Verschwindet der Feldhamster? | Wissen & Umwelt | DW | 07.08.2018
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Wissen & Umwelt

Verschwindet der Feldhamster?

Feldhamster gehören zu den am stärksten bedrohten Säugetieren Deutschlands. Vor allem die intensive Landwirtschaft und Bauvorhaben machen ihnen ihren Lebensraum streitig. Doch nun bekommen sie Unterstützung.

Die putzigen Feldhamster (Cricetus cricetus) haben den Kampf gegen die moderne Landwirtschaft fast schon verloren. Es gibt kaum noch welche in Deutschland. Zwischenzeitlich standen sie hierzulande kurz vor dem Aussterben. Insgesamt dürften in Deutschland kaum noch 100.000 der kleinen Nager leben. Die meisten davon in Bayern und Sachsen-Anhalt. 

Obwohl - oder gerade weil - die keine 25 Zentimeter kleinen Tiere also stark gefährdet sind, bereiten sie einigen Menschen große Probleme. Manchmal unterliegen die Menschen den Hamstern etwa im Rechtsstreit. So erging es dem Milliardär Dietmar Hopp. Der Chef des Software-Riesen SAP und Mäzen des Fußball-Bundesligisten HSG Hoffenheim und die Stadt Mannheim wollte gemeinsam eine Sportarena bauen. Doch das Gelände war ausgerechnet als eine der letzten Feldhamster-Kolonien Baden-Württembergs ausgewiesen - mit 92 Tieren dieser Art. 

Folglich musste das Stadion einige hundert Meter von der geplanten Stätte entfernt gebaut werden. "Hamster verschieben SAP-Arena", "Geldhamster" oder "Ökoterroristen" - lauteten die kreativen Schlagzeilen der Presse dazumal.

Schon 1999 hatte die EU-Kommission wegen massiver Vernachlässigung der Hamsterpopulation ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet. Die damalige Umwelt-Kommissarin Margot Wallström drohte mit einer Anklage vor dem Europäischen Gerichtshof.

Mehr dazu:  Wozu gibt die Regierung Millionen für Feldhamster aus?

Der Feldhamster als Phantom

In Aachen drohte der Bau eines deutsch-niederländischen Gewerbeparks wegen der Hamsterproblematik zu scheitern, worauf die Europäische Kommission Subventionen in Höhe von umgerechnet zehn Millionen Euro auf Eis legte.

12.000 neue Arbeitsplätze standen an dem Standort auf der Kippe. Der Vorwurf: Die deutschen Behörden hätten es während der Planungsphase versäumt, sowohl Alternativen für den Standort der Gewerbefläche zu prüfen als auch einen potentiellen neuen Lebensraum für die Tiere zu suchen. Die Befürworter des Parks konterten: Es habe dort nie Hamster gegeben. 

Feldhamster Europäischer Hamster (picture-alliance/Arco Images/K. Hinze)

Mit Lobby - ohne Lebensraum - der Europäische Feldhamster

In Nordrhein-Westfalen wurde der Feldhamster 2005 sogar zur Wahlkampf-Figur: Die Grünen wollten ihn retten, doch da sie nicht wussten, wo die Art genau steckte, blockierte die damalige Regierungspartei mehrere Gebiete und Bauvorhaben. Woraufhin Oppositionsführer Jürgen Rüttgers (CDU) das Tier als Symbol anführte, um zu zeigen, wie die Landesregierung Umweltschutz vorschiebe um wirtschaftsfeindliche Politik zu betreiben. In einer einigen Rede schafte er zehnmal das Wort "Feldhamster" unterzubringen. Die Fronten waren verhärtet.

In der Tagespresse wurde der Feldhamster zum Sündenbock: "Hamster wichtiger als Arbeitsplätze", "Hamster wichtiger als Braunkohlekraftwerke" und "Wirtschaftsbremse mit dickem Fell", so lauteten einige Überschriften. 

Dabei hat der schwere Stand des Feldhamsters heute auch damit zu tun, dass er früher schon einen schlechten Leumund hatte. In der DDR galt er in den 1970er Jahren als "Ernteschädling". Die Hamsterplage wurde dadurch kontrolliert, dass man sie jagte, um aus dem Fell Mäntel und Mützen zu nähen.

Wettlauf gegen die Zeit

Es gibt noch zahlreiche weitere Gründe, die den Säuger fast an den Rand der Ausrottung brachten: Das ausbringen von zuviel Gülle und Ackergiften, auf intensiv genutzten und fruchtbaren Böden, die die Art liebt.

