Ungarischer Autor György Konrád tot | Aktuell Europa | DW | 14.09.2019
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Literatur

Ungarischer Autor György Konrád tot

Der ungarische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende György Konrád ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Er galt als einer der bekanntesten Autoren seines Landes. Sein Werk wurde in viele Sprachen übersetzt.

György Konrád war 1933 in der ostungarischen Stadt Debrecen in einer jüdischen Familie zur Welt gekommen. Er wuchs in der Stadt Berettyoufalu nahe der Grenze zu Rumänien auf.

Im Juni 1944 entging Konrád knapp der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten. Einen Tag vor der Deportation der Juden aus seiner Heimatstadt nach Auschwitz sprang der damalige Schüler in Budapest aus einem Zug. Fast alle seine Klassenkameraden wurden ermordet. "Ich wurde im Alter von elf Jahren erwachsen", schrieb Konrád über dieses Erlebnis in seiner Autobiographie.

Konflikt mit dem Regime

1956 beteiligte sich Konrád am Ungarischen Volksaufstand gegen die Sowjetunion. Nach dessen Scheitern entschied er sich - anders als seine Schwester und Tausende andere Ungarn - im Land zu bleiben.

Ungarn Aufstand im Herbst 1956 (picture-alliance/dpa)

Zäsur im Leben Konráds: Der Ungarn-Aufstand im Jahr 1956

Sein erster Roman "Der Besucher" erschien 1969 und wurde in 13 Sprachen übersetzt. Der schonungslose Blick auf die offiziell verleugneten Zonen des sozialen Elends im Realsozialismus brachte ihn zunehmend in Opposition zum Regime. Nach und nach wurde er zum Dissidenten, der nur im Untergrund - in den Zeitschriften und Publikationen der sogenannten Samisdat-Literatur - zu veröffentlichen vermochte. Reise- und Berufsverbote als Autor waren die Folge seines regimekritischen Wirkens. Zwischen 1973 und 1988 durfte er praktisch nichts in Ungarn veröffentlichen. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete der Soziologe in der Hauptstadt Budapest in der Jugendfürsorge und als Stadtsoziologe. 

Zu seinen wichtigsten Romanen und essayhaften Erzählungen gehören "Geisterfest" (1986), "Melinda und Dragoman" (1991) und "Baumblätter im Wind. Ausgrabung I." (2017).

Kritik an Orban

1989 spielte Konrád eine maßgebliche Rolle bei Ungarns Abkehr vom Kommunismus. 1990 wurde er zum Präsidenten der internationalen Schriftstellervereinigung Pen-Club gewählt. In Ungarn und im Ausland erhielt er zahlreiche Auszeichnungen für sein Werk und sein Engagement. 1997 wurde er als erster Ausländer Präsident der Berliner Akademie der Künste. Später machte Konrád mit seiner harschen Kritik am ungarischen Regierungschef Viktor Orban von sich reden. Nun starb der unbequeme Autor nach langer Krankheit in seinem Haus in Budapest.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Konrad als "Zeugen des Jahrhunderts". Mit seinem "mutigen Einsatz für den Demokratisierungsprozess" in Ungarn und seinem Eintreten für eine friedliche Überwindung der europäischen Teilung habe er "uns Deutschen einen großen Dienst erwiesen".

cgn/mak (afp, dpa)

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