Wächtersbach in Angst | Deutschland | DW | 25.07.2019
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nach dem Mordanschlag in Hessen

Wächtersbach in Angst

Die hessische Kleinstadt wurde am Montag Schauplatz eines offenbar rassistisch motivierten Attentats: Ein 55 Jahre alter Deutscher schoss auf einen jungen Eritreer und verletzte ihn schwer. Miodrag Soric berichtet.

Der etwa 30-jährige, schlaksige Mann sitzt unter einem Baum im Park von Wächtersbach in Hessen, das Handy in der Hand, und genießt seine Mittagspause. Der Job als Krankenpfleger ist anstrengend. Vor sechs Jahren kam er aus Eritrea nach Deutschland. Seinen Namen will er aus Angst nicht nennen. Wer weiß: Wenn er Neonazis kritisiert, schießen sie am Ende auch auf ihn! Seitdem ein Rechtsradikaler einem seiner Landsleute unweit vom Park in den Bauch geschossen hat, meidet er offene Straßen.

Der Getroffene überlebte wie durch ein Wunder. Doch der Täter wollte töten, mit einer halbautomatischen Waffe vom Kaliber neun Millimeter. Das 26-jährige Opfer kannte er gar nicht. Er wollte nur jemanden mit einer dunklen Hautfarbe erschießen. Es hätte jeden anderen Eritreer oder einen anderen dunkelhäutigen Menschen im Main-Kinzig-Kreis treffen können. Kein Wunder, dass die meisten eingeschüchtert sind und viele zu Hause bleiben.

Wächtersbach, Eritreer (DW/M. Soric)

Eritreer in Wächtersbach: Es hätte wohl jeden Dunkelhäutigen treffen können

Mesut Gezici von der türkischen Gemeinde in Wächtersbach ist ebenfalls beunruhigt. Er sitzt auf einer Bank vor der Moschee, trinkt einen Tee. Der Bürokaufmann ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Auch um seine drei Kinder macht er sich "etwas Sorgen". Er wünscht sich, dass nach dem Anschlag die Polizei beim bevorstehenden Freitagsgebet Präsenz zeigt. 300 bis 500 Türken aus der Umgebung kämen dann zum gemeinsamen Gebet. Langfristig brauche die Stadt einen Runden Tisch "mit den Vertretern der Kirchen, der jüdischen Gemeinde, der Gewerkschaften und der Parteien", sagt er. Denn viele Anwohner seien nach dem Attentat verunsichert. Das Sicherheitsproblem lasse sich nur gemeinsam lösen.

Eine Tat mit Ankündigung

Bürgermeister Andreas Weiher (SPD) kennt diese Sorgen, versucht, die Menschen zu beruhigen. Für ihn spricht, dass er einst als Polizist gearbeitet hat, bevor er in die Politik ging. Das gibt ihm beim Thema Sicherheit ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Er verspricht verschärfte "Sicherheitsmaßnahmen". Doch die Polizei kann nicht überall sein, um rund um die Uhr gewaltbereite Rassisten zu stoppen. Andreas Weiher wünscht sich, dass die Wächtersbacher genauer hinhören, wenn Rechte den Mund vollnehmen, wenn sie Verbrechen ankündigen. Solche Informationen müssten an die Polizei weitergegeben werden, so der Bürgermeister.

Wächtersbach, Bürgermeister Andreas Weiher (DW/M. Soric
)

Bürgermeister Weiher wünscht sich, dass Bürger mehr der Polizei melden

Tatsächlich hätte der Täter gestoppt werden können. Schließlich hatte er in seinem Stammgasthaus sein Vorhaben angekündigt. Seine rechtsextreme Gesinnung war dort ebenso bekannt wie unter den Nachbarn. Doch die Zeugen schwiegen, behaupten heute, seine "Prahlerei" nicht ernst genommen zu haben. In Wirklichkeit scheinen zumindest einige aus der Umgebung des Täters dessen rassistisches Weltbild zu teilen. Entsprechende Veröffentlichungen in den sozialen Medien sprechen eine deutliche Sprache.

Gesellschaftliche "Verrohung"

"Die Menschen lassen immer mehr das heraus, was in ihnen ist", klagt ein junger Mann in einer türkischen Sportsbar. Auch er will seinen Namen nicht nennen. Er findet es "in Ordnung", wenn ihm Deutsche sagen, dass sie in Wächtersbach Ausländer nicht mögen. "Was aber gar nicht geht, ist, auf sie zu schießen." Er schüttelt den Kopf und verstummt.

Unweit der Sportsbar befindet sich ein Eiscafe, in dem sich Elliot Cruz mit seinem italienischen und seinem türkischen Freund eingefunden hat. Sie alle machen eine Ausbildung als Gebäudetechniker. Elliot ist 17 Jahre alt. Seine Eltern stammen aus der Karibik.

Wächtersbach, Elliot Cruz (DW/M. Soric
)

Elliot Cruz: "Ich muss jetzt halt mehr aufpassen."

Er hat eine dunkle Hautfarbe. Auf dem Kopf trägt er trotz der Hitze eine schwarze New Yorker Base Cap, die gut mit seiner ebenfalls schwarzen Hornbrille harmoniert. Der Anschlag hat auch ihn aufgeschreckt: "Das ist doch eindeutig, gegen welche Menschengruppe dieser Anschlag gerichtet war", sagt er leise und fügt hinzu: "Ich muss jetzt halt mehr aufpassen."

Maren Pillot gehört das Eiscafe. Sie sei schockiert gewesen, dass "so etwas in Wächterbach passieren" kann. Am Tag danach sei sie zusammen mit rund 400 anderen Anwohnern zur Mahnwache an den Anschlagsort gegangen. Den Mordversuch nennt sie eine "Verrohung, die bislang nicht greifbar war".

Wächtersbach, Maren Pilot (DW/M. Soric
)

Maren Pillot ist schockiert über die Verrohung der Gesellschaft

Gleich gegenüber, im Schreibwarengeschäft, holt sich Gelinde von Rhein-Winkler ein paar Zeitschriften. Bei ihr im Haus habe lange eine eritreische Familie gewohnt, die sie über den grünen Klee für deren Freundlichkeit lobt. Die meisten Anwohner verurteilten den Anschlag, glaubt sie. Doch im Ort gebe es leider auch Hetzer. 

 

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