Von Migrantinnen für Migrantinnen - Beratungsstelle agisra wird 25 | Deutschland | DW | 02.09.2018
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Menschenrechte

Von Migrantinnen für Migrantinnen - Beratungsstelle agisra wird 25

Geflüchtete Frauen und Migrantinnen erleben oft Gewalt. Sie bringen aber auch Ressourcen mit. Mitarbeiterinnen von agisra wissen das aus eigener Erfahrung. Seit einem Vierteljahrhundert unterstützen sie die Frauen.

Im Flur der Beratungsstelle in Köln herrscht quirliges Treiben. Vor der Wand mit den Faltblättern in 22 Sprachen warten mehrere Frauen auf einen Termin. Auf dem Sofa gegenüber dem Bild mit den Mitarbeiterinnen spricht eine Klientin am Handy spanisch, ihre Tochter im Grundschulalter spielt in der Kinderecke mit den kleinen Söhnen einer anderen Ratsuchenden aus einem afrikanischen Land. Nein, fotografiert werden möchten sie nicht. Eine Frau schiebt ihren Kinderwagen durch die Eingangstür und agisra-Mitarbeiterin Sabrije Rexhepi begrüßt sie auf Albanisch.

Agisra steht für Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung. Seit 25 Jahren gibt es die Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen in Köln.

Von Migrantinnen für Migrantinnen - 25 Jahre Beratungsstelle agisra (DW/B.HInrichs)

Viele Frauen bringen ihre Kinder mit - Sabrije Rexhepi begrüßt eine Klientin bei agisra

Fast alle Mitarbeiterinnen haben einen Migrationshintergrund. Sie sprechen insgesamt 19 Sprachen und wenn das nicht reicht, helfen Dolmetscherinnen.

Besonders wichtig ist, dass agisra-Mitarbeiterinnen ihre Klientinnen nicht bevormunden. "Die Frau entscheidet", so Behshid Najafi vom Leitungsteam. "Wir geben ihr Informationen und unterstützen sie bei der Entscheidungsfindung. Wenn das länger dauert, unterstützen wir auch diesen Prozess. Unser Konzept ist ressourcen- und lösungsorientiert, feministisch, antirassistisch und berücksichtigt Migrationsaspekte."

Agisra berät auf Augenhöhe

Die eigenen Erfahrungen der Mitarbeiterinnen spielen dabei eine große Rolle. "Sie können sich ganz anders in die Probleme der Frauen hineinversetzen", weiß Dorothee Frings. Die emeritierte Professorin für Sozial- und Migrationsrecht an der Hochschule Niederrhein steht agisra regelmäßig bei juristischen Fragen zur Seite. Das agisra-Team, glaubt sie, ist "gefeit davor, die Frauen als schwache, betreuungsbedürftige Menschen zu sehen, über die man Fürsorge überstülpen kann."

Bis heute ist es "leider fast ein Alleinstellungsmerkmal von agisra, dass dort fast ausschließlich Migrantinnen als Expertinnen arbeiten und damit eben nicht nur über Migrantinnen sprechen, sondern sie selbst Migrantinnen sind", würdigt Nivedita Prasad die Arbeit der Beratungsstelle. "Das finde ich wirklich beachtenswert." Die Professorin für genderspezifische Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule in Berlin ist Expertin für Migration und Menschenrechte.

Von Migrantinnen für Migrantinnen - 25 Jahre Beratungsstelle agisra (DW/B.HInrichs)

Im Beratungsgespräch: Behshid Najafi (rechts) und Dolmetscherin Halima Abdul (Mitte)

Agisra unterstützt alle Flüchtlingsfrauen und Migrantinnen - egal, welche Religion sie haben, welche ethnische und soziale Herkunft, welchen Aufenthaltsstatus und welche Sprachkenntnisse. Die Notlagen reichen von aufenthaltsrechtlichen Problemen oder der Schwierigkeit, Arbeit, Wohnung und Kindergarten zu finden, über häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung und Zwangsprostitution bis zu Genitalverstümmelung.

Die Beratungsstelle will aber auch die Ressourcen der Klientinnen fördern - darum bietet sie kostenlose Yoga-, Gymnastik- und Selbstverteidigungskurse, Deutschkonversation und gemeinsame Wochenenden für Flüchtlingsfrauen an.

Für Geflüchtete, die schon eine eigene Wohnung haben, gibt es das Projekt "HaPi End mit Hammer und Pinsel - endlich zuhause ankommen". Die Frauen lernen zum Beispiel, zu tapezieren, zu streichen und Lampen anzuschließen - denn das JobCenter zahlt nur Material, keine Handwerkerkosten. Die so Angelernten geben das Wissen weiter und helfen anderen.

Unterstützung bei Asyl und Ausbildung

Maryam aus Guinea ist dankbar, dass agisra sie unterstützt. Die 32-Jährige wurde als Kind Opfer der traditionellen Genitalverstümmelung. Als ihre Schwiegermutter darauf bestand, auch die Enkelin beschneiden zu lassen, nahm die erneut mit einem Mädchen Schwangere ihre kleine Tochter und floh. "Agisra hat mir eine Anwältin besorgt und mich zu einer Ärztin begleitet, die die körperlichen und die seelischen Spuren der Genitalverstümmelung festgehalten hat", erzählt Maryam.

