Völkermord: Namibia wartet weiter auf deutsche Entschuldigung | Afrika | DW | 13.09.2019
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Völkermord

Völkermord: Namibia wartet weiter auf deutsche Entschuldigung

Zuletzt waren die politischen Beziehungen angespannt, jetzt haben sich deutsche Politiker bei Namibia-Besuchen zur deutschen Schuld am Völkermord in der ehemaligen Kolonie bekannt. Das geht vielen nicht weit genug.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller begrüßt Vertreter der Herero und Nama (Imago Images/photothek/U. Grabowsky)

Entwicklungsminister Müller traf in Namibia Herero und Nama-Vertreter

Gerd Müller wollte ein Zeichen setzen. Als der Entwicklungsminister Ende August Namibia besuchte, stand auch ein Treffen mit Herero und Nama-Vertretern auf dem Programm. Beides  - der Staatsbesuch und das Treffen - sind keine Selbstverständlichkeiten. Der letzte hochrangige deutsche Politiker kam bereits 1998 nach Namibia: Es war der damalige Bundespräsident Roman Herzog.

Dabei gibt es eine Menge zu besprechen. Vor allem mit den Herero und Nama. Zehntausende Menschen beider Volksgruppen fielen dem Völkermord in der damaligen Kolonie "Südwestafrika" zum Opfer, nachdem sie gegen die deutsche Kolonialherrschaft revoltiert hatten. Die Herero und Nama verloren außerdem ihre beiden Lebensgrundlagen - Vieh und Land. Bis heute leben viele in bitterer Armut.

Rege Besuchsdiplomatie

Nun folgt Besuch auf Besuch: Vor Müller reiste schon der Bundesratspräsident Daniel Günther im Juli nach Namibia. Nachdem Verhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialverbrechen mit Namibias Regierung seit Jahren ergebnislos dahin dümpeln, wirkt die Besuchsdiplomate wie ein Zeichen: Deutschland will das dunkle Kapitel seiner Geschichte nun wieder angehen.

Herero und Nama-Vertreter bei einer Demonstration in Berlin (Imago/IPON/S. Boness)

Die Herero und Nama fordern eine offizielle deutsche Entschuldigung

Zumal beide Politiker das Wort "Völkermord" bei ihren Besuchen offen aussprachen - aus Angst vor Reparationsforderungen war das im politischen Berlin über Jahre tabu. Günther verneigte sich vor dem Denkmal für die Opfer des Genozids in der Hafenstadt Swakopmund, wo die deutschen Kolonialtruppen tausende Herero und Nama einst in Konzentrationslager dem sicheren Tod überlassen hatten.

"Deutschland hat in den Jahren 1904 und 1908 schreckliche Verbrechen insbesondere an den Herero und Nama verübt und dafür tragen wir natürlich die Verantwortung - auch heute," sagte auch Entwicklungsminister Müller nach dem Treffen mit den Herero und Nama. Deutschland werde sich in aller Form für den Kolonialgenozid entschuldigen. 

'Geheimmission in Afrika'

Doch damit sind die Wogen noch lange nicht geglättet. Stattdessen sorgt gerade das Treffen für neuen Streit. Offiziell ist nicht bekannt, wer von namibischer Seite dabei war. Die Teilnehmer hätten darum gebeten, so dass Entwicklungsministerium. Mehr als ein Foto existiert nicht. "Müllers geheime Mission in Afrika" kommentierte der Berliner "Tagesspiegel" lakonisch.

Es seien nur Herero und Nama anwesend gewesen, die mit Namibias Regierung zusammenarbeiten, sagt der deutsch-namibische Analyst und Buchautor Henning Melber. "Aber nicht die Hauptvertreter der Herero und Nama, die zu Recht reklamieren, dass sie an den Verhandlungen nicht beteiligt sind. Das ist indirekt ein Affront gegen erhebliche Teile der Nachfahren der ehemaligen Opfer", so Melber zur DW.

Bundesratspräsident Daniel Günther an einem Mahnmal für die Opfer des Genozids (picture-alliance/dpa/Staatskanzlei Kiel/P. Kraft)

Bundesratspräsident Daniel Günther gedachte den Ermordeten bei seinem Namibia-Besuch

"Bei dem Treffen war kein Nama-Führer dabei, der die Interessen unseres Volkes vertritt. Wir werden zu bloßen Gegenständen herabgewürdigt", kritisiert auch Sima Luipert vom Verband der traditionellen Nama-Führer (NTLA) im DW-Interview. Die NTLA - die sich selbst als einzige legitime Vertretung der Nama bezeichnet - gehört zu jenen Verbänden, die direkte Verhandlungen mit der Bundesregierung über den Genozid fordern. Sie versuchen dies auch per Klage vor einem US-Gericht zu erstreiten. Andere Verbände - die ebenfalls reklamieren, die offiziellen Vertreter der Nama zu sein- unterstützen die Verhandlungen zwischen beiden Regierungen dagegen.

Langes Warten

Außerdem wächst trotz der mitfühlenden deutschen Worte bei vielen Herero und Nama die Ungeduld. Denn eine offizielle deutsche Entschuldigung für die Gräueltaten lässt weiter auf sich warten - obwohl Deutschland und Namibia seit 2015 darüber auf Regierungsebene verhandeln.

"Wir schätzen die Tatsache, dass sie sich persönlich entschuldigt haben. Aber egal, wie viele individuelle Entschuldigungen noch folgen werden - das wird keinen Unterschied machen, bis sich die Bundesregierung im Namen es gesamten deutschen Volkes entschuldigt hat", sagt NTLA-Vertreterin Luipert.

Kniefall von Warschau als Vorbild

Der Analyst Henning Melber sagt: "Es wäre eine längst überfällige und auch symbolische Geste, dass ein hochrangiger Vertreter der deutschen Seite - die Kanzlerin, der Außenminister- nach Namibia kommt und sich dort entsprechend verhält. Wir wissen, was der Kniefall von Willy Brandt in Warschau zur Folge hatte. Es bedarf also gar nicht großer Worte." Außenminister Heiko Maas war zwar fast zeitlich mit dem Entwicklungsminister auf Afrika-Visite, besuchte statt Namibia aber lieber die Demokratische Republik Kongo und den Sudan.

Historisches Bild deutscher Kolonialtruppen im damaligen Deutsch Südwest-Afrika ((c) picture-alliance/dpa/F. Rohrmann)

Deutsche Soldaten, hier bei der Vorbereitung des Kampfes, schlugen den Aufstand der Herero und Nama 1904 blutig nieder

Immerhin: Laut Entwicklungsminister Müller machen die Regierungsverhandlungen Fortschritte. Beide Seiten hätten einen gemeinsamen Text vereinbart, der beiden Parlamenten vorgelegt werden werden soll. Lediglich die Frage der Finanzen sei noch strittig. Er hoffe, dass die Verhandlungen nach den nächsten Wahlen in Namibia abgeschlossen werden könnten. Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten - schon in der Vergangenheit hatte die Bundesregierung mehrfach ihre Zeitpläne korrigieren müssen.

Unklar ist außerdem, wie viele Herero und Nama die Ergebnisse der Gespräche akzeptieren werden. "Wir wissen nicht, worüber die beiden Regierungen miteinander sprechen. Sie informieren die Nama-Führer nicht, worüber gesprochen wird. Kein Nama-Führer kennt die Inhalte der Verhandlungen. Wir wissen ja gar nicht, was am Ende vereinbart wird", klagt NTLA-Vertreterin Luipert.

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