Wählen gegen Zwangsräumungen | Afrika | DW | 09.03.2019
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Nigeria

Wählen gegen Zwangsräumungen

In Nigerias Metropole Lagos leben rund 14 Millionen Menschen in Armut. Ihre Probleme spielen bei der Gouverneurswahl an diesem Samstag aber keine Rolle. Der Fotograf Deji Akinpelu will ihnen eine Stimme geben.

Drei Menschen halten Wählerausweise in die Höhe. (DW/K. Gänsler)

Die Bewohner von Badia East mit ihren Wählerkarten

Das Armenviertel Badia East ist für Deji Akinpelu fast schon ein zweites Zuhause geworden. Der Fotograf und Aktivist kommt regelmäßig hierher. Badia East liegt mitten in Nigerias Millionenmentropole Lagos, an einer Schnellstraße zwischen Hafen und Flughafen. Mittendurch führen Schienen, die längst nicht mehr genutzt werden. Rechts und links der Bahnstrecke stehen große Schirme, die Sonne und Regen notdürftig abhalten sollen. Darunter schlafen die Bewohner, seit ihre Hütten bei der letzten Zwangsräumung zerstört wurden.

Manche besitzen noch Planen oder ein altes Zelt. Ein Moskitonetz hat aber kaum jemand. An Toiletten oder Duschen ist überhaupt nicht zu denken. Deji Akinpelu film und fotografiert den Alltag der Menschen im Viertel. Die Aufnahmen stellt er auf Facebook, damit sich möglichst viele Menschen ein Bild über die Lebensbedingungen machen können. Ansprechen möchte er damit vor allem Politiker. Außerdem hört er den Anwohnern zu. Zwei Themen sind es, um die sich jede Unterhaltung dreht: die Gouverneurswahlen an diesem Samstag (9. März) und die Zwangsräumungen im Dezember 2018.

Der Fotograf und Aktivist Deji Akinpelu (DW/K. Gänsler)

Deji Akinpelu will, dass die Menschen in der Armenvierteln gehört werden

Bei Abiye Oluwatoyin Shodele dauert es keine Minute, bis sie von jenem schicksalshaften 12. Dezember erzählt. "Wir sind überhaupt nicht informiert worden, und ich war auch gar nicht zu Hause, als die Spezialeinheit kam. Meine Kinder haben mich aber angerufen. Ich kam zurück und musste mir selbst den Weg zu meinem Haus bahnen. Die Polizei verbot mir, irgendetwas von meinem Besitz mitzunehmen." Sie klingt aufregt. Dann dreht sie sich um und zeigt auf zwei Schirme in Lila und Blau.

Die Armen spielen keine Rolle

Darunter stehen ein paar Holzkisten, Getränkekästen. Daneben drei Plastikstühle, die einmal weiß waren und zwei Kühltruhen. Es ist alles, was der Getränkehändlerin geblieben ist. Mühsam bückt sie sich und tippt auf ihre Wade. "Sie haben mich sogar angeschossen und mir Tränengas ins Gesicht gesprüht." In Badia kommt es seit 2013 immer wieder zu Zwangsräumungen. Auch andere Gegenden sind davon betroffen.

Deji Akinpelu hat deshalb den prägnanten Slogan "Ihr werdet nicht gewählt, um uns zu vertreiben" entworfen. Gedruckt wird er meist in weißer Schrift auf rote T-Shirts. "Lagos ist eine Megacity", sagt er. "Sie schließt aber nicht alle ein. Sie ist eine exklusive Stadt für Reiche". Dabei sind die in der Minderheit. Etwa zwei Drittel der rund 22 Millionen Einwohner gehören zu den Armen. Daher werden sie bei er Gouverneurswahl auch die Mehrheit der Wähler stellen - für die 45 Kandidaten spielen sie aber kaum eine Rolle.

Blick auf Badia East: Eine Bahnstrecke, daneben Schirme und Menschen (DW/K. Gänsler)

Die Probleme der Menschen in Badia East spielen bei den Wahlen keine Rolle

Deji Akinpelu versucht, die Bewerber für den Gouverneursposten in Slums wie Badia East zu bringen und sorgt dafür, dass Themen angesprochen werden, die den Menschen in den Armenvierteln besonders auf den Nägeln brennen: Wohnungsbau, Abwasserentsorgung oder das Müllproblem. "Es passiert nicht genug", sagt er. Emmanuel Oladele Ojuri, Sprecher der Bewohner von Badia East, findet die Initiative gut. "Normalerweise ist es doch die Aufgaben, Menschen zu regieren, die weniger privilegiert sind." Davon sei heute nichts mehr zu spüren. "Sie wollen uns hier verjagen und haben das Land an wohlhabendere Nigerianer verkauft." Dabei leben viele Menschen seit 1973 hier. Sie wurden nach Badia East.umgesiedelt, als in ihrem früheren Wohngebiet das Nationaltheater gebaut wurde.

Politiker in die Elendsviertel bringen

Wie schnell sich die Fläche in ein Schlammloch verwandeln kann, hat Babatunde Gbadamosi Ende Januar erlebt. Er tritt am Samstag als Kandidat der 2017 gegründeten Action Democracy Party (ADP) für das Gouverneursamt an. Eine knappe dreiviertel Stunde hat er sich mit den Bewohnern von Badia East unterhalten. Einen Mitschnitt von dem Treffen nutzt er sogar für eins seiner offiziellen Wahlkampf-Videos. "Es war eine sehr emotionale Erfahrung. Die Menschen waren enttäuscht. Es gab keine Jubelfeier. Vielmehr stand die Frage im Raum, ob es wirklich noch Hoffnung gibt." sagt Deji Akinpelu über die Begegnung.

Abiye Oluwatoyin Shodele vor ihrem kleinen Verkaufsstand (DW/K. Gänsler)

Abiye Oluwatoyin Shodele hat durch die Zwangsräumung fast alles verloren

Viele Entscheidungen sind schließlich längst gefallen, kritisiert auch Emmanuel Oladele Ojuri. Am Rand von Badia East ist längst ein Rohbau entstanden, der einen Vorgeschmack gibt, wie die Fläche künftig aussehen könnte: hübsche Eigentumswohnungen, die verkehrstechnisch gut angebunden sind. "Sie haben uns ein Vorkaufsrecht zugesagt. Die Wohnungen sollen aber 30 Millionen Naira (rund 72.693 Euro) kosten. Kann das irgendjemand bezahlen?"

Genau das sei eine der aktuellen Schwierigkeiten bei der Städteplanung, sagt Simon Gusah, der in Lagos das Projekt "100 Resilient Cities" der US-amerikanischen Rockefeller-Stiftung leitet. Sie will die Entwicklung von 100 Städten weltweit unterstützen, damit sie für alle Einwohner lebenswerter werden. "Auf dem Papier ist es sehr einfach, eine Gegend zu überplanen. Menschen aber aus der Armut zu holen, das ist so viel schwieriger." Würden lediglich neue Straßen, Gebäude und Abwassersysteme gebaut werden, würde das die Slums nur verlagern. "Es geht darum, Menschen dabei zu begleiten", fordert Gusah. 

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