Ungarn: Wie sich junge Menschen informieren | Europa | DW | 01.11.2020
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Pressefreiheit

Ungarn: Wie sich junge Menschen informieren

Die Orbán-Regierung hat die Pressefreiheit in Ungarn massiv eingeschränkt. Nur noch wenige Medien berichten unabhängig. Was macht das mit den jungen Ungarn? Wie informieren sie sich? Wir haben mit ihnen gesprochen.

Symbolbild - Social Media

Junge Menschen in Ungarn informieren sich vor allem über soziale Medien

Das Fernsehen in Ungarn sei "Gehirnwäsche", sagt Erzsébet Balczár, deshalb gucke sie es schon lange nicht mehr. Im Radio höre sie, wenn überhaupt, nur die Musik. Sobald jemand zu reden anfange, schalte sie ab, sagt die 27-jährige Ingenieurin aus Veszprém.

Wie die meisten jungen Ungarn informiert sie sich vor allem in den sozialen Medien. Dort klickt sie besonders oft auf die Artikel, über die viel diskutiert wird. "Mir ist wichtig, was die Leute sagen", sagt sie im Videotelefonat mit der DW. Da sei es auch egal, ob der Artikel von einem Medium komme, das der Regierung nahesteht. "Ich mag dieses Schwarz-Weiß-Denken nicht", sagt Balczár.

Nachrichtenapps hat sie keine, keinem Medium will sie uneingeschränkt vertrauen. Beim Online-Portal Index war das anders, sagt sie. Es war ihre Hauptnachrichtenquelle. Doch seit dort im Sommer ein regierungsnaher Geschäftsmann seinen Einfluss ausbaute, der Chefredakteur gefeuert wurde und daraufhin fast die gesamte Redaktion aus Protest zurücktrat, schenkt sie der Seite "keinen Klick mehr".

Szabolcs Dull - ehem. Chefredakteur des ungarischen Online-Portals Index

Szabolcs Dull, der geschasste Chefredakteur des ungarischen Online-Portals Index

Seit ihrem Amtsantritt 2010 hat die Regierung von Premier Viktor Orbán die Pressefreiheit im Land massiv eingeschränkt. Zuerst übernahm sie die Kontrolle über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Mithilfe von regierungsnahen Geschäftsleuten wurden anschließend auch Privatmedien entweder auf Regierungslinie gebracht oder geschlossen.

Fernsehsender, Radiostationen und Printmedien sind heute bis auf wenige Ausnahmen direkt oder indirekt unter der Kontrolle der Orbán-Regierung. Selbst Plakatwände - ein Medium, das in der Debatte um Pressefreiheit oft übersehen wird - sind fast vollständig in der Hand der Regierung oder regierungsnaher Oligarchen.

"Die Wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen"

Nur im Netz können sich noch vereinzelt unabhängige Medien halten - und das teils mit großem Erfolg. Index erreichte noch im Sommer bis zu einer Millionen Menschen täglich - in einem Land mit rund 10 Millionen Einwohnern. Wie für Erzsébet Balczár, war Index für viele junge Ungarn die wichtigste unabhängige Nachrichtenquelle. So auch für für István Battai. "Index macht immer noch interessante Geschichten und ich mag den Aufbau der Webseite", sagt der 23-jährige Literaturstudent aus Budapest.

Seit den Vorkommnissen im Sommer informiere er sich allerdings meist auf anderen Seiten, wie beispielsweise 444.hu, einem linksliberalen, regierungskritischen Online-Portal. Doch auch dessen Nachrichten seien nicht neutral, sagt Battai. "Sie kritisieren pauschal alles, was die Regierung macht, selbst wenn es eine gute Sache ist." Deshalb lese er auch regierungsnahe Medien. Damit sei er unter seinen Freuden zwar die Ausnahme, sagt er, doch ihm sei wichtig, beide Seiten zu verstehen. "Die Wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen", findet er.

Ungarn ist tief gespalten - auch medial

In Ungarn die "Wahrheit dazwischen" zu finden, wird jedoch immer schwieriger. Das Land ist tief gespalten - auch medial. Junge Menschen in Ungarn informieren sich überwiegend im Internet und den sozialen Netzwerken - allen voran auf Facebook (laut statista.de mit rund 5,6 Millionen Nutzern an erster Stelle). Dort haben sie die Möglichkeit, das regierungsnahe Medienmonopol aus Fernsehsendern, Radiostationen und Tageszeitungen zu umgehen. Häufig leben die Nutzer in den Städten, sind gut ausgebildet.

Ungarn I Budapest I Protest gegen politische Einflussnahme auf Nachrichtenportal Index

"Freies Land, freie Presse" - Protest in Budapest gegen politische Einflussnahme auf das Online-Portal Index

Ältere und unterdurchschnittlich gebildete Menschen, oft aus den ländlichen Regionen Ungarns, tendieren hingegen öfter zu den regierungsnahen Medien - auch weil das oft die zugänglichsten und günstigsten Quellen sind. Wohl auch deshalb sind sie die Hauptwählergruppe der Fidesz-Regierung.

