Urlaubsparadies Kroatien zeigt seine hässliche Fratze | Europa | DW | 05.08.2016
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Europa

Urlaubsparadies Kroatien zeigt seine hässliche Fratze

Mit viel nationalem Pathos erinnert das Land an der Adria an den "Tag des Sieges". Dabei trifft man immer häufiger auf rechtsradikale Symbole - sie sind längst Teil des kroatischen Alltages geworden.

Erinnerung an Operation Sturm in Kroatien (Foto: EPA/DANIEL KASAP)

Feierlichkeiten zum "Tag des Sieges" und der "vaterländischen Dankbarkeit"

Kroatien, "das kleine Land für den großen Urlaub", wie Werbeplakate verkünden, lockt auch in diesem Sommer hunderttausende ausländische Touristen an die Adria. Sie genießen die Sonne, das Meer und das bezaubernde mediterrane Flair. Dass die meisten der kroatischen Sprache nicht mächtig sind, ist kein großes Problem, denn bei vielen Kellnern oder Verkäufern kommt man auch mit Englisch oder Deutsch gut zurecht.

Mangelnde Sprachkenntnisse können sogar eher hilfreich sein für Urlauber, die unbeschwerte Erholung suchen. Denn so bleiben für sie zahlreiche Graffiti an den Hauswänden, die sonst die idyllische Stimmung trüben konnten, bloß unbedeutende Schmierereien.

Ustascha-Graffiti in Zagreb (Foto: Z.Arbutina/DW)

"Za dom spremni" ("Für das Vaterland bereit") : Ustascha-Graffiti in Zagreb

"Serben sollen hängen" oder "Tod den Serben" ist da zu lesen, und nicht selten sieht man ein großes "U" - das Symbol des faschistischen Ustascha-Regimes während des Zweiten Weltkrieges - oder deren Kampfruf "Za dom spremni" ("Für das Vaterland bereit"). Als störend nehmen ausländische Urlauber höchstens die zahlreichen Hakenkreuze wahr, die ihnen auf dem Weg zum Strand oder beim romantischen Abendessen begegnen.

Rechtsradikale im Alltag

Diese hässliche Fratze des Touristenparadieses ist traditionell rund um den 4. August besonders sichtbar, wenn in Kroatien der Jahrestag der Militäraktion "Oluja" ("Sturm") von 1995 gefeiert wird. Damals eroberte die kroatische Armee in wenigen Tagen die von Serben kontrollierten Gebiete des Landes. Bei der Offensive wurden allerdings auch zahlreiche Morde an serbischen Zivilisten verübt, schätzungsweise 200.000 Serben wurden aus Kroatien vertrieben. Aus diesem Anlass wird jedes Jahr in der kleinen Stadt Knin offiziell die Befreiung Kroatiens mit viel nationalem Pathos und Demonstration militärischer Stärke gefeiert – auch für Rechtsradikale und Neo-Ustaschas eine gute Gelegenheit sich zu zeigen.

"Die rechtsradikale Ikonographie gehört heute zum kroatischen Alltag", sagt Boris Raseta, Publizist und politischer Analyst aus Zagreb. Es gebe zwar kaum direkte physische Gewalt auf den Straßen, aber eine scharfe nationalistische Rhetorik und eindeutige rechtsradikale und neofaschistische Symbole seien in der Öffentlichkeit allgegenwärtig. "Auch 20 Jahre nach dem Krieg lebt Kroatien in einer Atmosphäre der Kriegsrhetorik", sagt Raseta. "Der unabhängige Staat Kroatien ist aus einer rechten politischen Bewegung entstanden. Und patriotische Rhetorik ist auch heute noch das Maß der Dinge."

Zarko Puhovski, kraotischer Politiloge (Foto: DW/G. Simonovic)

Zarko Puhovski: "Kleinbürgertum toleriert die Rechtsradikalen"

Kokettieren mit den Ustaschas

Es wäre allerdings falsch zu behaupten, die Mehrheit der Gesellschaft sei rechtsradikal, sagt der Zagreber Politologe Zarko Puhovski. "Es ist, wie in anderen europäischen Staaten, nur eine Minderheit von drei bis fünf Prozent der Wähler, die radikale Positionen offen verteidigt." Das Problem Kroatiens bestehe darin, dass diese Minderheit sichtbarer und in der Öffentlichkeit präsenter sei als in anderen Ländern, so Puhovski. Und bei kroatischen Politikern sei kein Willen erkennbar, die Rechtsradikalen in die Schranken zu weisen.

