Von der Uni in den Kampf gegen COVID-19 | Deutschland | DW | 04.04.2020
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Corona-Pandemie

Von der Uni in den Kampf gegen COVID-19

Tausende Medizinstudierende haben sich in Deutschland freiwillig gemeldet, um während der Corona-Krise zu helfen. Die ersten sind schon im Einsatz - und der Bedarf wird steigen.

Eigentlich wäre Charlotte Dubral gerade mitten im Sommersemester ihres ERASMUS-Jahres in Polen. Wegen der Corona-Pandemie liegt das Studium auf Eis, Mitte März kam sie zurück nach Deutschland. Anstatt in einem Hörsaal in Krakau zu sitzen, arbeitet die Medizinstudentin seit dieser Woche im Infektionsschutzzentrum auf dem Campus der Uniklinik Köln. Freunde hatten ihr einen Link geschickt, unter dem man sich bei der Fachschaft Medizin der Universität Köln eintragen konnte, wenn man als Medizinstudierender in der Corona-Krise helfen möchte. Nach einem kurzen Bewerbungsprozess kam Dubral gemeinsam mit vier anderen Studierenden zum Zentrum. Dort werden aktuell durchschnittlich 200 bis 250 Menschen pro Tag auf das Coronavirus getestet.

"Ich habe vor allem dadurch, dass ich im Auslandsjahr viele Freunde aus Spanien und Italien hatte, die mir von persönlichen Erfahrungen berichtet haben, gesehen, wie die Situation dort ist. Das hat mir schon ein bisschen Angst gemacht in dem Sinne, dass ich dachte: Das darf hier nicht passieren", sagt die 24-Jährige, die im 10. Semester an der Universität Bonn studiert. "Wenn die hier Hilfe brauchen, dann helfe ich auf jeden Fall mit, vor allem, weil ich keiner Risikogruppe angehöre."

Medizinstudierende Charlotte Dubral bei der Arbeit im Infektionsschutzzentrum in Köln (Privat)

Studentin im Corona-Einsatz: Charlotte Dubral

Im Infektionsschutzzentrum dokumentiert sie für eine zukünftige Datenauswertung unter anderem Symptome und Kontaktpersonen von Getesteten. Später wird sie auch Abstriche bei zufällig ausgewählten Patienten der Uniklinik machen. An den ersten beiden Tagen standen deshalb Hygieneschulungen an. Da lernten die Studierenden, Schutzmasken richtig aufzusetzen und sich die Hände richtig zu desinfizieren.

"Habe ich alles richtig gemacht?"

Moritz Leweke ist schon eine knappe Woche länger im Corona-Einsatz. Der 23-Jährige studiert im 9. Semester Medizin an der Universität Bonn studiert und schreibt sonst an seiner Doktorarbeit in experimenteller Immunologie. Leweke hatte sich auf einen Aufruf der Hochschule gemeldet. Jetzt ist der angehende Mediziner - auch aufgrund passender Vorerfahrung - auf einer Intensivstation des Bonner Universitätsklinikums eingeteilt. Dort unterstützt er als Werkstudent in Vollzeit die Pflegekräfte beim Lagern der Patienten und bei der Patientenpflege. Seit einigen Tagen liegt in einem Isolierzimmer der Station auch ein Corona-Patient.

"Ein etwas mulmiges Gefühl hat man schon am Anfang. Wenn man sich zum ersten Mal Schutzkleidung anzieht und mit dem Ablauf noch nicht so vertraut ist, dann schaut man schon: Habe ich jetzt alles richtig gemacht?", erzählt Leweke am Telefon. "Wenn man sich dann eine FFP2- oder FFP3-Maske anzieht und durch die Schleuse ins Zimmer geht, ist man natürlich schon aufgeregt. Man achtet die ganze Zeit darauf, dass die Maske richtig sitzt, dass da keine Luft nebenher strömt oder so. Ich würde nicht sagen, dass man routiniert darin wird, aber man wird auf jeden Fall ein bisschen selbstsicherer." Dabei helfen ihm Kenntnisse aus dem Studium, die Einweisung durch das Personal und das Gefühl, wertgeschätzt zu werden: "Man hat uns sehr gut empfangen und eingearbeitet."

Dass er durch den Job einem erhöhten Risiko ausgesetzt wird, selbst zu erkranken, ist Leweke bewusst. Zweifel, sich zu melden, hatte er trotzdem nicht. "Wenn man sich entscheidet, Medizin zu studieren, dann gehört das dazu und dann ist in solchen Situationen natürlich umso mehr gefragt, dass man den Rücken gerade macht." Gerade jetzt, wo es auf den Stationen "noch nicht drunter und drüber geht", sei es wichtig, dass Studierende eingearbeitet würden.

Digitale Vernetzung

Leweke und Dubral sind zwei von Tausenden Studierenden in Deutschland, die sich in den vergangenen Wochen freiwillig gemeldet haben, um bei der Corona-Krise mitzuhelfen - ob in Krankenhäusern, bei den Hotlines der Gesundheitsämter oder in der ambulanten Versorgung. Die Mitte März ins Leben gerufene Facebook-Gruppe "Medizinstudierende vs. COVID-19" hat mehr als 21.000 Mitglieder, das österreichische Pendant gut 5200. Auf der Webseite medis-vs-covid19.de finden Studierende eine Übersicht der Kliniken und anderer medizinischer Einrichtungen, die Bedarf angemeldet haben. Auch das Projekt "Match4Healthcare" soll Einrichtungen und Medizinstudierende sowie andere freiwillige Helfer miteinander vernetzen. Eine interaktive "Helferkarte" etwa zeigt nach Postleitzahl geordnet an, wie viele Studierende wo helfen wollen. Für die Unterstützung der Gesundheitsämter gibt es außerdem eine spezielle Online-Freiwilligenbörse.