Sie hat Asyl in Deutschland bekommen, besucht einen Sprachkurs und will eine Ausbildung machen. "Ich bin allein mit meinen beiden Töchtern, darum ist es sicher einfacher, als Altenpflegerin zu arbeiten, nicht in der Wirtschaft, obwohl ich das in Guinea studiert habe."

Von Migrantinnen für Migrantinnen - 25 Jahre Beratungsstelle agisra (DW/B.HInrichs)

Impulse und Inspiration: Mehrere agisra-Mitarbeiterinnen teilen sich ein Büro

Auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz helfen die Mitarbeiterinnen von agisra. Denn davon hängt es für viele Geflüchtete ab, ob sie eine drohende Abschiebung verhindern. Wenn sie eine mindestens zweijährige Berufsausbildung beginnen, können sie eine sogenannte Ausbildungsduldung bekommen.

Das ist die Hoffnung von Bardhe aus Albanien. Ihr Mann ist psychisch krank und bekam keine ausreichende Hilfe, ihre Tochter und ihr Sohn wurden in der Schule wegen des Vaters diskriminiert. Vor drei Jahren kam Bardhe mit der Familie nach Deutschland, auf ihr lastet die Versorgung der Familie.

"Ich möchte arbeiten", betont Bardhe. "Ich war in meinen Heimatland zwölf Jahre Schneiderin. Ich arbeite gern. Vielleicht kann ich hier Altenpflegerin werden. Aber", seufzt die 41-Jährige, "wo kann ich einen Ausbildungsplatz finden?"

Vorreiter und Vorbild

"Das ist nicht so einfach", gibt agisra-Mitarbeiterin Sabrije Rexhepi zu. "Das größte Problem ist, wenn die Frauen schon ein bestimmtes Alter haben. Aber wenn man im persönlichen Gespräch den Chefs der Unternehmen erzählt, dass die Frauen gute Eigenschaften haben, dann klappt das."

Geklappt hat es auch bei Anna aus Albanien. Die 28-Jährige hat in ihrem Heimatland drei Jahre Jura studiert, kam dann mit ihrem Mann nach Deutschland und hat ihn verlassen, als er immer gewalttätiger wurde. Eigentlich würde sie am liebsten den Master und den Doktor in Jura machen - jetzt ist die Mutter zweier Kinder erst mal froh, nicht abgeschoben zu werden. "Agisra hat mir geholfen", freut sie sich. "Ich hab einen Ausbildungsplatz gefunden. Ich fang mit einem Praktikum zur Erzieherin an."

Von Migrantinnen für Migrantinnen - 25 Jahre Beratungsstelle agisra (DW/B.HInrichs)

Gemeinsamer Genuss: agisra-Mitarbeiterinnen kochen täglich füreinander

Wie können die agisra-Mitarbeiterinnen Tag für Tag die Probleme und das Leid vieler Klientinnen bewältigen, ohne selbst auszubrennen? Ein gemeinsames Ritual hilft: Das tägliche Mittagsessen, das immer eine von ihnen zubereitet. "Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Essenspause ernstnehmen", sagt Behshid Najafi, die seit der Gründung vor 25 Jahren bei agisra arbeitet. "Das ist ein Austausch über politische und persönliche Sachen und wir haben eine Auszeit."

Kraft gibt außerdem die Tatsache, dass agisra sich nicht auf klassische Sozialarbeit beschränkt - die Frauen wollen politisch etwas verändern. Darum macht die Informationsstelle auch Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit und ist kommunal, landes-, bundes- und europaweit vernetzt. Sie bietet Workshops, Seminare und Vorträge für Interessierte und Fachkräfte im ganzen Bundesgebiet an.

Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession

Die agisra-Frauen haben in vielen Bereichen Pionierinnenarbeit geleistet, urteilt Nivedita Prasad, Professorin für Soziale Arbeit: "Sie greifen Themen auf, die erst mal aussichtslos erscheinen. Sie waren zum Beispiel eine der ersten, die gesagt haben: Eine von Gewalt betroffene Migrantin wird auch beraten, wenn sie keine Papiere hat." Das ist soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. "Asyl ist ein Recht. Familienzusammenführung ist ein Recht", betont Behshid Najafi. "Und dafür müssen wir kämpfen."

Die Juristin Dorothee Frings schätzt die "wunderbare Zusammenarbeit" mit agisra, "das ganz, ganz hohe Engagement der Mitarbeiterinnen mit einer hohen Reflexion über ihre Rolle, über Machtstrukturen und über das Recht der Frauen, über ihr Leben autonom zu bestimmen".

Auch nach einem Vierteljahrhundert steht agisra vor vielen Herausforderungen. Das multikulturelle Team muss den Generationenwechsel schaffen und am Zusammenhalt arbeiten. Für die meisten scheint das gelungen.

"Ich fühle mich bei agisra sehr gestärkt", sagt Sabrije Rexhepi, die aus Albanien stammt. "Agisra ist eine Oase für uns", fügt die gebürtige Iranerin Behshid Najafi hinzu: "Ich bin froh, dass Frauen, die vor Krieg, Bürgerkrieg und Menschenrechtsverletzungen flüchten, den Weg zu uns finden." Shewa Sium, die vor vier Jahrzehnten selber aus Eritrea floh, will sich auch als Rentnerin weiter bei agisra engagieren: "Die Arbeit für mich ist nicht nur ein Job für Geld, sondern das ist auch eine politische Arbeit. Das ist, was ich gerne tue."

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