US-Dollar: Gilt das ″außerordentliche Privileg″ noch? | Wirtschaft | DW | 18.10.2013
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Wirtschaft

US-Dollar: Gilt das "außerordentliche Privileg" noch?

Der Kompromiss im Schuldenstreit hat die USA in letzter Minute vor einer selbstverschuldeten Finanzkrise bewahrt. Es ist nur eine Zwischenlösung. Das Vertrauen in den Dollar könnte schwinden.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verlassen sich Investoren auf den US-Dollar als sicheren Hafen, in vollem Vertrauen auf Uncle Sams Ansehen. In schlechten Zeiten parkten sie ihr Geld in US-Staatsanleihen, bis der Sturm überstanden war. Heute erscheint Washington manchen Investoren allerdings nicht mehr ganz so zuverlässig.

Demokraten und Republikaner fanden zwar in allerletzter Minute eine Einigung im Etatstreit, aber ihre Unfähigkeit, sich schon früher auf einen Kompromiss zu einigen, führte zum ersten "government shutdown" in 17 Jahren. Die Republikaner scheiterten mit ihrem Versuch, zum wiederholten Male das Schuldenlimit als Druckmittel in Etatverhandlungen mit Präsident Barack Obama einzusetzen, mitsamt der drohenden Zahlungsunfähigkeit der USA.

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Schuldenkompromiss löst keine Probleme

Globale Leitwährung

Die kurzfristige Anhebung des Schuldenlimits bis Februar 2014 reicht allerdings nicht aus, um die Gefahr abzuwenden. Im Sommer 2011 reichte bereits die Androhung der Zahlungsunfähigkeit, um Rating-Agenturen zur Herabstufung der Bonität der USA zu veranlassen - zum ersten Mal in der Geschichte des Landes.

"Keiner weiß, wo das noch hinführt", meint Axel Merk, Präsident der Unternehmensberatungsfirma "Merk Investments." "Mit Lehman sind wir das Risiko eingegangen, und das war ein Reinfall", erklärt Merk im Gespräch mit der DW. Das sei aber nichts im Vergleich zu dem, was passieren könnte, wenn die USA wirklich nicht rechtzeitig ihre Rechnungen begleichen würden, so der Berater.

'Außerordentliches Privileg'

Nach dem Zweiten Weltkrieg, auf dem Gipfel ihrer Macht, schufen die USA eine neue Finanzordnung, gestützt auf liberale Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. In diesem System war der Dollar die Währung der Wahl, das Tauschverhältnis betrug 35 Dollar je Feinunze Gold. Alle anderen Währungen waren an den Dollar gekoppelt, der "Greenback" wurde zur globalen Leitwährung.

Timothy Geithner (L) and Ben Bernanke EPA/ASTRID RIECKEN pixel

Ex-Finanzminister Tim Geithner und der scheidende Notenbankpräsident Ben Bernanke

"In den 1960ern sprach Frankreichs Finanzminister Valery Giscard d'Estaing vom "außerordentlichen Privileg" des Dollar. Gemeint sei, dass die USA mit dem Dollar als Weltleitwährung günstiger Geld leihen könne als es sonst möglich wäre, erklärt Barry Eichengreen. "US-Banken und Firmen können mit ihrer eigenen Währung grenzübergreifend agieren, das ist bequem", meint der Autor des Buches "Exorbitant Privilege: The Rise and Fall of the Dollar and the Future of the International Monetary System" im Gespräch mit der DW. "Die USA haben eine eingebaute Versicherungspolice: Wann immer irgendetwas in der Welt schief läuft und die Löhne sinken, dann geht der Dollar rauf." Das sei, so Eichengreen, ein Puffer gegen die schlimmsten Folgen.

'Größe, Stabilität und Liquidität'

Der Dollar, meint Eichengreen, habe drei einmalige Eigenschaften die keine andere Währung habe: Größe, Stabilität und Liquidität. Die Vereinigten Staaten sind ein großes Land, in dem mehr Dollar als andere Währungen verfügbar sind, und der Dollar hat seine Kaufkraft immer gut gehalten. Traditionell schätzen Investoren Staatskassen, die von einer Regierung gestützt werden, die Rechnungen pünktlich zahlt.

