Urlaub in Irland und England: Erstmal Quarantäne bitte | Wirtschaft | DW | 08.06.2020
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Corona-Krise

Urlaub in Irland und England: Erstmal Quarantäne bitte

COVID-19 wurde weltweit für den Tourismus zum Albtraum. Die europäischen Länder versuchen nun, die Branche wiederzubeleben. Anders Großbritannien und Irland: Hier werden strenge Quarantäneregeln zum Hindernis.

Irland Hafenstadt Dingle (picture-alliance/dpa/McPhoto-Scholz)

Idyllische Hafenstadt: Dingle an der Südwestküste Irlands

In der letzten Woche sah sich Hotelier John O'Farrell plötzlich einer inzwischen ungewohnten Situation gegenüber. Als er am frühen Morgen von Ventry Beach nach Dingle an der Südwestküste Irlands unterwegs war, traf er auf eine Anhalterin aus Deutschland. "Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Anhalter mitgenommen habe", erzählt er: "Sie stand da am Straßenrand und sah mich direkt an. Ich konnte gar nicht vorbeifahren." Es handelte sich aber nicht um eine Touristin. "Sie lebt seit fünf Jahren in Dingle", so O'Farrell. Auf Touristen trifft O'Farrell schon lange nicht mehr.

Seine mehrfach ausgezeichnete Pension mit dem hübschen Namen Pax House ist seit dem 18. März geschlossen, und so geht es wegen der Corona-Pandemie allen Touristenunterkünften in Irland. Und die strengen Regeln für Irland sehen vor, dass das auch bis mindestens 20. Juli so bleibt.

Unter welchen Bedingungen sie dann wieder öffnen können, auch das ist unklar. In den Erläuterungen der Regierung ist vage von "begrenzter Kundenzahl" die Rede, aber was genau das heißen soll, weiß weder Hotelier O'Farrell noch sonst ein Kneipen- oder Hotelbesitzer im Land.

100.000 dürfen kommen - mit Quarantäne

Es gibt aber ein anderes Problem, das möglicherweise viel wichtiger werden könnte: Alle Reisenden, die nach Irland kommen, müssen sich erst einmal 14 Tage in Quarantäne begeben - einschließlich der Iren, die aus dem Ausland zurückkehren. Seit dem 28. Mai muss jeder, der auf der Insel ankommt, ein Formular ausfüllen, mit dem die Adresse für ihre Zwei-Wochen-Quarantäne gemeldet wird. Verstöße können mit bis zu 2500 Euro Strafe oder sechs Monaten Haft geahndet werden.

John O'Farrell, Bertreiber des Pax House in Dingle, Irland

John O'Farrell, Bertreiber des "Pax House" in Dingle, Irland

Jetzt steht die Regierung mächtig unter Druck von Seiten der Tourismusbranche und der Flugindustrie, die wollen, dass die Vorgaben wieder geändert werden. Sie sollen aber erst am 18. Juni erneut überprüft werden. Die irische Fluggesellschaft Ryanair kündigte an diesem Montag schon einmal an, sie wolle sich nicht an die Auflagen halten.

Es sieht bisher nicht so aus, dass die Quarantäne-Regeln fallen könnten, bevor die Sommersaison zu Ende ist. Der Taoiseach, Irlands Regierungschef, Leo Varadkar hat angeblich seine Partei schon darauf eingestimmt, ein Ende der Maßnahme würde eher "in Monaten, nicht in Wochen" kommen.

Auch wenn kaum ein Mitglied der EU ähnlich strikte Regeln kennt wie Irland, so steht das Land doch nicht allein da. In Großbritannien gelten vergleichbar strenge Vorschriften. Großbritannien hat mittlerweile bei weitem die meisten COVID-19-Toten in Europa, und seit dem 8. Juni müssen sich alle Reisenden, die im Land eintreffen, erst einmal 14 Tage in Selbstisolation begeben.

Allerdings könnten Reisende aus England, Schottland oder Wales dank der besonderen Situation an der Grenze ganz einfach über Nordirland nach Irland gelangen, ohne sich an die Quarantäneregeln halten zu müssen. Sie sind davon ausgenommen.

