Versöhnung mitten im Krieg | Spurensuche | DW | 22.02.2019
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Spurensuche

Versöhnung mitten im Krieg

„Erzengel in der Hölle“ und Mahner der deutsch-französischen Aussöhnung: Christian Feldmann von der katholischen Kirche über Abbé Franz Stock, der im nationalsozialistischen Grauen in Paris den Menschen zur Seite stand.

Seligsprechungsverfahren für Franz Stock (picture-alliance/dpa/J. Stratenschulte)

Priester Franz Stock (r.) im Priesterseminar im Gefangenenlager Depot 501 in Chartres in Frankreich (Foto aus dem Jahr 1945)

Seine Leidenschaft war das Malen, nur fand er selten die Muße dazu. Wenige Monate vor seinem Tod schuf er einen erschütternden Christuskopf, ein dornengekröntes Elendsgesicht, in dem sich Leiden und Aggressionen der Kriegsgeneration spiegeln. Das Bild entstand in einem merkwürdigen Kriegsgefangenenlager, einem Seminar für inhaftierte deutsche Theologen, und der Maler war Abbé Franz Stock. Ein Priester, der mitten im Grauen des Weltkriegs, umgeben von der Gewalt der Besatzer, zur treibenden Kraft deutsch-französischer Aussöhnung wurde. 2018, zu seinem 70. Todestag, fand der französische Staatspräsident Emmanuel Macron ehrende Worte für den Priester, „der so viel für die Annäherung zwischen Franzosen und Deutschen getan hat“1.

Franz Stock entstammte einer kinderreichen Arbeiterfamilie des Sauerlandes. Schon auf Ferienwanderungen des katholischen Jugendverbandes Quickborn kam er mit jungen Franzosen in Berührung – und mit der hinreißenden Landschaft der Provence. Frankreich bannte der „Sonntagsmaler“ Franz Stock immer wieder auf seine Leinwand, französische Sprache und Kultur studierte er in der Freizeit.

In den Augen Gottes gibt es nur Menschen

1934 wurde er Rektor der deutschen St. Bonifatius-Gemeinde in Paris. Unbeirrt von der allgegenwärtigen Wachsamkeit der Gestapo-Spitzel kümmerte sich der junge Priester um Juden und politisch Verfolgte. Später widmete er sich – als nebenamtlicher Militärpfarrer – inhaftierten Widerstandskämpfern und Geiseln. „In den Augen Gottes gibt es weder Engländer noch Franzosen noch Deutsche“, pflegte er zu sagen, „es gibt nur Christen oder ganz einfach Menschen.“2

In den Gefängnissen und Lagern, wo die deutschen Besatzungstruppen zeitweise zwei Millionen Franzosen zusammengepfercht hatten, erhielt dieser glaubwürdige Gottesmann bald den Ehrentitel „Erzengel in der Hölle“. Er konnte zuhören wie kein zweiter und strahlte an den Orten schwarzer Verzweiflung Lebensmut und Hoffnung aus. Unermüdlich trug er Botschaften zwischen den Todeskandidaten und ihren Angehörigen draußen hin und her.

Abbé Stock selbst drohte freilich unter den furchtbaren Schicksalen der ihm Anvertrauten zusammenzubrechen. Was konnte er schon für sie tun, als ihre Lebensgeschichten anhören, sie in den Arm nehmen und ein paar tröstende Worte sagen? Über 1.000 zum Tod Verurteilte, so heißt es, habe er zur Richtstätte begleitet. Tausendfaches Sterben, tausendfaches sinnloses Morden, tausendfache Ohnmacht eines Priesters. „Was ich hier erlebe“, vertraute er einem Freund an, „ist so furchtbar, dass ich nächtelang schlaflos liege.“

Erschütternd seine Tagebuchnotizen vom letzten Aufbäumen oder auch vom stillen Sich-Fügen dieser endlosen Schar hingemordeter Opfer. „Umarmte mich und starb betend im Gedenken an seine Frau und die Kinder.“3 – „Hatte Totenzettel von seinem verstorbenen Sohn (20 Jahre) bei sich.“4 – „Als ich ihm den letzten Segen gab, sagte er nur, nachdem er mich umarmt hatte: ,Stellen Sie sich hinter die Soldaten, damit ich Sie sehe!‘“5

Franz Stock – kein Name, sondern ein Programm

Nach dem Einmarsch der Alliierten selbst inhaftiert, baute der Abbé ein äußerst ungewöhnliches Seminar für kriegsgefangene deutsche Theologen auf, in Orléans, später wurde es in die Nähe von Chartres verlegt. Bis zu 500 Studenten waren hier versammelt. Der Pariser Nuntius Roncalli – der spätere Papst Johannes XXIII. – besuchte das Lager gern und weihte zwei Insassen zu Priestern. „Das Seminar gereicht sowohl Frankreich wie Deutschland zum Ruhm“, sagte er später. „Franz Stock, das ist kein Name – das ist ein Programm.“6

Ende 1947 wurde das Seminar aufgelöst. Abbé Stock, entkräftet und verbraucht, kümmerte sich fortan um deutsche Zivilarbeiter. Am 24. Februar 1948 starb er in Paris. Er wurde zunächst in einem Massengrab für Gefangene beigesetzt, später in ein Einzelgrab und 1963 in die neu erbaute Kirche Saint Jean Baptiste in Chartres umgebettet. Seine alte Mutter war dabei, von den Angehörigen der Gefangenen und Hingerichteten mit herzlicher Dankbarkeit in die Arme geschlossen.

1 Emmanuel Macron, Ansprache vor religiösen Repräsentanten Frankreichs, 07.01.2018, https://www.elysee.fr/emmanuel-macron/2018/01/09/transcription-du-discours-des-v-ux-du-president-de-la-republique-aux-autorites-religieuses.
2 Peter Bürger (Hrsg.), „Sauerländische Friedensboten“, Bd. 1, Norderstedt 2016, S. 352.
3 Jean-Pierre Guérend (Hrsg.), „Franz Stock“, Freiburg im Breisgau 2017, S. 99.
4 ebd., S. 56.
5 ebd., S. 104.
6 Papst Johannes XXIII., Grußadresse an die Oberen und Studenten des Spätberufenenseminars „Sankt Matthias“ in Wolfratshausen im Erzbistum München und Freising, 20.07.1962, http://w2.vatican.va/content/john-xxiii/it/speeches/1962/documents/hf_j-xxiii_spe_19620720_san-mattia.html.

 

Christian Feldmann, Theologe, Journalist, Rundfunkautor, 1950 in Regensburg geboren, publizierte mehr als 50 in viele Sprachen übersetzte Bücher, vor allem Porträts klassischer Heiliger und frommer Querköpfe aus Christentum und Judentum.