Vatikan öffnet Archiv zu Kriegspapst Pius | Aktuell Europa | DW | 04.03.2019
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Geschichte der katholischen Kirche

Vatikan öffnet Archiv zu Kriegspapst Pius

Kritiker warfen Pius XII. vor, er habe versäumt, seine Stimme gegen die Ermordung der Juden laut zu erheben. Der Dramatiker Rolf Hochhuth fachte die Kontroverse an. Bald dürfen Historiker sich ihr eigenes Urteil bilden.

Französische Auktions-Kappe von Papst Pius XII (AFP/Getty Images/G. Souvant)

Der Pileolus des Papstes: das von Pius XII. getragene Scheitelkäppchen während einer Auktion 2014

Papst Franziskus lässt das Geheimarchiv des Vatikans zum Pontifikat von Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs öffnen. Die Akten für die Zeit von 1939 bis 1945 sollten ab März kommenden Jahres für Forscher zugänglich sein, kündigte Franziskus bei einer Audienz an.

Die israelische Regierung und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem begrüßten die Entscheidung in einer ersten Reaktion. Pius XII. war von 1939 bis zu seinem Tod im Jahr 1958 Papst. Er wurde nach dem Krieg kritisiert, nicht entschieden genug gegen die Naziverbrechen seine Stimme erhoben und über den Holocaust geschwiegen zu haben.

In Zeiten größter Dunkelheit

"Die Kirche hat keine Angst vor der Geschichte", sagte Franziskus, "im Gegenteil - sie liebt sie." Ziel sei es, dass "seriöse und objektive" Forschung die "glänzenden Momente dieses Papstes ebenso wie die Momente größter Schwierigkeiten" im rechten Licht und mit der angemessenen Kritik berurteilen könne. Pius habe versucht, "in Zeiten größter Dunkelheit und Grausamkeit die kleine Flamme humanitärer Initiativen wach zu halten".

Raum des Vatikanischen Geheimarchivs (picture-alliance/ dpa/D. Giagnori )

Ein Raum des vatikanischen Geheimarchivs im Jahr 2017

Anlass für die Ankündigung ist der 80. Jahrestag der Wahl des Italieners Eugenio Pacelli zum Papst im März 1939. Seit langem streiten sich Historiker über dessen Rolle und die des Vatikans während der Naziherrschaft. Vor einigen Jahren waren bereits die Vatikanarchivalien bis 1939 freigegeben worden.

"Mit brennender Sorge"

In den letzten Jahren der Weimarer Republik war die katholische Kirche als Kritikerin des Nationalsozialismus aufgetreten. Adolf Hitler wollte daher mit einem Reichskonkordat ihre einflussreiche Stellung schwächen. Der Vatikan erhoffte sich von dem 1933 vereinbarten Konkordat einen gewissen Schutz der katholischen Kirche vor der Gleichschaltung. Pacelli war damals Kardinalstaatssekretär und somit oberster Diplomat des Vatikans.

Papst Pius XII (Getty Images/F. Ramage)

Pius XII. im Januar 1955

Alsbald wurde jedoch klar, dass sich das NS-Regime nicht an die Zusicherungen hielt. Das päpstliche Rundschreiben "Mit brennender Sorge" vom März 1937 - damals war noch Pius XI. im Amt - verurteilte die Vertragsbrüche und distanzierte sich von der nationalsozialistischen Ideologie. Die Juden wurden allerdings nicht konkret genannt.

Proteste gegen Seligsprechung

Kritiker warfen anschließend Pius XII. vor, nicht oder nicht genügend gegen die Räumung des jüdischen Ghettos in Rom und die Deportation der Bewohner nach Auschwitz im Herbst 1943 eingeschritten zu sein. 1963 wurde in Berlin das Theaterstück "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth aufgeführt, das weltweit Schlagzeilen machte. Es stellt Pius XII. als kaltherzigen Diplomaten dar, der sich am Tod vieler Juden mitschuldig gemacht habe.

Die Befürworter des Papstes betonten, er habe Tausenden Juden Kirchenasyl gewährt. Die Kontroverse hielt jedoch an. Gegen Pius' geplante Seligsprechung protestierten etwa Israel und der Zentralrat der Juden in Deutschland. Das Seligsprechungsverfahren, das von Papst Benedikt vorangetrieben wurde, läuft unterdessen weiter.

jj/rb (dpa, kna)

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