Jahren hatte Attraktivität bei den Wahlen 2017 den größten Einfluss. Ob das nur eine Schwankung oder wirklich ein Trend ist, lässt sich zwar noch nicht mit Sicherheit sagen. Aber sicherlich sind wir jetzt in einem visuellen Zeitalter, in dem das Äußere insgesamt eine größere Rolle spielt. Und wir sind in einem Zeitalter, in dem der Wahlkampf der Parteien personalisierter ist. Denn die inhaltlichen Profile der Parteien sind nicht mehr so trennscharf wie noch vor einigen Jahrzehnten, als zum Beispiel nur die Grünen für Umweltschutz standen.

Die Erkenntnis, dass das Äußere bei Entscheidungen eine Rolle spielt, die man eigentlich nach rationalen Kriterien treffen sollte, gibt es in der Attraktivitätsforschung bereits länger. Beispielsweise bekommen attraktivere Kinder auch die besseren Noten in der Schule. Was kann die Gesellschaft mit den Ergebnissen Ihrer Arbeit anfangen?

Wir wollen keine konkrete Handlungsempfehlung geben, aber zumindest ein Bewusstsein schaffen. Politiker sollten wissen, dass ihr Aussehen eine Rolle spielt. Und die Wähler ihrerseits, die oft glauben, sie träfen eine rationale Entscheidung, sollten wissen, dass sie sich unterbewusst von anderen Dingen leiten lassen. 

Das Interview führte Ines Eisele.

Lena Masch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

 

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