Vor hundert Jahren geboren: Friedrich Dürrenmatt | Bücher | DW | 04.01.2021
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Literaturstar aus der Schweiz

Vor hundert Jahren geboren: Friedrich Dürrenmatt

"Der Besuch der alten Dame" war sein größter Erfolg. Friedrich Dürrenmatt verfasste Dramen, Romane, Hörspiele. Am 5. Januar wäre der Schweizer 100 geworden.

Schweizer Kriminalromane zeichnet eine Besonderheit aus: ein anderes Zeitmaß. Ermittlungen gehen da schon mal unkonventionelle Wege, weniger schnell und effektiv. Die Werke von Friedrich Dürrenmatt, dessen 100. Geburtstag in der eidgenössischen Alpenrepublik 2021 groß gefeiert wird, sind noch eine Spur spezieller.

Der berühmte Schweizer Schriftsteller erfand den schwerfälligen Berner Kommissar Bärlach, einen verschlossenen, gerissenen Typen, von schwerer Gastritis geplagt, der bei kriminalistischen Ermittlungen eher seinem eigenen Rechtssystem folgt. Hollywood-Regisseur John Ford plante, den Dürrenmatt-Roman "Der Richter und sein Henker" zu verfilmen, aber daraus wurde nichts. Dieses Buch hat, genau wie alle anderen Dürrenmatt-Werke, einen zeithistorischen Hintergrund. Der Aufstieg der Nazis und die Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 haben im Roman auch in der neutralen Schweiz ihren Nachhall.

Ingrid Bergman in Der Besuch

Hollywood-Star Ingrid Bergman im Film "Der Besuch" ("La Vendetta della signora", 1963)

Im Roman beschreibt Dürrenmatt seinen sperrigen Helden so: "Bärlach hatte lange im Ausland gelebt und sich in Konstantinopel und dann in Deutschland als Kriminalist hervorgetan. Zuletzt war er der Kriminalpolizei Frankfurt am Main vorgestanden, doch kehrte er schon dreiunddreißig in seine Vaterstadt zurück. Der Grund seiner Heimreise war nicht so sehr die Liebe zu Bern, sondern eine Ohrfeige gewesen, die er einem hohen Beamten der neuen Regierung gegeben hatte (…)."

Ein satirischer Querdenker

Als Pfarrerssohn wurde Friedrich Dürrenmatt am 5. Januar 1921 geboren, im Schweizer Emmental. Die abgeschiedene Dorfwelt von Stalden tauchte später als literarische Kulisse vieler seiner Stücke auf: Erzählungen, Novellen, Kriminalromane, Hörspiele - in der Hauptsache aber schrieb er Theaterstücke.

Nicht alles, was er zu Papier brachte, wurde über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt. Dürrenmatt galt hier als satirischer Humorist und bissiger Zeitkritiker, der sich gern mit Obrigkeit und Literaturwelt anlegte. Vieles wurde im Ausland nicht verstanden. Heute gehören seine Werke zum Kanon, gleich mehrere von ihnen sind Schullektüre.

Szene aus Der Besuch der alten Dame mit Nicole Heesters im Pelzmantel als alte Dame auf der Bühne. Hinter ihr stehen Männer in Theaterkostümen.

"Der Besuch der alten Dame" - hier mit Nicole Heesters als Claire Zachanassian - ist Schullektüre

Der bekannte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat ihn mal einen Querdenker genannt: "Dürrenmatt war ein Schriftsteller, der zwischen allen Stühlen saß und immer quer lag. Alle seine Werke sind Provokationen, die ihr Fundament in seiner makabren und universalen Negativität hatten", schrieb er 1990 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über ihn. 

Dürrenmatts größter Erfolg: "Der Besuch der alten Dame"

Auch sein größtes Erfolgsstück "Der Besuch der alten Dame" (1956) - weltweit an allen Theatern in Amerika, Europa, der damaligen Sowjetunion und sogar in China und Indien gespielt - hatte eine bitterböse Note: Der perfide Rachefeldzug einer Millionärin, die in ihr Schweizer Heimatdorf zurückkehrt, wurde sogar von Regisseur Bernhard Wicki verfilmt. Grandios in der Hauptrolle der alten Dame: Hollywoodstar Ingrid Bergman.

Friedrich Dürrenmatt mit Zigarre und schwarzer Brille als Foto im Halbporträt.

Friedrich Dürrenmatt als Regisseur des Stücks "Frank der fünfte" in den 1960er Jahren

Schuld und Sühne, Verbrechen und kollektive Mitschuld, Kollaboration und Mitläufertum - das sind immerwährende Themen von Friedrich Dürrenmatt gewesen. Schon als Schüler haben sie ihn beschäftigt. Damals wollte er noch Maler und Künstler werden.