Screenshot Match4Healthcare

Vernetzen um zu Helfen: Nur eines von vielen Hilfsprojekten

Bernd Metzinger, Geschäftsführer des Dezernates für Personalwesen und Krankenhausorganisation der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), überrascht die Hilfsbereitschaft der Studierenden nicht. "Ich bin ja alter Arzt und ich kenne die Kollegen und den Nachwuchs. Die sind alle hochgradig engagiert, die wollen allen Patienten helfen und da ist ein solcher Anlass etwas, was jeden anstachelt, aus intrinsischer Motivation heraus, sich an diesen Dingen zu beteiligen. Ehrlich gesagt habe ich damit gerechnet." Aktuell sei der Bedarf in den Krankenhäusern noch überschaubar, das Personal selbst in der Lage, die Intensivstationen zu fahren.

Derzeit werden nach DKG-Angaben ungefähr 5500 Corona-Patienten in deutschen Krankenhäusern behandelt (Stand 1. April), davon etwa 1500 auf Intensivstationen.

"Wenn diese Welle kommt, brauchen wir jede helfende Hand"

"Wir erwarten aber, dass etwa in den nächsten 14 Tagen wahrscheinlich die Zahl der erkrankten Patienten und damit auch die Zahl der stationär zu behandelnden und Intensiv-Patienten, insbesondere aber auch der Beatmungspatienten, sich deutlich erhöhen wird", warnt Metzinger. Wie in anderen Ländern sei mit einer Art Welle an neuen Patienten zu rechnen. "Wenn diese Welle kommt, dann brauchen wir jede helfende Hand, insbesondere natürlich helfende Hände, die eine gewisse Vorbildung haben - wie zum Beispiel Medizinstudenten."

Deutschland Moritz Leweke (Privat)

So etwas wie der Corona-Einsatz gehört zum Medizin-Studium dazu, findet Moritz Leweke

Auch die Bundesregierung begrüßt, dass angehende Mediziner in der Corona-Krise helfen. "Ich bin den Medizinstudierenden sehr dankbar, dass sie in dieser schwierigen Lage in der medizinischen Versorgung mit anpacken", lobte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich das Engagement. Dafür müssten die Studierenden keinen Nachteil in ihrem Studienfortschritt hinnehmen, es gebe auch keine Abstriche bei der ärztlichen Ausbildung.

Keine Nachteile?

Nach einer am 1. April in Kraft getretenen Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) haben die Bundesländer angesichts der Corona-Krise die Möglichkeit, das eigentlich für Mitte April geplante zweite Staatsexamen um ein Jahr zu verschieben oder es wie geplant durchführen, "soweit dies die Lage erlaubt". Im ersten Fall würden Studierende frühzeitig mit ihrer praktischen Ausbildung beginnen, dem sogenannten Praktischen Jahr (PJ).

Erst seit dieser Woche bekommen die angehenden Ärzte, die sich monatelang auf das Examen vorbereitet haben, nach und nach Klarheit darüber, ob das Examen wie geplant stattfindet. "Dadurch, dass es jetzt drei Wochen lang sehr unsicher war, haben viele aufgehört zu lernen oder man kann sich nicht konzentrieren", sagt Mattis Manke von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (BVMD).

Auch die Tatsache, dass Fachgebiete im sogenannten Wahltertial des Praktischen Jahres wegen der Corona-Krise "dem Bedarf in der Gesundheitsversorgung angepasst" werden können, sieht die BVMD kritisch. "Einerseits kann man das verstehen aus Versorgungssicht, andererseits ist besonders das Wahlfach superrelevant für die Berufswahl später", so Manke. Zudem bestehe die Gefahr, dass Studierende im PJ während der Corona-Epidemie weniger als üblich lernten, weil die Ärzte weniger Zeit für Lehre haben könnten.

Besondere Herausforderungen

Das Gesundheitsministerium räumt ein, dass auf die Studierenden nun "besondere Herausforderungen" zukommen: "Es ist absehbar, dass sie in der Krisensituation bei ihrer Tätigkeit im Praktischen Jahr anders als sonst in Anspruch genommen werden", heißt es in der Verordnung. Deshalb empfiehlt das Ministerium den Krankenhäusern, ihnen eine Aufwandsentschädigung zahlen - bisher gibt es keinen allgemeinen Rechtsanspruch auf Geldleistungen im PJ.

Charlotte Dubral und Moritz Leweke betrifft all das noch nicht. Lewekes Vertrag läuft über drei Monate. Wenn das Sommersemester am 20. April verspätet startet, kann er möglicherweise nicht mehr so viele Dienste auf der Intensivstation machen. Dubral arbeitet erst einmal bis Ende April im Kölner Infektionsschutzzentrum, danach werde die Lage evaluiert, sagt sie. Für die Zeit davor plant sie mehr als die bisher vorgesehenen 20 Stunden die Woche gegen Corona zu kämpfen. "Ich sehe, dass der Bedarf da ist, bin zeitlich flexibel und habe Lust zu helfen."

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