Versailler Vertrag: Ein fragiler Frieden | Deutschland | DW | 27.06.2019
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Vor 100 Jahren: Friedenskonferenz in Paris

Versailler Vertrag: Ein fragiler Frieden

Die Waffen schwiegen schon seit November 1918, aber erst sieben Monate später wurde der Erste Weltkrieg offiziell beendet. Weil Deutschland den Friedensvertrag als ungerecht empfand, stimmte es nur unter Protest zu.

Weimarer Republik 1919 | Protest gegen den Versailler Vertrag (picture-alliance/akg-images)

Massenproteste gegen den Versailler Vertrag 1919 in Berlin

Philipp Scheidemanns Hoffnungen auf mildernde Umstände blieben unerfüllt. Deutschlands aus der Revolution hervorgegangener Reichskanzler hielt die auf der Pariser Friedenskonferenz vereinbarten Beschlüsse für unannehmbar. "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?", fragte der Sozialdemokrat. Damit brachte Scheidemann, der am 9. November 1918 in Berlin die Republik ausgerufen hatte, die weit verbreitete Stimmung in der Heimat auf den Punkt. Der Friedensvertrag erwies sich als schwere Hypothek für die gerade erst entstehende Demokratie.

Das Deutsche Reich wurde zu milliardenschweren Reparationszahlungen verpflichtet, verlor seine Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik und musste 13 Prozent seines Territoriums an andere Staaten abtreten. Unter anderem ging Elsass-Lothringen an Frankreich, Westpreußen größtenteils an Polen. Außerdem erklärten die von den USA, Großbritannien, Frankreich und Italien angeführten Siegermächte Deutschland und seine Verbündeten zu den allein für den Kriegsbeginn Verantwortlichen. Sie hätten ihren Gegnern den Krieg "aufgezwungen" und seien als "Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich". 

Pariser Friedenskonferenz 1919 The Big Four (picture-alliance/AP Photo)

Sieger unter sich in Versailles (v.l.n.r.): Die Regierungschefs David Lloyd George (Großbritannien), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Thomas Woodrow Wilson (USA)

Am 28. Juni 1919 wurde der Friedensvertrag im Schloss Versailles bei Paris ohne die Unterschrift des zurückgetretenen Regierungschefs Scheidemann besiegelt. Aber auch so unterzeichnete Deutschland nur unter Protest, nachdem die Kriegsgewinner mit dem Einmarsch ihrer Truppen gedroht hatten. Das Rheinland war ohnehin schon seit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 besetzt. Wegen der harten Bedingungen war der Versailler Vertrag in der deutschen Wahrnehmung ein "Diktatfrieden". Der Marburger Historiker Eckart Conze hält diesen Vorwurf im DW-Interview für "zweifellos" berechtigt. Die Deutschen seien an den Friedensverhandlungen nicht beteiligt gewesen und hätten an der Ausgestaltung des Vertrags keinen Anteil gehabt. 

Der "Diktatfrieden" wurde später abgemildert

Auch wenn Deutschland harte Bedingungen auferlegt worden seien, habe es ein starker Nationalstaat in der Mitte Europas bleiben können. Zudem sei die zunächst nicht konkret festgelegte Reparationslast der deutschen Zahlungsfähigkeit und seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit angepasst worden. Die 1921 von den Siegermächten festgelegten 132 Milliarden Mark konnte Deutschland bis Ende des Jahrzehnts durch Nachverhandlungen auf 36 Milliarden drücken. "Angesichts der Weltwirtschaftskrise wurden die Zahlungen 1932 sogar komplett eingestellt", erinnert Conze an eine für Deutschland zumindest finanziell positive Entwicklung.

Video ansehen 03:05

Das Ende des Ersten Weltkriegs und seine Folgen in Europa

Trotzdem stand die nach dem ersten Tagungsort ihrer verfassunggebenden Versammlung benannte Weimarer Republik endgültig am Abgrund. Die vielen Feinde der Demokratie – Monarchisten, Nationalsozialisten – bekämpften die Republik vom ersten Tag an. In ihren Augen waren allein die demokratischen Kräfte schuld an den Ergebnissen der Friedenskonferenz und nicht das autoritäre Kaiserreich, das den Krieg verloren hatte. "Diese perfide Argumentation war deshalb so wirksam, weil die deutsche Bevölkerung den Versailler Vertrag nahezu geschlossen ablehnte", meint Historiker Conze.

Adolf Hitler ignorierte das Friedensabkommen total 

Allerdings habe kein direkter Weg in die Nazi-Diktatur 1933 geführt. Auch für die Menschen des Jahres 1919 sei die Zukunft offen gewesen. Aber die rechten Republikgegner hätten den Versailler Vertrag als Instrument genutzt, "um die Demokratie bekämpfen und schließlich zerstören zu können". Politische Morde waren keine Seltenheit. Bekanntestes Opfer war Außenminister Walter Rathenau, der 1922 von Rechtsextremisten in Berlin erschossen wurde. Für sie war der Liberaldemokrat eine verhasste Symbolfigur der sogenannten "Erfüllungspolitik" gegenüber den Siegermächten des Ersten Weltkriegs. 

Deutschland Walther Rathenau um 1917 (picture-alliance/IMAGNO/ÖNB)

Der deutsche Außenminister Walter Rathenau wurde am 24. Juni 1922 von Rechtsextremisten in Berlin erschossen

Die Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden erfüllten sich mit dem Versailler Vertrag nicht. Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers war die Zeit der deutschen Zurückhaltung vorbei. Die Nationalsozialisten rüsteten trotz Verbots auf und schmiedeten neue Allianzen mit faschistischen Ländern wie Italien und Spanien. Großbritanniens Beschwichtigungspolitik (Appeasement) verfehlte ihr Ziel, die Vereinigten Staaten von Amerika spielten in Europa keine aktive Rolle mehr. Und auch der im Rahmen des Friedensvertrages gegründete Völkerbund erwies sich als zu schwach, um die nächste globale Katastrophe zu verhindern.

Emmanuel Macron warnt vor den alten "alten Dämonen" 

Eckart Conze hat die Gründe für das Scheitern in einem Buch analysiert: "Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt". Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Siegermächte aber versucht, Lehren aus der Situation nach 1918 zu ziehen. "Dazu gehören die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und die Übernahme der obersten Regierungsgewalt in Deutschland durch die Alliierten." Vor allem aber habe man nach 1945 versucht, internationale Strukturen und Institutionen zu entwickeln, die einen Rückfall in den konfrontativen Nationalismus und den politischen Unilateralismus verhindern sollten.

Eckart Conze (picture alliance/dpa/A. Waelischmiller)

Historiker Eckart Conze von der Universität Marburg

Zumindest in der westlichen Welt hätten sich unter Führung der USA "multilaterale Organisationen und ein regelbasiertes internationales System" entwickelt, sagt Conze. Diese Ordnung schien sich nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Ende des Kalten Kriegs auf die ganze Welt auszubreiten. "Heute jedoch steht sie vor größeren Herausforderungen als je zu vor." Ein neuer Nationalismus und Unilateralismus, gespeist von Populismus und Autoritarismus, bedrohe die Stabilität der internationalen Ordnung. Der französische Präsident Emmanuel Macron warnt deshalb vor den "alten Dämonen" der Zwischenkriegszeit, die zu neuem Leben erwacht seien. "Auch deshalb ist uns 'Versailles' wieder näher gerückt", glaubt Conze.

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