Janet Yellen, REUTERS/Robert Galbraith/Files

Kann die künftige Fed-Chefin Janet Yellen das Vertrauen in den Dollar wiederherstellen?

"Generell waren die USA früher in Bezug auf ihre finanzpolitischen Angelegenheiten recht vorsichtig", erklärt Axel Merk. Vor allem aber lieben Investoren die beispiellose Liquidität des Dollar, erklärt der Unternehmensberater. Im Falle einer Krise könnten Schatzbriefe problemlos verkauft werden, ohne zu viel an Wert zu verlieren. "Nichts lieben Investoren in einer Krise mehr als Solvenz", erklärt Eichengreen. Sie wollen mobil bleiben und dabei sicher sein, dass der Wert der Anlage nicht fällt. "Der amerikanische Anleihenmarkt ist historisch gesehen der solventeste Finanzmarkt der Welt."

'Unser Dollar, euer Problem'

Allerdings, so Merk, sei man heute nicht mehr auf Qualität bedacht. Einst versuchte Washington, mit vernünftigem Finanzmanagement für einen starken Dollar zu werben. Heute drucken Entscheidungsträger einfach mehr Geld. Die USA verlasse sich auf die Notenpresse der Zentralbank und signalisiere damit anderen Ländern: "Es ist unser Dollar und euer Problem", erklärt Merk. Das werde zwar akzeptiert, so Merk, aber die Betroffenen würden langfristig andere Lösungen suchen.

So haben manche Staaten begonnen, Devisenreserven zu diversifizieren, um ihre Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds waren 72 Prozent der globalen Devisenvorräte im Jahr 2001 in Dollar; heute sind es 62 Prozent.

Massenweise Anleihekäufe

"Sie haben beschlossen, ein wenig strategischer zu agieren", erklärt Merk. "Sie kaufen wirkliche Güter, die sie für ihren Energie- und Nahrungsmittelbedarf brauchen. Auf der Anlagenseite kaufen sie Wertpapiere aus Kanada, der Eurozone und Australien."

Die amerikanische Notenbank (Fed) kauft aber auch Monat für Monat US-Staatsanleihen im Wert von 85 Milliarden Dollar auf. Die Fed kauft diese Anleihen selber, meint Josef Braml von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), "weil die Chinesen und die Japaner sie nicht mehr kaufen." Mittlerweile besitzt die Fed mehr US-Anleihen als China.

Keine vernünftige Alternative

Obwohl die USA nur ein Viertel der Weltwirtschaft ausmachen, spielt der Dollar laut Eichengreen noch in 85 Prozent aller Devisengeschäfte eine Rolle.

Hände zählen Chinesisches Geld. Foto ChinaFotoPress/Getty Images)

Chinas Interesse an US-Staatsanleihen hat nachgelassen

"Es ist erstaunlich, wie wenig bisher als Reaktion auf die Vorgänge in Washington geschehen ist", erklärt Eichengreen. Der Grund dafür sei schlicht Ungläubigkeit. "In Europa und Asien glaubt niemand, amerikanische Politiker seien verrückt." Man weigere sich zu glauben, so der US-Autor, dass das politische System in den USA so gestört ist, "dass verantwortungslose Politiker die Regierung in die Zahlungsunfähigkeit treiben könnten."

Es gibt zudem kaum Alternativen. Der Euro steckt noch in seiner eigenen Krise, der chinesische Renminbi ist nicht wirklich internationalisiert und der japanische Yen verliert kontinuierlich an Wert.

"Vor allem das Fehlen praktikabler Alternativen kommt dem Dollar zu Gute", ist sich Eichengreen sicher. Sollte sich allerdings die Pattsituation im Kongress im Februar 2014 wiederholen und die USA dann zahlungsunfähig werden, könne das Anlegervertrauen in den Dollar leiden. "Potenziell wäre das eine große Sache, denn es zieht die Stabilität des Dollar und die Liquidität des Marktes in Zweifel", erklärt der Experte und wiederholt: "Potenziell."

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