Von Aleppo nach Borken: Syrische Flüchtlinge in Deutschland | Deutschland | DW | 30.09.2013
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Deutschland

Von Aleppo nach Borken: Syrische Flüchtlinge in Deutschland

Dem Bürgerkrieg im Heimatland entkommen und nach einer Odyssee in Deutschland gelandet: Whalide und seine Familie können durchatmen. Doch zwischen Freude und Dankbarkeit mischen sich auch neue Ängste.

epa03419076 Smoke billows over shelled and destroyed buildings in Saif al Dawle district, Aleppo, Syria, 02 October 2012. The Syrian Army has continued its shelling in the city, and has brought in reinforcements to try to put an end to the rebels' resistance. EPA/MAYSUN

Die Zerstörung der historischen Stadt Aleppo geht weiter

"Ich war mit meiner Familie in Aleppo, dem gefährlichsten Ort auf der Welt. Ich konnte nicht mehr schlafen, so besorgt war ich um das Wohl unserer Kinder:"

Seit über neun Monaten waren Whalide*, seine Frau und ihre beiden Kinder nun auf der Suche nach Sicherheit. Eine Odyssee, die sie zunächst von Aleppo in den Libanon führte - einen Ort, wo derzeit hunderttausende Syrer vor dem Bürgerkrieg im Heimatland Zuflucht suchen. Mittlerweile ist Whalide mit seiner Familie in Deutschland angekommen und hat hier bereits das Transit-Camp in Friedland bei Göttingen passiert - der Ort, an dem alle bis zu 5000 für Deutschland zugesagten syrischen Flüchtlinge die ersten zwei Wochen ihres Aufenthaltes verbringen.

Für die vierköpfige Familie aus Aleppo war es eine lange Reise - und der 48jährige Familienvater ist glücklich, dass sie nun zu Ende ist. "Wir kommen von einem Ort voller Chaos und Zerstörung - jetzt sind wir hier, bereit für einen Neuanfang, für ein neues Kapitel in unserem Leben."

Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen für syrische Flüchtlinge, September 2013; Copyright: DW/G. Borrud

Sprachfertigkeit ist der Schlüssel zur Integration

Ich treffe Whalide im Deutschunterricht im Transit-Camp. Er ist einer der besten hier. Stolz sagt er ganz deutlich: "Ich komme aus Syrien. Ich lerne deutsch."

Kein normales Flüchtlingslager

Im Transit-Camp erhielt Whalide wie alle anderen syrischen Flüchtlinge vier Stunden Deutschunterricht am Tag - in der Hoffnung, dass sie, wenn sie das Camp verlassen, in der Lage sind sich vorzustellen. Zudem gibt es Ratschläge, wie sie Arbeit finden können - eine der zentralen und größten Herausforderungen für sie in Deutschland.

"Egal wie qualifiziert jemand ist, diese Leute werden nicht viel tun können, wenn sie kein Deutsch sprechen", so Thomas Heek vom Caritas Sozialdienst in Friedland.

Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen für syrische Flüchtlinge, September 2013; Copyright: DW/G. Borrud

Die Einrichtungen des Transit-Camps sind über ganz Friedland verteilt

Friedland hat seine eigentliche Bezeichnung als "Grenzdurchgangslager" noch aus den Zeiten, als es dabei half, deutsche Aussiedler und ehemalige Kriegsgefangene - vor allem aus der damaligen Sowjetunion - wieder in Deutschland zu integrieren.

"Dieses Camp dient diesem ursprünglichen Zweck so nicht mehr", sagt Heek im Gespräch mit der Deutschen Welle, "Menschen, die heute hier ankommen, haben zumeist keine Deutschkenntnisse. Damals, als hier Deutsche betreut wurden, war es viel leichter, die dann wieder in die Gesellschaft zu integrieren."

Heek weiß um die Herausforderungen, mit denen Menschen wie Whalide - ein qualifizierter Elektriker - zu kämpfen haben: "Ich habe 22 Jahre lang mit Asylbewerbern gearbeitet. Meines Wissens haben nur wenige eine Arbeit gefunden, die auch genügend Einkommen bringt, um die Familie zu ernähren."