Bebauung und Zersiedelung der Landschaft durch Straßen, Schienen, Wohn- und Gewerbegebiete. Die Zunahme von Monokulturen, immer frühere Ernten, darauf folgende kahle Äcker, die den Tieren keine Deckung geben und sie für Feinde aus der Luft angreifbar machen, gründliche Erntemaschinen, die jedes Korn aufsaugen, und damit dem Hamster die Nahrungsgrundlage entziehen. Es fehlt an Schutz, Futter und Material für die Baue der Tiere.

Feldhamster Europäischer Hamster Jungtier (picture-alliance/Arco Images/K. Hinze)

Hoffentlich bald mehr davon: Feldhamstermutter mit Jungtier im Bau

Gemäß der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie wurde der Feldhamster als ”streng zu schützende Art" eingestuft und steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten ganz oben.

Genützt hat es wenig- Trotz Umsiedlungen bleibt der Feldhamster vielerorts verschwunden. Angesichts der dramatischen Lage fordert Heinz Kowalski vom nordrhein-westfälischen Naturschutzbund Deutschland (NABU), größere Anstrengungen bei der Umsetzung von Artenschutzprogrammen, keine Bebauung der letzten von Feldhamstern bewohnten Gebiete und ein Nothilfezuchtprogramm.

Inzwischen haben Naturschützer mit behördlicher Erlaubnis fünf Hamster in die Niederlande gebracht. Im Gaia-Zoo in Kerkrade werden seit 1999 Feldhamster gezüchtet.

Die Stadt Mannheim hatte 2001 ein Artenhilfsprogramm initiiert. "Es ist bisher gelungen, den Feldhamster vor dem Aussterben zu bewahren", sagt dessen Leiter Ulrich Weinhold. Er schränkt ein: "Um wieder tragfähige, stabile Hamsterpopulationen zu bekommen, braucht es vor allem eine 'grünere' Landwirtschaft, die mehr Sortenvielfalt und Struktur in die ausgeräumten Feldfluren bringt. Hier bestehen die größten Zielkonflikte." 

Der Biologe beschäftigt sich schon seit seiner Diplomarbeit mit der Gattung. Inzwischen hat er sich international einen Namen als Feldhamsterpapst gemacht. Im Laufe seiner Forschungstätigkeit habe er gelernt, "dass diese vordergründig so einfach gestrickten und für uns alle gleich aussehenden Tiere ein sehr komplexes Wesen haben und genauso viel Individualität zeigen wie wir." 

Die Evolution habe ungefähr 1.370.000 Tier- und 300.000 Pflanzenarten weltweit hervorgebracht. Wir Menschen seien nur eine Spezies davon und sollten uns daher nicht ermächtigt fühlen, den Nutzen von Tier- oder Pflanzenarten zu hinterfragen, antwortet er auf die Frage nach dem Nutzen des Hamsters.

Weinhold betreibt das Institut für Faunistik in Heiligkreuzsteinach. Im nahegelegenen Zoo Heidelberg hat er eine Zuchtstation eingerichtet. 170 Feldhamster werden pro Jahr gezüchtet, um diese dann auf geeigneten Flächen im Bundesland Baden-Württemberg auszuwildern. Weinholdüberwacht die Population im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung. Er hat die Baue kartiert und Verträge mit Landwirten geschlossen, die eine Ausgleichszahlung für die Lebensraumerhaltung der Feldhamster in Anspruch nehmen können.

Bedrohte Feldhamster (Feldhamster-AG)

Wenn die Mähmaschinen Stoppel stehen lassen, können sich die Tiere vor Greifvögeln verstecken.

Bei der Ernte werden gezielt Getreideflächen stehengelassen. Auf den abgeernteten Bereichen bauen die Landwirte Luzerne zur Deckung, als Futterquelle und Baumaterial an. "Wenn wir es nicht schaffen, den Feldhamster, eine eigentlich recht anspruchslose Art, was Nahrung und Lebensraum angeht, zu retten, dann wird es uns auch nicht gelingen die Artengemeinschaften der Feldflur zu erhalten", argumentiert der Biologe. 

Neben dem Hamster leiden auch die sogenannten Ackervögel wie Feldlerche und Rebhuhn unter einer Landwirtschaft, die über die Jahrzehnte hinweg immer lebensfeindlicher geworden ist. "Wir müssen wieder mehr Flächen für die Arten der Agrarlandschaft zurückgewinnen und Lebensräume vernetzen. Gelingt uns das, wird auch der Hamster überleben. Das klingt einfach ist aber verdammt schwierig", sagt Ulrich Weinhold und erhält nun prominente Unterstützung der Politik.

"Deutschland soll wieder Feldhamsterland werden", bekundet Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), die das gleichnamige Projekt ins Leben gerufen hat. Die Agrarlandschaften in fünf Bundesländern sollen so gestaltet werden, dass sie dem Feldhamster Lebensraum bieten. Dazu werden auch Feldhamsterschützer ausgebildet.

 

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