Unterbrechung oder Ende des Booms? | Wirtschaft | DW | 09.11.2018
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Konjunktur

Unterbrechung oder Ende des Booms?

Dem Dauer-Boom der deutschen Wirtschaft droht eine Unterbrechung. Ökonomen rechnen für das dritte Quartal mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 0,1 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Vierteljahr.

Das ergab eine am Freitag veröffentlichte Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters, die 20 Volkswirte befragt hatte. Es wäre das erste Minus seit Anfang 2015. Noch im zweiten Quartal hatte Europas größte Volkswirtschaft um kräftige 0,5 Prozent zugelegt. Eine erste offizielle Schätzung veröffentlicht das Statistische Bundesamt am kommenden Mittwoch.

"Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal nach dreieinhalb Jahren ununterbrochener Expansion wieder leicht geschrumpft", ist sich Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen sicher. Ausschlaggebend dafür dürften die Probleme der Autoindustrie bei der Umstellung auf das neue Abgastestverfahren WLTP gewesen sein, wegen der die Unternehmen ihre Produktion deutlich heruntergefahren hätten. Dies dürfte das BIP um etwa einen viertel Prozentpunkt gedrückt haben.

"Im Schlussquartal dürfte es wieder deutlich aufwärtsgehen", erwartet Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank LBBW. Darauf ließen die meisten Frühindikatoren schließen. Große Sprünge erwarten die meisten Experten aber nicht. "Die Phase der Hochkonjunktur ist vorbei, die Konjunktur tritt in die Phase der Überreife", so Niklasch.

Das sehen auch die Wirtschaftsweisen so. Sie senkten ihre Prognose für das Wachstum im kommenden Jahr gerade auf 1,5 Prozent, während es im zu Ende gehenden Jahr zu 1,6 Prozent reichen soll. Das Expertengremium ist damit pessimistischer als die Bundesregierung, die für beide Jahre 1,8 Prozent voraussagt.

Stahlarbeiter der Salzgitter AG (picture-alliance/dpa/J. Stratenschulte)

US-Strafzölle, steigende US-Zinsen und die Abkühlung der Weltkonjunktur belasten deutsche Exporteure

Unternehmen blicken skeptischer in die Zukunft

Auch die deutschen Unternehmen stellen sich auf eine Abkühlung der Weltwirtschaft ein. Nur noch 27 Prozent rechnen mit einer Verbesserung der konjunkturellen Entwicklung an ihren jeweiligen Auslandsstandorten, wie aus der am Freitag veröffentlichten Herbstumfrage bei den Mitgliedsunternehmen der deutschen Auslandshandelskammern hervorgeht. Im Frühjahr blickten noch 40 Prozent positiv nach vorne. Die Zahl der Betriebe, die eine Verschlechterung erwartet, stieg nun von zehn auf 25 Prozent.

"Keine Frage: Die Weltwirtschaft büßt an Dynamik ein", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer. "Unsere internationalisierte deutsche Wirtschaft ist dabei direkt betroffen." Sein Verband rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum der deutschen Exporte von 2,8 Prozent, nachdem er zunächst ein Plus von 6,5 Prozent erwartet hatte. "Was sich erst einmal nur nach Arithmetik anhört, bedeutet übersetzt mehr als 55 Milliarden Euro weniger in den Auftragsbüchern hierzulande", so DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Im kommenden Jahr sei sogar nur ein Plus von 2,5 Prozent zu erwarten.  "Iran-Sanktionen, Brexit, Zustand der Welthandelsorganisation WTO, Strafzölle, der Handelsstreit zwischen den USA und China, zwischen den USA und Europa – es kann einem schon schwindelig werden, wenn man derzeit auf die Weltwirtschaft blickt."

Deutschland Eric Schweitzer DIHK (picture-alliance/dpa/S. Hoppe)

Fordert eine Senkung der Unternehmenssteuern: DIHK-Chef Eric Schweitzer

Forderung nach Steuersenkungen

Der DIHK fordert deshalb von der Bundesregierung, die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft zu stärken. "Dazu ist eine Steuerreform dringend notwendig", forderte Schweitzer. So sollte der Solidaritätszuschlag komplett wegfallen, der Unternehmenssteuersatz um etwa fünf Punkte auf 25 Prozent gedrückt werden. Eine bessere steuerliche Forschungsförderung sei ratsam, auch ein Bürokratieabbau könne für Entlastung sorgen. "Einen schnelleren Ausbau von Breitband- und Stromnetzen ist ebenso gefragt."

In allen Teilen der Erde sind die konjunkturellen Erwartungen der Unternehmen gesunken - mit Ausnahme von Nordamerika. "Hier macht sich die Sonderkonjunktur durch die Steuerreform in den USA noch bemerkbar", erklärte der DIHK. Inzwischen sieht die Hälfte aller Betriebe die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als größtes Risiko für das Auslandsgeschäft an. Gut ein Viertel befürchte Nachteile durch Handelsbarrieren. "Die Spannungen zwischen China und den USA belasten die Weltmärkte und damit auch unsere Unternehmen", sagte Schweitzer. Die beiden weltgrößten Volkswirtschaften überziehen sich gegenseitig mit höheren Zöllen.

tko/qu (rtr, dpa)

 

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