Völlig berauscht: Wall Street und Marihuana | Wirtschaft | DW | 23.09.2018
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Cannabis

Völlig berauscht: Wall Street und Marihuana

Der Aktienmarkt hat einen neuen Star-Sektor: Cannabis-Unternehmen. Deren Aktien steigen und große Investoren mischen mit. Pharmafirmen und Getränkehersteller - alle wollen dabei sein. Aus New York Sophie Schimansky.

Das Geschäft mit Gras bedeutete lange Zeit dunkle Ecken, verstohlene Blicke und grüne Krümel, abgepackt in kleine Plastiktütchen. Doch seitdem die medizinische Wirkung von Cannabis besser erforscht wird und Cannabisprodukte in einigen amerikanischen Bundesstaaten und in Kanada als Medikamente und zum Genuss zugelassen wurden, ziehen Marihuana-Unternehmen zunehmend Investoren an.

Der Markt sieht vielversprechend aus: Die weltweiten Ausgaben für Cannabis-Produkte werden sich bis 2020 mehr als verdoppeln auf 32 Milliarden Dollar, schätzt BDS Analytics, ein Datendienstleister, der auf die Cannabis-Industrie spezialisiert ist.

Im Februar ließ sich das erste Marihuana-Unternehmen an der US-Börse Nasdaq listen - der Börsengang der Cronos Group war ein Meilenstein für die Branche. Seitdem sind weitere Marihuana-Unternehmen gefolgt und an der Börse nun neben Apple, Microsoft und Facebook zu finden.

Zuvor hatten viele im außerbörslichen Handel als Penny-Stocks herumgedümpelt, also als sehr günstige Aktien. Doch mit der Akzeptanz stiegen auch die Erfolgschancen bei großen Investoren.

Im Mai ging das kanadische Unternehmen Canopy Growth an die Börse, im Juli folgte Tilray, ebenfalls aus Kanada. Seitdem ist die Marktbewertung von Tilray um 800 Prozent auf inzwischen 14 Milliarden Dollar gestiegen. Damit ist Tilray das wertvollste börsengelistete Marihuana-Unternehmen.

Cannabis-Legalisierung in Kanada (picture alliance /empics/S. Kilpatrick)

Canopy Growth aus Kanada stellt medizinisches Marihuana her und ist an der New York Stock Exchange gelistet

Aktien mit Rekordwachstum

Allein im Monat August hatten die Aktien aller börsennotierten Marihuana-Firmen einen Wertzuwachs von 97 Prozent. Zum Vergleich: Aktien aus dem Finanzsektor legten im gleichen Zeitraum 1,1 Prozent zu, der S&P 500-Index, der 500 große Unternehmen umfasst, stieg nur um 0,7 Prozent.

Große Investoren wittern nun ihre Chance. Vor allem Unternehmen aus dem Bereich Alkohol und Tabak hätten ein Auge auf Marihuana-Firmen geworfen, sagt Stuart Titus, Analyst und CEO von Medical Marijuana.

Constellation Brands, der Konzern hinter Biermarken wie Corona oder Tsingtao, hat vier Milliarden Dollar in Canopy Growth investiert. Anfang September gab der Tabakkonzern Altria bekannt, er würde "seine Optionen erkunden". Auch der Getränkekonzern Coca Cola hat Interesse bekundet. Dabei geht es vor allem um CBD-Öl, das Wellness-Getränken zugefügt werden könnte. CBD ist ein kaum psychoaktives Cannabinoid aus der Hanf-Pflanze, das entkrampfend, entzündungshemmend und angstlösend wirkt.

Der Gesundheitsfaktor spielt bei diesen Investment-Entscheidungen eine große Rolle. Alkohol, zuckrige Getränke und Zigaretten haben einen zunehmend schlechten Ruf, weil Konsumenten gesundheitsbewusster werden. Die Absätze aus all diesen Bereichen gehen zurück, beim Tabak besonders stark. Vor 50 Jahren rauchten 42 Prozent der Erwachsenen in den USA, zuletzt waren es noch weniger als 16 Prozent.

Deswegen, sagt Cannabis-Investor Alan Valdes, sei der Cannabis-Markt für diese Konzerne so attraktiv. "Während Tabakprodukte es immer schwerer haben, wird es für Marihuana immer leichter", sagt er. So könnten die Unternehmen die wegbrechenden Einnahmen aus dem Tabakgeschäft ausgleichen.

Valdes selbst hält Anteile an RXMM, einem Hersteller medizinischen Marihuanas, und an Diego, das Marihuana als Genussmittel vertreibt. Er glaubt, dass bald auch Drogerieketten wie Walgreens und Wegmans Produkte auf Cannabis-Basis verkaufen.

Corona Bier (picture alliance/dpa/J. Kalaene)

Auch Hersteller traditioneller Genussmittel, etwa der Getränkekonzern Constellation Brands, stecken viel Geld in Cannabis

Big Pharma ist ebenfalls interessiert

Auch Pharmaunternehmen beobachten den Markt. Wer den Anschluss verpasst, könnte einen großen Teil der Einnahmen aus Medikamenten verlieren, befürchten sie. Analyst Stuart Titus schätzt, dass bald 40 Prozent aller Medikamente durch Cannabis-Produkte ersetzt werden könnten. Deswegen sei der Widerstand der Branche gegen eine Legalisierung groß.

Bislang hat die US-Aufsichtsbehörde FDA nur einige wenige Produkte als Medikamente zugelassen. Doch nach einer aktuellen Analyse zu medizinischem Cannabis wird der Gesamtumsatz dieses Marktes in den USA voraussichtlich auf zehn Milliarden Dollar im Jahr 2022 wachsen.

Das grosse Interesse an Marihuana-Aktien beruht vor allem auf der Annahme, dass Cannabis bald US-weit legalisiert werden wird. Aktuell ist es in 31 Bundesstaaten und dem Hauptstadtbezirk District of Columbia für medizinische Zwecke legal, doch Experten wie Stuart Titus rechnen damit, dass es bis 2020 landesweit legalisiert wird.

Kanada hat im Sommer ein Gesetz verabschiedet, das Cannabis als Medizin und als Genussmittel legal macht. In den USA hat die Branche auf der politischen Bühne viele Befürworter, die für die Legalisierung kämpfen. Zuletzt machte sich die Schauspielerin und Politikerin Cynthia Nixon bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei für das Gouverneursamt des Bundesstaates New York für die Legalisierung stark.

Im Weißen Haus sieht es noch anders aus. Justizminister Jeff Sessions lässt keinen Zweifel daran, dass er Marihuana für gefährlich hält. In den vergangenen Wochen sprach er sich wiederholt gegen eine Legalisierung aus.

Donald Trump ist offenbar anderer Meinung. Er will den Kongress dabei unterstützen, das Verbot auf Marihuana zu beenden. Investor Alan Valdes findet das nicht überraschend. "Er ist ein Geschäftsmann", sagt Valdes. Trump müsse das Loch füllen, das seine Steuersenkungen in die Staatskasse gerissen hätten.

In neun Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Colorado und Washington, ist der Konsum von Marihuana für den Genuss inzwischen legal. "Wir glauben, der Markt wird einiges zum Wirtschaftswachstum beitragen", sagt Titus. In den USA könnten bis zu eine Million Arbeitsplätze in der Branche geschaffen werden. Das, glaubt Titus, werde sich Trump nicht entgehen lassen wollen.