Vom Strohsack zum Familienurlaub | DW Reise | DW | 20.02.2012
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Reise

Vom Strohsack zum Familienurlaub

Die Lage ist meistens gut, die Zimmer sind immer günstig und man trifft oft nette Menschen: Übernachten in Jugendherbergen ist populär, nicht nur bei der Jugend - und das schon seit 100 Jahren.

Gemeinschaftsraum der Jugendherberge in Gommern (Foto: ZB-FUNKREGIO OST)

Klassisch

Burg mit zwei Türmen auf grünem Hügel (Foto: ullstein bild - Imagebroker.net)

Burg Altena: Vor 100 Jahren die erste Jugendherberge der Welt

"Jede Lagerstatt besteht aus einem straff mit Stroh gestopften Sack und Kopfpolster, zwei Betttüchern und einer Wolldecke" - so beschrieb der Lehrer Richard Schirrmann vor mehr als hundert Jahren, wie er sich eine "Einkehr für die wanderfrohe Jugend Deutschlands" vorstellte. Er selbst hatte auf einer achttägigen Wanderfahrt mit seiner Klasse bei Bauern Unterschlupf gefunden oder musste mit den Jungen in einer leer stehenden Dorfschule übernachten - und entwickelte dabei die Idee der Jugendherberge. Gerade junge Leute sollten günstig reisen können und dabei sicher unterkommen.

Zwischen Schirrmanns Überlegungen und der Realisierung lagen noch einige Jahre. 1912 wurde auf der Burg Altena im westfälischen Sauerland die erste ständige Jugendherberge der Welt eingerichtet. Schlafsäle mit massiven mehrstöckigen Betten, ein Tagesraum, Küche, Wasch- und Duschräume, so blieb das Grundkonzept danach viele Jahrzehnte. 1913 gab es schon Jugendherbergen in 301 Städten und Dörfern, 1914 zählte man 535. In diesen Herbergen gab es oft nur rudimentäre Schlafplätze - und Mädchen mussten draußen bleiben.

Von Turm bis Baum

Schüler gehen den Weg hinauf zur DJH Sudelfeld, Oberbayern, aufgenommen (Foto: DW)

Idyllisch: DJH Jugendherberge Bayrischzell-Sudelfeld

Mit diesen spartanischen Zuständen haben viele der heute 536 Jugendherbergen nur noch wenig zu tun. Es gibt inzwischen vier Kategorien, von einfach bis eher gehoben. Die Lage der Häuser ist so verschieden wie Ausstattung und Angebote. Es gibt Herbergen im Wald, auf dem Berg, in Burgen, alten Kirchen und mitten in der Stadt - sogar in Teilen der riesigen NS-Urlaubssiedlung Prora auf Rügen wurde 2011 eine Jugendherberge eingerichtet. "In Rostock ist die Jugendherberge in einer Wetterbeobachtungsstation untergebracht, in Konstanz in einem früheren Wasserturm", nennt Knut Dinter vom Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) weitere Beispiele. Und es kommen weiter Neue dazu: Die Jugendherberge Beckerwitz in Mecklenburg-Vorpommern wird ab April zum "design Baumhausdorf", die neue Jugendherberge in einem ehemaligen Umformwerk im sächsischen Chemnitz öffnet im Juni, die Jugendherberge in der Nürnberger Burg soll im Herbst wiedereröffnet werden.

Offen für alle

Jugendherbergen waren noch bis in die 1980er Jahre hinein ein Synonym für Klassenfahrten. Dann öffneten sich die Häuser mehr und mehr für Familien. Jetzt gibt es auch Angebote für Vereine und Verbände, um Seminare, Freizeiten oder Treffen in Jugendherbergen abzuhalten. Jugendherbergen haben immer Schlafsäle, aber inzwischen meist auch Einzel- und Doppelzimmer - natürlich gegen Aufpreis.

Besucher spazieren in Prora während der Eröffnung Jugendherberge im Juli 2011 (Foto: dapd)

Prora: Inzwischen auch Jugendherberge mit 400 Betten in 96 Zimmern

In den Jugendherbergen übernachten jährlich mehr als zehn Millionen Menschen. Der kaum zu schlagende Vorteil sind nach wie vor die Preise: Sie liegen meist zwischen 20 und 30 Euro für Übernachtung mit Frühstück. Die günstigen Preise erklären sich dadurch, dass der Dachverband DJH anders als private Hostels nicht nach Gewinnen strebt – es ist ein Netzwerk mit gemeinnützigen Zielen. Gemeinschaft wird groß geschrieben und die Gäste sollten auch bereit sein, mal in der Küche auszuhelfen. Mitgliedschaft im DJH ist - wenn es sich nicht um Gruppenfahrten handelt - Voraussetzung für die Übernachtung. Eine internationale Gastkarte gibt es für 15,50 Euro pro Jahr. Es lohnt sich anscheinend: Das DJH hatte 2011 über zwei Millionen Mitglieder.

Jugendherbergen werben seit ein paar Jahren auch mehr um internationale Gäste. "Da steht der individuelle Rucksackreisende im Mittelpunkt", sagt Dinter. Deshalb werden die Mitarbeiter geschult, damit sie Gäste auf Englisch oder Französisch begrüßen können. Zu den wichtigsten Projekten 2012 gehört ein benutzerfreundlicheres und mehrsprachiges Buchungssystem - damit auch Touristen aus der Ferne besser davon profitieren können, was Lehrer Schirrmann sich einst ausgedacht hatte.

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