Vulkanologe: ″In Badelatschen den Vulkan hoch″ | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 05.06.2018
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Katastrophentourismus

Vulkanologe: "In Badelatschen den Vulkan hoch"

Der Vulkanausbruch in Guatemala wurde von vielen Schaulustigen gefilmt, die Clips dann in sozialen Netzwerken geteilt. Gaffer sind ein Riesenproblem, sagt der Vulkanologe Thomas Walter im Gespräch mit der DW.

Beim Ausbruch des Feuervulkans in Guatemala sind mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen. Viele Dorfbewohner hatten keine Chance, als sich der Strom aus Asche, Lava und Gas die Hänge des Berges hinabwälzte.

Deutsche Welle: Herr Walter, kennen Sie den Feuervulkan?

Thomas Walter: Ich kenne den Vulkan ein bisschen. An Daten über den aktuellen Ausbruch dringt noch nicht viel nach außen. Zwar war ich selbst noch nicht dort, aber ich aber habe gerade einen Studenten dort.

Ist das nicht zu gefährlich?

Normalerweise nicht. Es ist ein bekannter Vulkan, der recht häufig aktiv ist und auch ein beliebtes Ausflugsziel ist. Auf den Ätna oder auf den Stromboli laufen auch ständig Leute hoch. Aber der Feuervulkan hatte jetzt in der Tat einen größeren Ausbruch. Und dabei ist die Reaktion der Menschen interessant. Mir sind Amateur-Videos zugespielt worden von Leuten, die seelenruhig gefilmt haben, wie eine pyroklastische Wolke auf sie zuströmt. Wenn so eine heiße Aschewolke auf einen zuströmt, muss man ganz schnell höheres Terrain suchen und nicht etwa im Tal verbleiben und das ganze auf dem Mobiltelefon filmen.

Guetemala Vulkanausbruch Fuego (Reuters/L. Echeverria)

Ein guatemaltekischer Polizist wird von einer pyroklastischen Wolke überrascht

Polizisten beklagen sich schon seit Längerem, dass Schaulustige, anstatt von einem Tatort wegzulaufen, heute mit gezückten Smartphones eher zum Tatgeschehen hinlaufen. Dieses Phänomen gibt es also auch bei Vulkanausbrüchen?

Das ist ein Riesenthema und es ist ein zunehmendes Problem. Darüber beklagen sich mittlerweile fast alle Vulkanobservatorien. Die Forscher und Techniker an diesen Außenstellen nah an den Vulkanen werden immer häufiger kontaktiert, um Touristen oder Schaulustige zu retten. Das geschieht natürlich eher in Regionen, die touristisch stark frequentiert werden. Am Ätna beispielsweise ist das ein Riesenproblem. Während eines Ausbruches am Ätna sind die Vulkanologen mittlerweile, statt ihre Arbeit zu tun, mehr damit beschäftigt, schlecht ausgerüstete oder sensationsgierige Menschen zu retten, die den Vulkan hochlaufen. Aber man muss immer wieder betonen, dass Vulkane unberechenbar sind, und dass man sie nicht in Badelatschen besteigen sollte. Das sieht man sehr häufig am Ätna.

Nicht möglich.

Doch. Die Leute sind unten in Catania an der Küste, kommen aus dem Hotel und entscheiden bei 28 Grad, mal schnell den Ätna hochzufahren. Auf über 2000 Meter Höhe steigen sie dann aus dem Auto und haben einen aktiven Vulkan vor sich. Die Leute bekommen dann wegen der Höhendifferenz häufig Atem- oder Kreislaufprobleme. Außerdem kann es auch schlagartig kalt sein, da es ja ein Hochgebirge ist. Manche fahren auch an Absperrungen vorbei und bringen sich wissentlich in Gefahr. Und das ist leider mittlerweile ein weltweites Phänomen.