1941 schrieb sich der junge Dürrenmatt stattdessen für Philosophie, Theologie, deutsche Literatur und Kunstgeschichte an der Universität Bern und später in Zürich ein. Zu der Zeit sympathisierte er mit der "Eidgenössischen Sammlung", einer rechtsradikalen, hitlerfreundlichen Studentenverbindung - sehr zum Entsetzen seines Vaters.

Im Hauptberuf: Dramatiker

Erste Erzählungen entstanden 1943: "Weihnacht" und "Der Folterknecht". Aber er war unsicher im Schreiben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er nach 1945 erst einmal als Zeichner und Grafiker. Bis an sein Lebensende arbeitete sich Friedrich Dürrenmatt auch bildnerisch an seinen Themen ab. Die Schweizer Wochenzeitung "Die Weltwoche" beschäftigte ihn auch als Theaterkritiker. Regelmäßig schaute er sich in Zürich Theaterinszenierungen an: Komödien und Klassiker. Fasziniert von dem wilden Geschehen auf der Bühne, begann Dürrenmatt, eigene Theaterstücke zu schreiben.

"Es steht geschrieben", die allererste Uraufführung eines Theaterstücks von Dürrenmatt, war 1947 bei Kritik und Publikum heftig umstritten - brachte ihm aber gleich einen Literaturpreis ein. Sein Name als zeitgenössischer Dramatiker war gesetzt.

Drehbuch für einen Kino-Welterfolg

1957 bekam der Schweizer Autor von einem Filmproduzenten den Auftrag, ein Drehbuch zu schreiben. Der Kinofilm "Es geschah am helllichten Tag" (1958), heute ein Kinoklassiker, war damals als Kriminalfall eines Serientäters ein Skandal. Gerd Fröbe spielte den Kindermörder, Heinz Rühmann den privat ermittelnden Kommissar.

Szene mit Gerd Fröbe und einem Mädchen an der Hand aus: Es geschah am helllichten Tage

Gerd Fröbe als Unhold in "Es geschah am helllichten Tag"

Weder mit dem stark veränderten Drehbuch noch mit der biederen deutschen Kommissarfigur, wie Rühmann sie spielte, war Dürrenmatt einverstanden. Er entwickelte aus dem Stoff dann seinen Anti-Kriminalroman "Das Versprechen", der später mehrfach verfilmt wurde, zuletzt 2001 als Hollywood-Drama mit Jack Nicholson als pensioniertem Beamten der Kriminalpolizei.

Blick auf ein weißes Gebäude in einer waldigen Umgebung, in dem der Nachlass von Dürrenmatt verwahrt wird.

Das Privathaus von Dürrenmatt ist heute Museum

Friedrich Dürrenmatt war hochproduktiv, hatte aber lebenslang mit seiner Diabetes und anderen Krankheiten zu kämpfen. Auch sein zeitweise übermäßiger Weingenuss war der Gesundheit nicht gerade zuträglich. Einige seiner Stücke und Romane wurden Welterfolge, etwa die Anti-Atom-Komödie "Die Physiker" oder der Kriminalroman "Der Richter und sein Henker". 2021 erscheint eine neue Gesamtausgabe bei seinem Hausverlag Diogenes.

Friedrich Dürrenmatt war als Schriftsteller zeitlebens auf der Suche nach der "schlimmstmöglichen Wendung", wie er das nannte. Eine (Er-)Lösung gab es in seinen Geschichten nicht. Immer wieder war er für den Literaturnobelpreis im Gespräch. Letztendlich ging er jedoch - ebenso wie sein Freund und später konkurrierender Gegenspieler Max Frisch - leer aus.

Sein Nachlass: Grundstein für das Schweizer Literaturarchiv

Ehefrau Charlotte wollte den Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag entfliehen und hatte eine gemeinsame Weltreise gebucht. Lust dazu habe Dürrenmatt nicht gehabt, erzählten später nahe Freunde. "Hetzt mich nicht", war sein Kommentar. Kurz vor der Abreise, am 14. Dezember 1990, starb der schwer zuckerkranke Schriftsteller mit 69 Jahren an Herzversagen.

Seinen Nachlass vermachte Friedrich Dürrenmatt seinem Heimatland - mit der hintersinnigen Bedingung, dass ein Schweizerisches Literaturarchiv gegründet würde. 1991 wurde es als Teil der Nationalbibliothek in Bern eröffnet. Heute beherbergt es über 400 Nachlässe von Schweizer Schriftstellern, unter anderem von Friedrich Glauser. Alles wohl verwahrt in feinen handgefertigten Schubern und Archivkästen. Eine literarische Schatztruhe.

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