Vom großen Sport ins Exil: Belarussische Sportler über ihr Leben im Ausland | Sport | DW | 22.01.2022
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Belarus

Vom großen Sport ins Exil: Belarussische Sportler über ihr Leben im Ausland

Wie leben belarussische Athleten heute, die sich dem Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko widersetzen und daher das Land verlassen mussten? Die DW hat mit einigen von ihnen gesprochen.

Sport l Athletin Krystsina Tsimanouskaya, Belarus

Die Leichtathletin Kristina Timanowskaja gewann Gold bei der Sommer-Universiade 2019 in Neapel

Das Schicksal der belarussischen Athletin Kristina Timanowskaja während der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio fand weltweit Beachtung. Eigentlich wollte sie damals beim 100- und 200-Meter-Lauf antreten, doch die Trainer setzen sie ohne ihr Wissen einfach auf die Liste für den 4-mal-400-Meter-Staffellauf.

Darüber beschwerte sich die Läuferin auf sozialen Netzwerken mit der Begründung, sie habe noch nie an 400-Meter-Wettkämpfen teilgenommen. Daraufhin schloss die belarussische Führung sie von den Spielen aus und versuchte, sie gewaltsam zurück in ihre Heimat zu bringen. Doch am Flughafen von Tokio weigerte sich die Athletin ins Flugzeug zu steigen und bat die japanische Polizei um Hilfe. Nach einiger Zeit bekam Timanowskaja ein humanitäres Visum und konnte nach Polen fliegen.

Noch vor wenigen Jahren war sie, wie andere Athleten auch, ein Star des belarussischen Sports. Doch wer sich nach den von Machthaber Alexander Lukaschenko manipulierten Präsidentschaftswahlen im August 2020 in Belarus mit den Demonstranten solidarisch zeigte und sich offen gegen das Regime stellte, dessen Sportkarriere war ab diesem Moment in der Heimat zu Ende.

"Ich will meine 'Sportbürgerschaft' wechseln"

Timanowskaja konnte sich nicht im Traum vorstellen, dass sie gezwungen sein würde, Belarus zu verlassen. Seit einem halben Jahr lebt und trainiert sie in Warschau. "Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich meine Sportkarriere in der polnischen Nationalmannschaft fortsetzen möchte. Diese Frage wird noch geprüft. Aber man hat mir schon angeboten, einem Sportverein beizutreten und einen Monat später begann ich mit dem Training. Jetzt läuft das Verfahren zum Wechsel meiner 'Sportbürgerschaft'", sagt die Leichtathletin der DW.

Kristina Timanovskaya

Kristina Timanowskaja lebt und trainiert in Polen

In Warschau konnte Timanowskaja zudem eine langjährige Idee verwirklichen: sie kreierte ihre eigene Sportswear-Marke "be_strong". "Ein Teil der Produkte schmückt ein Herz. Es besteht aus Worten der Unterstützung, die Menschen mir geschickt haben: be strong, be brave, don't give up, believe in freedom", so die Sportlerin. Derzeit plant sie eine Sommerkollektion und wird vielleicht noch Kleidung für das Heimtraining entwerfen.

"In Vilnius fühle ich mich wohl"

Auch die Ex-Kapitänin der belarussischen Basketball-Nationalmannschaft Jekaterina Snytina lebt im Ausland. In ihrer Heimat war sie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Noch vor den Präsidentschaftswahlen im August 2020 flog sie in die Türkei, da sie dort unter Vertrag genommen wurde.

Die Protestbewegung in Belarus ließ die Sportlerin aber nicht kalt. "In den ersten Tagen konnte ich meine Familie und Freunde in Minsk nicht erreichen. Später habe ich erfahren, dass Angehörige von mir und viele meiner Fans festgenommen und geschlagen wurden. Da konnte ich nicht schweigen und habe Menschen unterstützt, die auch mir bei meiner Sportkarriere geholfen haben", sagt Snytina gegenüber der DW. Trotz des Stresses aufgrund der Ereignisse in Belarus verlief die Saison 2020 für sie erfolgreich. Das Team, für das die Belarussin spielt, kam in der türkischen Meisterschaft auf den dritten Platz.