Guetemala Vulkanausbruch Fuego (Getty Images/AFP/J. Ordonez)

Mindestens 250 Menschen kamen beim Ausbruch des Feuervulkans in Guatemala ums Leben

In Guatemala sind auch Menschen dem Vulkan zum Opfer gefallen, die in ihren Wohnhäusern vom Lavastrom überrascht wurden. Einige Dörfer wurden teilweise oder komplett zerstört. Wohnen Menschen zu nah an gefährlichen Vulkanen?

Es geht ja gar nicht anders, gerade in solchen Ländern wie Guatemala. Wo sollten die Menschen wohnen, wenn sie den Vulkangürtel meiden müssten? Um die Vulkane herum gibt es fruchtbare Erde. Der Mensch hat schon seit Millionen von Jahren um Vulkane herum gelebt. Gerade in tropischen Gebieten ist die Erde in Vulkannähe viel fruchtbarer. Nutzen und Gefahren liegen hier eng beieinander. In Ländern, in denen kein teures Observationsnetz installiert werden kann, könnte man, auch von deutscher Seite, vielleicht mit fernerkundlichen Methoden einen Beitrag leisten, also zum Beispiel rechtzeitig warnen. Das ist mit Satelliten technisch realisierbar. Aber leider fehlt es an den globalen Strukturen.

Es mangelt an der globalen Koordination?

Es gibt keine globale Koordination. In manchen Ländern gibt es nicht mal eine nationale Koordination. Der Katastrophendienst in Deutschland wird in den Bundesländern geregelt und nur in ganz seltenen Fällen wird der Bund um Hilfe gefragt. Aber wir haben in der Vulkanologie in den letzten Jahren viel dazugelernt. Bei den Vulkanen, die gut überwacht sind, gehen wir davon aus, dass wir Ausbrüche auch gut vorhersagen können. Ein positives Beispiel hierfür ist der Ausbruch des Merapi in Indonesien im Jahr 2010. Wissenschaftlich sind wir uns einig, dass damals circa 150.000 Menschenleben gerettet worden sind.

Bildergalerie Weltkatastrophen 2013 Merapi Vulkan (AFP/Getty Images/Clara Prima)

Ausbruch des indonesischen Vulkans Merapi : Rechtzeitig gewarnt

Aber alle kann man wahrscheinlich nicht lückenlos überwachen. Allein in  Guatemala soll es 34 aktive Vulkane geben. Wie viele aktive Vulkane gibt es derzeit in der Welt? Und nach welchen Kriterien bestimmt man sie?

Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gibt es über eine halbe Million aktive Vulkane, aber die meisten von denen liegen unter Wasser. Da wo sich tektonische Platten aneinander reiben, reiht sich ein Vulkan an den anderen. Nur da wo wir sie an Land sehen können, zählen wir sie eigentlich. Und da sprechen wir von rund 1.500 aktiven Vulkanen. Von denen ist aber nicht einmal die Hälfte mit Instrumenten bestückt. Als aktiv wird ein Vulkan bezeichnet, der seit der letzten Eiszeit, also vor 10.000 Jahren mindestens einen Ausbruch hatte. Es hat sich gezeigt, dass Vulkane auch nach mehreren tausend Jahren plötzlich wieder aktiv werden. Das war zum Beispiel beim chilenischen Vulkan Caitén im Jahre 2008 der Fall. Sein letzter Ausbruch lag 8000 Jahre zurück.

Gibt der Feuervulkan in Guatemala jetzt erst mal Ruhe oder ist mit einem weiteren Ausbruch zu rechnen?

Oh nein, der ist ja relativ aktiv. Wir rechnen insgesamt jährlich mit circa 50 bis 70 Vulkanausbrüchen. Da vergeht eigentlich keine Woche ohne einen neuen Vulkanausbruch.

Dr. Thomas Walter ist Vulkanologe am Deutschen GeoforschungsZentrum (GFZ) an der Universität Potsdam. Mit ihm sprachen wir über den aktuellen Stand der Frühwarnung und den Einfluss von Tourismus und sozialer Medien auf das Verhalten von Menschen bei Vulkanausbrüchen.

Das Gespräch führte Gabriel González.

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