Vorbilder | Spurensuche | DW | 11.07.2019
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Spurensuche

Vorbilder

Wer sich an Vorbildern orientiert, hat es oft schwer. Sie sind einfach zu vollkommen. Wer könnte sich an Ihnen messen? Es gibt aber auch Vorbilder, die Mut machen.

Wer kann ein Vorbild sein?

Wer kann ein Vorbild sein? Was würden Sie sagen? Welchen Namen würden Sie nennen?

Elisabeth von Thüringen vielleicht, die zu ihrer Zeit Arme und Kranke versorgt hat, obwohl ihre Familie gesagt hat: „Du spinnst doch?“ Heute nennt man sie die heilige Elisabeth. Dietrich Bonhoeffer, der für seine Überzeugung im Gefängnis saß und dort Mitgefangene getröstet und aufgebaut hat? Malala Yousafzai, eine junge Frau aus Afghanistan, die sich für Mädchenbildung in ihrem Land einsetzt und dafür beinahe gestorben wäre? Mutter Theresa? Oder Dennis Mukwege, der als Arzt vergewaltigten, verstümmelten und verletzten Frauen im Kongo hilft? Er operiert sie, die von allen gemieden und ausgestoßen werden und hilft ihnen wieder einen Platz zu finden im Leben. Im vergangenen Jahr hat er den Friedensnobelpreis bekommen.

Lauter große Namen. Ich kenne keinen dieser Menschen persönlich. Aber ich denke doch: Das waren und sind lauter gute Menschen. Vorbildlich setzen sie sich für andere ein. Nehmen Opfer auf sich. Versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Großartig. Lauter Vorbilder, jeder und jede auf seine Weise. Wie gut, wenn viele so wären. Wahrscheinlich müsste man sich dann weniger Sorgen machen um den Zustand der Welt.

 

Paulus als Vorbild?

Ein guter Mensch kann Vorbild sein für andere. Der Apostel Paulus sieht das aber offensichtlich anders. Er tut, was man ja eigentlich nicht machen soll: Er nennt sich selber als Vorbild. (1. Tim 1, 12-17) Aber nicht, weil er so fest glaubt, weil er so diszipliniert arbeitet, weil er so gut reden kann und immer nur für andere da ist. Paulus schreibt von den Fehlern, die er gemacht hat. Er nennt sich einen Gotteslästerer, der nicht an Jesus Christus glauben konnte. Dieser neue Glaube war ihm zu frei. Zu wenig Regeln. Wo führt das hin, wenn plötzlich alle sich ihren Glauben selbst zimmern, und sich nicht mehr an bewährte Regeln halten wollen. Das hat Paulus abgelehnt. Er gesteht, dass er die Christen verfolgt hat, weil er nur von seiner eigenen Wahrheit überzeugt war. Paulus nennt sich deshalb selbst einen Sünder, ja, schreibt er in einem Brief an seinen Schüler Timotheus: Ich war der größte Sünder von allen. Und trotzdem nennt er sich ausdrücklich ein Vorbild für die anderen Christen.

 

Jesus macht unperfekte Menschen zu Vorbildern

Ich frage mich: Kann so einer ein Vorbild sein? So ein „Sünder“? Ja, schreibt Paulus. Denn Jesus Christus hat mich zum Vorbild gemacht. Zum Vorbild für alle, die so waren oder so sind, wie ich: Unvollkommen. Fehlerhaft. Die vielleicht selber noch gar nicht gemerkt haben, dass sie dabei sind, Fehler zu machen. Die sich verrannt haben und keiner traut sich, ihnen die Augen zu öffnen. Die verbohrt sind und nicht in der Lage, sich auf neue Gedanken und neue Situationen einzulassen. Die immer nur wollen, das alles beim Alten bleibt, ganz gleich, was die anderen und vor allem die jüngeren dazu sagen. Paulus schreibt: Für solche hat Jesus mich zum Vorbild gemacht. Denn er hat mir die Augen geöffnet. Da habe ich begriffen, dass ich auf dem Holzweg bin. Da habe ich verstanden, dass Gott mitgeht, wenn die Zeiten sich ändern. Und dass ich mich auf Veränderungen einlassen kann. Paulus schreibt: Als ich das begriffen habe, da konnte ich sagen: Vergib mir meine Schuld. Und Jesus hat mir gezeigt, wie ich neu anfangen kann. Und es besser machen.

 

Vorbilder, die Mut machen

Ehrlich gesagt: Ich finde das sehr ermutigend. Denn die großen Vorbilder, die sind mir oft zu groß. Ich mit meinem ängstlichen Herzen, mit meinem beschränkten Verstand, mit meinen vielen Bedenken und all meinen Fehlern: wie soll ich denen nacheifern? Eigentlich bin ich doch froh, dass ich nicht so im Mittelpunkt stehe und alle auf mich schauen. Wer weiß, was sie finden würden: In meiner Vergangenheit oder in meinem Leben hier und heute. Klar habe ich Schwachstellen. Klar habe ich Macken und Eigenheiten, die anderen das Leben schwer machen. Damit das keiner merkt, halte ich mich gern aus allem raus.

Dabei wäre ich doch auch gern ein guter Mensch. Ich würde doch eigentlich gern helfen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Deshalb hoffe ich, dass Gott mir dabei hilft. So wie dem Paulus. Damit ich anfangen kann, vielleicht mit anderen zusammen. Damit die Welt um mich herum ein bisschen besser wird. Paulus ist dabei mein Vorbild.

 

die evangelische Pfarrerin Lucie Panzer Stuttgart (GEP)

Ein Text von Dr. Lucie Panzer, Rundfunkpfarrerin