Jekaterina Snytina

Jekaterina Snytina arbeitet in der Türkei, lebt aber auch gerne in Litauen

"Als der Vertrag im Mai endete, dachte ich darüber nach, nach Belarus zurückzukehren. Aber ich fuhr nach Litauen und blieb dort den ganzen Sommer. Dort nahm ich an Solidaritätsaktionen und Protesten teil, gab Interviews und erzählte von der Lage in Belarus", so Snytina. Jetzt spielt sie wieder in der Türkei, doch nach Ende der Saison will sie wieder zurück nach Vilnius. "Dort fühle ich mich wohl", so die Sportlerin.

"Wenn sich die Lage ändert, kehre ich zurück"

Das ehemalige Mitglied der belarussischen nationalen Turnmannschaft Semjon Bukin verließ Belarus vor etwas mehr als einem Jahr. Im November 2020 wurde er bei einem der sonntäglichen Protestmärsche festgenommen. Er wurde geschlagen und musste mehrere Tage im Gefängnis in Einzelhaft hungern. Nach 15 Tagen wurde dem Athleten zu verstehen gegeben, er solle das Land verlassen. Bukin verbrachte einige Zeit in der Ukraine, dann in Polen und bekam schließlich einen Job als Trainer in Stockholm.

"Ich habe jetzt fast ein Jahr mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet und habe vor Vertragsende aufgehört. Es war ein emotional schwieriges Jahr. Ich vermisse meine Familie. Zudem wurden Freunde von mir inhaftiert und ich habe mir große Sorgen um sie gemacht", so der Turner gegenüber der DW. Noch wohnt er bei seiner Schwester in Polen, doch ab Februar ist er beim internationalen Zirkus "Cirque du Soleil" unter Vertrag, für den er auch schon früher einmal gearbeitet hat.

Semion Bukin

Semjon Bukin verbrachte einige Zeit in der Ukraine, in Polen und Schweden

Bukin träumt davon, nach Belarus zurückzukehren: "Wenn sich dort die Lage ändert, werde ich auf jeden Fall zurückkehren. Die Frage ist nur, wie der politische Kurs aussehen wird. Bei einer Marionettenregierung Russlands werde ich nicht zurückkehren, denn unter Moskauer Besatzung möchte ich mich nicht befinden."

"Ich will in einem unabhängigen Land leben"

Eine Rückkehr nach Belarus kommt auch für den mehrfachen Welt- und Europameister im Thaiboxen und Kickboxen und Sänger der Punkband BRUTTO, Witalij Gurkow, vorerst nicht in Frage. Er lebt seit anderthalb Jahren in der Ukraine, wo er sich noch vor den Präsidentschaftswahlen im Sommer 2020 zu Auftritten mit seiner Band befand. Als Gurkow sah, wie sich die Ereignisse zu Hause entwickelten, beschloss er, in Kiew zu bleiben, wo er heute als Trainer arbeitet.

"Es wäre unmöglich, mit meinen Überzeugungen in Belarus zu leben", betont Gurkow gegenüber der DW. Mit anzusehen, was in seiner Heimat passiere, sei aber schwierig. Er meint, die Hälfte der belarussischen Bevölkerung habe denen fest geglaubt, die sie zum Protest aufgerufen hätten. Die Menschen hätten aber nicht erwartet, dass die Situation im Land sich so dramatisch entwickeln werde, so der Sportler. Gurkow macht keinen Hehl daraus, dass er kein Anhänger der damaligen Präsidentschaftskandidaten Swetlana Tichanowskaja und Viktor Babariko oder des gemeinsamen Stabs der Opposition war.

Witali Gurkow

Witalij Gurkow lebt mittlerweile in der Ukraine

Die Emigration sei ihm leichter als vielen anderen Belarussen gefallen, weil es eine ausgewogene Entscheidung gewesen sei. Gründe für die Rückkehr in seine Heimat sehe Witalij Gurkov momentan keine.

Unterdessen wurde bekannt, dass zwei weitere belarussische Sportler, die Ski-Langläuferinnen Swetlana Andrijuk und Daria Dolidowitsch, ebenfalls aus politischen Beweggründen nicht mehr an internationalen Wettkämpfen für Belarus antreten dürfen.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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