So zeigt sich Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic öffentlich mit bekannten Rechtspopulisten und mutmaßlichen Kriegsverbrechern, gelegentlich gibt sie auch Hasspredigern TV-Interviews. Von den Rechtsradikalen distanziert sie sich ungern - und nur, wenn der Druck aus dem Ausland zu groß wird. Kultusminister Zlatan Hasanbegovic nimmt an der Einweihung eines Denkmals für den im Jugoslawienkrieg gefallenen kroatischen Nationalisten und Terroristen Miro Baresic teil und lässt sich zusammen mit Trägern neofaschistischer Symbole fotografieren. Kein Politiker verlässt ein Fußballspiel, keine offizielle Veranstaltung wird abgebrochen, wenn im Publikum rechtsradikale und faschistische Parolen skandiert werden.

Kroatien Marko Perkovic alias Thompson - Konzert in Cavoglave (Foto: Imago/Pixsell)

Der umstrittene Sänger Marko Perkovic ("Thompson") sympathisiert offen mit rechtsradikalem Gedankengut

Mehrere Spitzenpolitiker outen sich gerne als Fans des umstrittenen kroatischen Sängers Marko Perkovic, der in Anlehnung an sein Gewehr im Jugoslawienkrieg "Thompson" genannt wird. Er ist mehrfach wegen Kokettierens mit neofaschistischen Symbolen in die Schlagzeilen geraten, so dass seine Konzerte in mehreren Ländern, darunter auch in Deutschland, abgesagt wurden. Oft beginnt er seine Auftritte mit dem Ustascha-Gruß "Za dom spremni".

Toleranz der Kleinbürger

Damit einher geht ein wachsender historischer Revisionismus: Das mit Hitler-Deutschland kooperierende faschistische Regime in Kroatien, das gegen Serben, Juden und Kommunisten wütete und für sie nach deutschem Vorbild Konzentrationslager einrichtete, wird als "patriotische Verfechter kroatischer Interessen in schwierigen Zeiten" dargestellt. Dieser Revisionismus hat schon mit dem Zerfall Jugoslawiens und der Gründung des selbstständigen Staates Anfang der 1990er Jahre begonnen, als die Regierung von Präsident Franjo Tudjman versuchte, die faschistische Vergangenheit zu verklären. Doch noch nie waren diese Versuche so offen und aggressiv wie heute. Und mit dem derzeitigen Kultusminister ist ein erklärter radikaler Geschichtsrevisionist sogar in die Staatsspitze aufgestiegen.

Ante Pavelic und Adolf Hitler (Foto: Public Domain)

"Verfechter kroatischer Interessen in schwierigen Zeiten": Kroatiens einstiger Führer Ante Pavelic, Herrscher von Hitlers Gnaden

Es sei vor allem die kleinbürgerliche Mehrheit, die Rechtsradikale, extreme Nationalisten und Revisionisten dulde, glaubt Zarko Puhovski. "Man sagt: sie gehen vielleicht ein wenig zu weit, aber das sind doch unsere Jungs, sie gehen doch in unsere Richtung." Dadurch werde Rechtsradikalismus zur allgemeinen Kulturnorm - und keiner rege sich darüber auf. Die Neo-Ustaschas würden salonfähig.

Boris Raseta warnt hingegen davor, in Kroatien von Faschismus zu reden. "Man tut gut daran, derartige Begriffe vorsichtig zu verwenden." Schließlich patrouillierten noch keine faschistischen Schlägertrupps durch kroatische Städte, auch würden Menschen nicht auf offener Straße zusammengeschlagen, so Raseta. "Wenn es so weit kommt - was in der aufgeheizten Stimmung durchaus denkbar ist - werden wir solche Begriffe brauchen."

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