"Von der Zensur verboten"
25. Oktober 2004Bonn, 25.10.2004, DW-RADIO / Russisch, Olja Melnik
Seit dem umstrittenen Referendum zur Verlängerung seiner Amtszeit zieht der autoritäre belarussische Präsident Aljaksandr Lukaschenka alle Register, um seine potentiellen Gegner auszuschalten. Unter immer stärkeren Druck geraten nicht nur Journalisten und Politiker, sondern auch Künstler. Die Liste unerwünschter Künstler wird immer größer. Die davon betroffenen Maler, Musiker, Schriftsteller und Regisseure werden aus dem öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Dennoch: Sie sind populär wie nie zuvor. Warum hat Lukaschenka so viel Angst vor Künstlern? Informationen von Olja Melnik:
Die Freude über die erste eigene Sendung war riesig. Mit 24 Jahren hat Andrej Kurejtschik schon einiges erreicht. Seine Theater-Aufführungen laufen landesweit auf vielen großen und kleinen Bühnen. Nun bekam der junge belarussische Dramaturg die eigene Radio-Sendung über Theater. Ein Zeichen der Anerkennung. Bei den Vorbereitungen scheute er keine Mühe, denn die Sendung wurde live übertragen. Er hatte einen Regisseur und einen Psychologen eingeladen. Die Sendung war ein großer Erfolg. Zwei Tage später wurde sie eingestellt. Ohne jede Erklärung.
(Kurejtschik) "Ich wurde zu einem Treffen in den Stadtpark eingeladen. Dort teilten mir zwei Mitarbeiter des Staatsradios mit, dass es einen Anruf von oben gab mit der Forderung, die Sendung einzustellen. Die Gründe dafür sind mir völlig unklar, denn die Sendung befasste sich ausschließlich mit Theater-Stücken. Sie hatte keinen politischen Hintergrund. Ich habe das Gefühl, dass man versucht, während der jetzigen politischen Ereignisse im Land keine einzige unabhängige Stimme in einer Live-Sendung zu Wort kommen zu lassen. Ich gehöre keiner Partei an und habe noch nie an einer Kundgebung teilgenommen. Die Tatsache selbst, dass ich eine unabhängige, unkontrollierte Meinung habe, reizt die Staatsmacht."
Beim Treffen im Park erfuhr Andrej Kurejtschik, dass er auf einer schwarzen Liste unerwünschter Künstler steht. Allen staatlichen Medien wurde aufs strengste verboten, über die dort aufgeführten Personen unter geringstem Vorwand zu berichten.
"Diese Liste wird der Programmdirektion gezeigt. Sie soll sich die Namen merken, die dort vorkommen. Behalten darf sie diese Liste nicht, denn man befürchtet, dass sie veröffentlicht wird. Neben Regisseuren sind dort zahlreiche Musiker und Maler aufgeführt," sagt Andrej Kurejtschik. In Belarus teilen sich die Künstler jetzt nicht in talentiert und unbegabt, sondern in treu und untreu. Künstler, die keine aktive Unterstützung für Lukaschenkas Politik zum Ausdruck bringen, gelten automatisch als untreu. Sie könnten die belarussischen Bürger negativ beeinflussen. So werden die untreuen Künstler aus dem öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Sie dürfen keinen Kontakt mehr zum Publikum haben. Oleg Chomenko ist einer davon. Seine Band wurde vor drei Monaten offiziell verboten:
"Wir traten bei einer sanktionierten Kundgebung auf. Nach dem Auftritt haben wir erfahren, dass es einen Anruf aus dem Informationsministerium bei allen Radio- und Fernsehstationen des Landes gab. Die Rockgruppen, die dort aufgetreten sind, durften nun nicht mehr gesendet werden. Wer gegen diese Vorschrift verstößt, dem wird die Lizenz entzogen. Es gab dazu kein offizielles Papier. Unsere Musik wird nicht mehr gesendet."
Die Rockgruppe "Palac" ist kein Einzelfall. Dutzende belarussische Bands wurden in den letzten Monaten verboten. Sie stehen unter so starkem Druck, dass ihre Existenz in Gefahr ist, so Oleg Chomenko:
"Mit der Politik haben wir nichts zu tun. Vor dem Verbot liefen unsere Songs mehrmals am Tag im Radio. Jetzt wurden sie auf einmal vom Server gelöscht. Das Ziel ist einfach: Wir haben einen bestimmten Einfluss auf Jugendliche. Mit diesem Schritt soll diese Möglichkeit ausgeschlossen werden."
Auch der belarussische Maler Ales Puschkin steht auf der schwarzen Liste der Regierung. Kein Wunder, denn mit seinen Projekten sorgte er häufig für Aufsehen im Land. Vor zwei Jahren machte er eine Ausstellung "Von der Zensur verboten". In den Räumen einer Privatgalerie stellte er sämtliche Werke aus, die von der Lukaschenka-Zensur verboten wurden.
(Puschkin) "Auf einem Plakat war ein Junge hinter einem roten Gitter zu sehen. Er versucht es mit den Zähnen zu durchbeißen. Diese Ausstellung löste ein großes öffentliches Interesse aus. Eine Woche nach ihrer Eröffnung sagte mir der Galerie-Besitzer, dass er sie leider schließen muss. Man habe ihm gedroht, seine Lizenz zu entziehen."
In Belarus wird die Kunst streng zensiert. Sobald ein Künstler eine geringe Anspielung auf die Person des Präsidenten macht, muss er mit Konsequenzen rechnen. Dies erfuhr Ales Puschkin am eigenen Leibe. Vor ein paar Jahren malte er für eine neu errichtete Kirche das Fresko "Das jüngste Gericht". Darauf war Jesus unter den Sündern zu sehen, die unter dem Horn eines Erzengels auf das jüngste Gericht warteten.
(Puschkin) "Ich malte verschiedene Sünder-Typen: eine Hure, einen Vielfraß, einen Säufer und einen Zuträger. Auch mich selbst stellte ich als Sünder dar. Einer der Sünder hatte eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Präsidenten Lukaschenka. Darüber wurde landesweit berichtet. Einen Tag später bekamen wir Besuch von Unbekannten. Sie brachten Leiter, Walzer und Farbe und übermalten diese Gestalt. Ich weiß bisher nicht, wer das war."
Für seine andere Aktion wurde Ales Puschkin sogar verhaftet. Zum fünfjährigen Amtsjubiläum des Präsidenten Lukaschenka machte er ihm ein sonderbares Geschenk. Er brachte einen Schubkarren voller Mist vor die Residenz des Präsidenten. Auf den Misthaufen legte er Lukaschenkas Porträt, Handschellen und Staatswappen aus Stalin-Zeiten, die Lukaschenka wieder eingeführt hat. Zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung bekam er für diese künstlerische Inszenierung. Ales Puschkin liebt sein Land und sieht optimistisch in die Zukunft:
"Das Referendum und die Wahlen haben gezeigt, dass man die Situation in Belarus auf demokratischem Weg nicht ändern kann. Dafür braucht man etwas anderes - eine innenpolitische Verschwörung oder Einmischung Russlands." (TS)