Schlüsselbranche mit Problemen

Tourismus ist für die irische Wirtschaft von entscheidender Bedeutung. Der Umsatz der Branche mit Gästen aus dem In- und Ausland lag 2018 bei 9,4 Milliarden Euro. Rund 325.000 Menschen arbeiten für den Fremdenverkehr (Nordirland eingerechnet), damit ist die Branche größter einheimischer Arbeitgeber im Land. Im letzten Jahr kamen elf Millionen Gäste aus dem Ausland auf die Insel.

Dingle, das Städtchen, wo John O'Farrell seine Pension betreibt, liegt an Irlands Wild Atlantic Way. Hier ist der Tourismus schlicht die wichtigste, weil einzige Industrie. Jetzt aber, so erzählt O'Farrell, ist bis auf ein paar Supermärkte das Geschäftsleben in der Stadt so gut wie tot. "So wie in den 1960er Jahren an Karfreitag: Es ist fast niemand mehr unterwegs, und die, die unterwegs sind, haben noch ein schlechtes Gewissen."

Werbung für touristische Ziele sowohl in Irland als auch in Nordirland, das ist die Aufgabe der gemeinsamen Agentur Tourism Ireland. Die äußerte sich gegenüber der DW diplomatisch: "Angesichts der Tatsache, dass andere EU-Staaten ihre Quarantäne-Beschränkungen langsam wieder aufheben, müssen wir hier in Irland die Lage genau beobachten, um die Quarantäne-Maßnahmen aufzuheben, sobald das auf sichere Weise möglich ist - allerdings bleibt die öffentliche Gesundheit dabei der entscheidende Gesichtspunkt."

Auch bei der Irish Tourism Industry Confederation (ITIC), die sich für die Branche um die Vermarktung kümmert, bleibt man vorsichtig: "Es bleibt zu hoffen, dass die 14-Tage-Quarantäne-Regel, die am 18. Juni überprüft wird, nicht über dieses Datum hinaus verlängert wird."

"Wir sehen uns wieder"

Auch die Pläne Großbritanniens stoßen auf breite Kritik. Und der Chor der Kritiker wird immer lauter von einem Iren angeführt.  Michael O'Leary, der Chef von Ryanair, sagte der BBC in die Mikrofone, die Quarantäne würde dem britischen Tourismus "unsäglichen Schaden" zufügen. Besucher aus Europa, von denen die Branche abhänge, würden "durch diese nutzlose und ineffektive Quarantäne abgeschreckt".

Kämpferisch: Die irische Fluggesellschaft Ryanair

Kämpferisch: Die irische Fluggesellschaft Ryanair

Deutschland und andere Tourismusziele in Europa wie Italien, Griechenland, Spanien und Portugal mögen dabei sein, allmählich die Einschränkungen für ausländische Besucher aufzuheben - für Politiker in Irland wie in Großbritannien ist Quarantäne weiterhin nötig: „Das sind außergewöhnliche Maßnahmen, aber in Zeiten einer Krise der öffentlichen Gesundheitsfürsorge sind sie nötig", so sagte es der irische Gesundheitsminister Simon Harris. Und die britische Innenministerin Priti Patel: "Wir sind jetzt verletzlicher für Infektionen, die aus dem Ausland eingeführt werden."

Hotelbetreiber wie John O'Farrell bleibt nur die Hoffnung, dass zu dem Zeitpunkt, wenn Hotels und Pensionen in Irland am 20. Juli wieder öffnen dürfen, die Regierung auch die Quarantäneauflagen streicht. Aber bei allen Problemen, die die Pandemie und die dazu gehördenden Regeln für sein Geschäft mit sich bringen, bewahrt sich O'Farrell einen unverdrossenen Optimismus. Zwar kommen 90 Prozent seiner Kunden aus den USA - und eine Lockerung der Reisebeschränkung von dort wird womöglich noch schwieriger werden -, von denen aber seien die meisten fest entschlossen wiederzukommen, sobald das möglich ist.

Bei bereits bezahlten Buchungen in seinem Pax House für die Zeit nach dem März 2020 hat O'Farrel seinen Kunden entweder Rückzahlung oder Gutscheine angeboten. Die meisten, sagt er, hätten sich entschieden, ihre Reise aufs nächste Jahr zu verschieben. Dann, da ist er sich sicher, wird er fast alle wiedersehen.

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