Verstreut über Deutschland

Nach den obligatorischen zwei Wochen in Friedland werden die syrischen Flüchtlinge in Gemeinden im ganzen Bundesgebiet untergebracht. Dort haben sie eine zweijährige Aufenthaltsgenehmigung - mit der Option auf Verlängerung, sollte die humanitäre Lage in Syrien sich nicht verbessern.

"Die Flüchtlingsfamilien werden nach einer vorher festgelegten Quote auf die einzelnen Bundesländer verteilt", sagt Christiane Germann vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge der DW. "Von da an ist es Sache des jeweiligen Bundeslandes, zu entscheiden, in welcher Gemeinde die Flüchtlinge angesiedelt werden."

Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen für syrische Flüchtlinge, September 2013; Copyright: DW/G. Borrud

Whalide und seine Familie sind unterwegs nach Borken in NRW

Whalide und seine Familie sind nach Borken geschickt worden, eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, nahe der holländischen Grenze - dank seiner Schwägerin, die dort bereits lebt. Freunde oder Verwandtschaft - dies ist das erste Kriterium, nach dem die Bundesländer entscheiden, wo Flüchtlinge angesiedelt werden.

"Als nächstes schauen wir nach Orten, die besonders gute Chancen für die Integration bieten - zum Beispiel, ob es bereits eine syrische Gemeinde gibt", sagt Christian Chmel-Menges von der für Borken zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg. "Wenn die Flüchtlinge spezielle medizinische Bedürfnisse haben, versuchen wir, sie in der Nähe von Einrichtungen zu platzieren, die entsprechende Behandlungsmöglichkeiten bieten."

Laut Chmel-Menges erhalten die Flüchtlinge das Angebot zu einem sechsmonatigen Deutschunterricht. Dazu: Sozialhilfe, sollte die Jobsuche erfolglos bleiben - so wie jede andere Familie in Deutschland. All dies sei Teil der Anstrengungen, die Syrer in ihrer neuen Gemeinde zu integrieren.

"Wir haben bereits Bilder dieser Leute bei uns im Lokalfernsehen gesehen. Und obwohl ich es befremdlich finde, dass die Medien zum jetzigen Zeitpunkt derart in ihre Privatsphäre eindringen, so habe ich doch den Eindruck, dass sie glücklich sind. Sie sind einer sehr schlimmen Situation entkommen."

'Was wird nun passieren?'

Und auch wenn Whalide erleichtert ist, in Borken nun ein sicheres Umfeld zu haben, so sorgt er sich doch darüber, in der Gemeinde möglicherweise isoliert zu bleiben. "Ich habe hier niemanden. Klar, meine Frau hat ihre Schwester - doch ich habe nicht einen meiner Brüder hier. Kann sein, dass es für westliche Menschen kein großes Ding ist, doch mir fällt es schwer, niemanden um mich herum zu haben. Ich möchte nicht allein sein."

Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen für syrische Flüchtlinge, September 2013; Copyright: DW/G. Borrud

Bisher haben nur 107 der vorgesehenen 5000 Flüchtlinge Friedland durchlaufen

Borkens Bürgermeister, Rolf Lührmann sagte der Deutschen Welle, seine Gemeinde würde ihre Pflicht erfüllen und ihrer neuesten Familie ein Gefühl von Willkommensein geben; dies stünde für das Rathaus weit oben auf der Agenda. "Natürlich wäre es schön, wenn dieser Krieg nicht wäre, und die Familie nicht gezwungen wäre, in unserer Gemeinde Zuflucht zu suchen", so Lührmann, "aber es ist unsere bürgerliche Pflicht, den Beschluss der Bundesregierung umzusetzen und Flüchtlinge aufzunehmen. Und hinter dieser Entscheidung stehe ich."

Es ist dieses Gefühl der "bürgerlichen Pflicht", auf das die Bundesregierung baut, um den gesamten Plan umzusetzen - und damit Whalide und Hunderten weiterer Familien die Sorgen zu nehmen, die sie vielleicht mit nach Deutschland bringen.

"Ich sorge mich darum, was aus uns wird", sagt Whalide. "Als wir von Aleppo nach Beirut flohen, gingen wir an einen Ort, der uns vertraut war. Jetzt wird alles neu sein, ein neues Leben… Ich bin dankbar dafür, doch was wird nun passieren?"

*Auf Wunsch von Whalide wurde sein Name für den Artikel geändert.