Dass junge Menschen in Ungarn über das Internet und die sozialen Netzwerke auf Medien zugreifen können, die nicht der Orbán-Regierung nahestehen, sei wichtig, sagt Eva Bognar vom Center for Media, Data and Society (CMDS) der Central European University in Budapest. "Wir wissen allerdings auch, dass die Algorithmen der sozialen Netzwerke die politische Haltung einseitig verstärken, was wiederum zu einer noch größeren Spaltung führen könnte", so Bognar im Gespräch mit der DW.

Anzeichen dafür gäbe es laut ihrer Untersuchungen für den aktuellen Reuters Digital News Report bereits: Schon jetzt bevorzugten mehr als ein Drittel der Ungarn unter 35 Jahren Nachrichtenanbieter, die ihrem Weltbild entsprechen, so Bognar.

Unabhängige Medien weiter unter Druck

Der Druck auf die letzten unabhängigen Medien in Ungarn lässt nicht nach. So teilte der Eigentümer des Online-Portals 24.hu, Zoltán Varga, Ende September ,mit, dass er von der Orbán-Regierung massiv unter Druck gesetzt werde. Nach der Index-Affäre war 24.hu zum reichweitenstärksten Online-Medium aufgestiegen.

"24.hu ist der neue Feind der Orbán-Regierung", sagt Dániel Szalay, Chefredakteur des Online-Medienmagazins Media1. Die Regierung versuche nun, Vargas Ruf zu beschädigen, vor allem mit Hetzkampagnen in regierungsnahen Medien. "Die Regierung wird nicht damit aufhören, kritische Medien auszuschalten", meint Szalay. "Sie wollen sie alle. Vielleicht lassen sie ein paar übrig, damit sie gegenüber der EU behaupten können, dass es noch Pressefreiheit in Ungarn gibt."

Viktor Orban Premierminister Ungarn

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán vor der Presse in Brüssel (Februar 2020)

Auch finanziell stehen unabhängige Medien in Ungarn massiv unter Druck. Ihnen fehlen Werbeeinnahmen von Regierung und Privatunternehmen. Viele werden deshalb in Zukunft auf Bezahlmodelle wie Paywalls setzen müssen.

"Diese Maßnahmen sind für unabhängige Medienunternehmen in Ungarn auf lange Sicht unerlässlich, werden aber dazu führen, dass noch weniger Menschen in Ungarn auf unabhängige Informationen zugreifen können", sagt Eva Bognar vom CMDS. Das könnte vor allem jüngere Menschen treffen, die tendenziell über weniger finanzielle Mittel verfügen als der Rest der Bevölkerung.

Lichtblick Telex?

Einer der wenigen Lichtblicke, nicht nur für junge Ungarn, ist das neue Online-Portal Telex. Mit der finanziellen Unterstützung von über 30.000 Menschen ging das Projekt der ehemaligen Index-Redakteure Anfang Oktober online. Nach eigenen Angaben erreichen die Telex-Journalisten bereits jetzt rund 400.000 Menschen pro Tag.

Und sie haben große Ambitionen: In einem Media1-Interview mit  verkündete Telex-Eigentümer Márton Kárpáti, 2021 zum reichweitenstärksten Medium in Ungarn aufsteigen zu wollen. "Wir müssen abwarten, ob sich diese Anfangsbegeisterung für Telex auch langfristig halten wird", sagt Dániel Szalay von Media1. "Sie stehen unter großem Druck, jeder spricht über sie."

Ingenieurin  Erzsébet Balczár und Literaturstudent István Battai sind jedenfalls noch nicht überzeugt von Telex. "Ich suche noch nicht aktiv nach ihren Artikeln", sagt Balczár. "Ich habe sie ein paar Mal gelesen, aber mir gefällt vor allem das Design der Webseite nicht", erklärt Battai.

Wie erfolgreich Telex langfristig sein wird, wird wohl auch davon abhängen, ob und wie stark sich die inhaltliche Ausrichtung des Portals Index entwickeln wird. Sollte Index, ähnlich wie das Online-Portal Origo einige Jahre zuvor, zum Sprachrohr der Orbán-Regierung umfunktioniert werden, könnten viele Leser zu Telex wechseln.

Medienexperten gehen allerdings bislang nicht davon aus, dass Index ein solch radikaler Umbau bevorsteht. "Der Regierung reicht es, wenn Index über gewisse Dinge einfach nicht mehr berichtet, seine klare Kante verliert", so Eva Bognar. "Damit ist es als Kontrollorgan der Mächtigen ausgeschaltet."

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