Vor 30 Jahren - RAF-Anschlag auf Bankenchef Herrhausen | Deutschland | DW | 30.11.2019
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RAF-Terrorismus

Vor 30 Jahren - RAF-Anschlag auf Bankenchef Herrhausen

Spitzenmanager, Chef der "Deutschland AG" und Hassfigur der RAF-Terroristen. Vor drei Jahrzehnten wird Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen Opfer eines Terroranschlages. Geklärt ist der Fall immer noch nicht.

30. November 1989. Um 8:30 Uhr verlässt Alfred Herrhausen sein Haus im hessischen Bad Homburg. Vor der Tür steht sein gepanzerter dunkelgrauer Dienst-Mercedes samt Begleitfahrzeugen. Für den Deutsche-Bank-Chef gilt die höchste Gefährdungsstufe. Die Kolonne von drei Fahrzeugen rollt an. Sie kommt auf dem Seedammweg nur 500 Meter weit. Um 8:34 dann ein lauter Knall. Sieben Kilogramm Sprengstoff zerfetzen das Auto, in dem Herrhausen sitzt. Er verblutet im Fahrzeug, sein Fahrer überlebt verletzt. Der Sprengsatz war durch eine Lichtschranke ausgelöst worden. Ein mit großem Aufwand eingefädelter High-Tech-Anschlag.

Bekennerschreiben der Rote-Armee-Fraktion

Am Tatort finden die Fahnder ein Blatt Papier mit dem Logo der Rote-Armee-Fraktion, der Maschinenpistole mit Stern. Später folgt ein Bekennerschreiben. Durch die Geschichte der Deutsche Bank ziehe sich eine "Blutspur zweier Weltkriege und millionenfacher Ausbeutung". Dafür habe Herrhausen nun zahlen müssen, heißt es weiter. Später melden sich die mutmaßlichen Täter sogar telefonisch bei der trauernden Familie des Opfers. Einfach nur "widerwärtig" nennt das später die Patentochter Herrhausens, die Publizistin Carolin Emcke.

RAF Logo Symbol (AP Photo)

RAF-Logo

In den Fokus gerät die sogenannte dritte Generation der Rote-Armee-Fraktion (RAF). Bis heute sind die Täter nicht gefunden. "Das Verfahren ist noch offen, die Ermittlungen dauern an", sagt ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Nach drei Mitgliedern der RAF wird immer noch gefahndet. Sie sollen auch an den Morden an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder (1991) und Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts (1986) beteiligt gewesen sein. Die Ermittler glauben, dass die mutmaßlichen Terroristen vor wenigen Jahren in Norddeutschland Geldtransporter, Kassenbüros und Supermärkte überfallen haben.

Täter wurden nie gefasst

Über die dritte Generation der RAF ist wenig bekannt. Nach der ersten Generation rund um Ulrike Meinhof und Andreas Baader, versuchte die zweite Generation die 1972 gefassten Mitglieder freizupressen. Die dritte Generation hingegen setzt wieder auf Anschläge und Sabotageakte. 1998 hatte die RAF offiziell ihre Auflösung erklärt. Allein zum Attentat auf Herrhausen sind in drei Jahrzehnten mehr als 1500 Hinweise eingegangen. Gefahndet wird auch 30 Jahre nach dem Anschlag weiterhin.

Die Täter hatten sich ihr Opfer genau ausgesucht. Für die RAF-Terroristen war Herrhausen eine Hassfigur: Skrupelloser Wirtschaftsmagnat, Wegbereiter eines internationalen Finanz-Kapitalismus und Repräsentant des verhassten politischen Establishments.

Deutsche Bank-Chef und RAF-Opfer Alfred Herrhausen (picture-alliance )

Deutsche Bank-Vorstandssprecher Herrhausen im Jahr 1988

Einer der einflussreichsten Banker Deutschlands

Der selbstbewusste Querdenker Alfred Herrhausen wird am 30.Januar 1930 im Ruhrgebiet geboren, in Essen. Erzogen wird er in einem nationalsozialistisch geprägten Elite-Internat am Starnberger See. Immer wieder hatte er sich später von der Ideologie der Nazis distanziert. Die ersten Schritte macht Herrhausen in der Gas- und Elektrizitätsindustrie. Als Quereinsteiger kommt er zur Deutschen Bank. Er krempelt das Bankhaus um und macht es zu einem Global-Player. Er ist sich seines Einflusses bewusst. "Es ist nicht die Frage, ob wir Macht haben oder nicht, sondern die Frage ist, wie wir damit umgehen, ob wir sie verantwortungsbewusst einsetzen oder nicht."

Der Manager betont aber auch die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft; will Zukunft gestalten. Er engagiert sich zum Beispiel für einen Schuldenerlass für sogenannte Entwicklungsländer. Der Spitzenmanager war so etwas wie der ungekrönte Vorstandssprecher der "Deutschland AG", also der dicht verflochtenen deutschen Spitzenkonzerne. Herrhausen hatte ein enges Netz zwischen seiner Bank, Unternehmen und der Politik gespannt. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er engste Verbindungen zu Helmut Kohl und anderen Staatenlenkern unterhielt; er war als Berater der Politik gefragt. Ein unkonventioneller Querdenker, der in der Wirtschaftswelt und seinem eigenen Unternehmen durchaus polarisierte. Er soll sich deshalb sogar mit dem Gedanken getragen haben, von seinem Chefposten bei der Deutschen Bank zurückzutreten.

Deutschland in den Zeiten des RAF-Terrors

Der Wirtschaftlenker wusste, dass er in der Zeit des RAF-Terrorismus ein Ziel war. Seiner Frau hatte er klar und deutlich gesagt, dass - sollte er entführt werden - die Bundesrepublik Deutschland auf keinen Fall auf Forderungen der Terroristen eingehen sollte.

Alfred Herrhausen starb nur wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer. Er wurde 59 Jahre alt. Am Tatort erinnert heute ein Denkmal mit Basalt-Stelen an den Konzernchef aus dem Ruhrgebiet. In eine der Stelen ist ein Zitat einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts eingelassen; Ingeborg Bachmann: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar."

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