UN-Tribunal: Lebenslang für Ex-Serbenführer Karadzic | Europa | DW | 20.03.2019
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Urteilsverkündung

UN-Tribunal: Lebenslang für Ex-Serbenführer Karadzic

Gut 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica ist der politisch Hauptverantwortliche, Ex-Serbenführer Radovan Karadzic, vom UN-Tribunal in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Ein Portrait.

Er ist ein Mann mit vielen Facetten: Psychiater, Dichter und in den 1990er Jahren ein mächtiger Politiker. Für viele in Bosnien-Herzegowina ist er schlicht ein Kriegsverbrecher - selbst ein Fall für die Psychiatrie. Radovan Karadžić wird für die schlimmsten Kriegsverbrechen, die während des fast vierjährigen Krieges in Bosnien-Herzegowina (1992 - 96) verübt wurden, verantwortlich gemacht. Karadžić, inzwischen 73 Jahre alt, soll laut Anklage als der damalige politische Führer der Serben in Bosnien-Herzegowina die Verantwortung tragen für den Völkermord an etwa 8.000 muslimischen Männern und Jungen in der ostbosnischen Stadt Srebrenica. Zudem werden ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Konkret: Vertreibung, Mord und Folter. Es geht auch um die Verletzung des Kriegsrechts im Fall der Belagerung von Sarajevo.

Der in einem montenegrinischen Dorf 1945 geborene Radovan Karadžić lebte zwar seit seinem 15. Lebensjahr in der damals multikulturellen jugoslawischen Stadt Sarajevo in der Teilrepublik Bosnien und Herzegowina, stammte aber aus einer Familie, die auch Tschetniks in ihren Reihen hatte. Tschetniks sind nationalistische serbische Extremisten, die für ein Großserbien eintreten und die im Zweiten Weltkrieg teilweise mit deutschen Wehrmachtstruppen kollaborierten und von den kommunistischen Partisanen Titos besiegt wurden.

"Kampfgeist der Serben“

Nachdem er mit seiner Familie aus den montenegrinischen Bergen in das pulsierende Sarajevo gezogen war und die Schule beendet hatte, studierte er Medizin. Er verbrachte sogar ein Jahr zum Zweck der Weiterbildung an der Columbia University in New York und gründete schließlich eine eigene psychotherapeutische Arztpraxis in Pale, einem kleinen Ort in direkter Nähe zu Sarajevo, größtenteils von Serben bewohnt.

Bosnienkrieg (picture alliance/dpa/Stringer)

Karadzic (rechts) und der Oberkommandierende der bosnisch-serbischen Armee Ratko Mladic im August 1993

Einen Namen hatte er sich zuvor schon als Dichter gemacht. "Wie aus dieser Persönlichkeit, die so viele Facetten hatte, dann ein Politiker wurde, der eine überaus nationalistische Richtung vertrat, ist schon ein Phänomen", so der Balkan-Experte Franz-Lothar Altmann. Seine nationalistischen Neigungen habe man bereits in seinen Gedichten erkennen können, denn schon da habe er vom "Kampfgeist der Serben" gesprochen. "Und dann hat er Dobrica Ćosić, der ein nationalistischer Romancier war, kennengelernt und sich von ihm beeinflussen lassen. Das hat ihn offensichtlich noch stärker in diesen nationalistischen Dreh gedrängt.“

Aber nicht nur der serbische Dichter und Schriftsteller Dobrica Ćosić übte Einfluss auf Karadžićs Weltanschauung aus. Er lernte auch Slobodan Milošević kennen, den ehemaligen serbischen Präsidenten, dem ebenfalls vor dem Haager Tribunal der Prozess gemacht wurde. Allerdings verstarb Milošević 2006, noch bevor ein Urteil gefällt werden konnte. In den 1980er Jahren lernte Karadžić Momčilo Krajišnik kennen, einen späteren Politikerfreund, der in Den Haag zu 20 Jahren Haft wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden war. Beide gerieten mit der Justiz in Konflikt, weil sie Gelder veruntreut haben sollten. Karadžić wurde allerdings freigesprochen, weil seine Partei, die Serbische Demokratische Partei (SDS) nach der Demokratiewende 1990 in Jugoslawien eine von jenen war, die in der damaligen jugoslawischen Republik Bosnien-Herzegowina an die Macht kam. Und mit ihr auch Karadžić, der ihr Präsident wurde.

Der Muslim als "Feind"

Er war allerdings nicht der einzige, der seine nationalistischen Prägungen ausleben konnte. Es war eine Zeit im damaligen Jugoslawien, die geprägt war von omnipräsentem Nationalismus. Slowenen, Kroaten und andere Völker fühlten sich unterdrückt von Belgrad und wollten aussteigen aus dem gemeinsamen Jugoslawien. So auch Bosnien-Herzegowina.

Radovan Karadzic mit Bart (Getty Images/AFP)

Gut getarnt: Karadzic als "Dr. Dragan Dabic"

Die serbischen Politiker wollten das allerdings nicht zulassen. Ihr Motto: "Wo ein Serbe lebt ist Serbien". Karadžić selbst entwickelte zu der Zeit als Politiker gegenüber den Muslimen zunehmend ein "Feindbild". "Das war offensichtlich eine Übertragung vom früheren Feindbild gegenüber den Osmanen", erklärt Franz-Lothar Altmann. "Die Muslime, die muslimischen Bosniaken, sind für ihn so eine Art Nachfahren der Osmanen, gegen die ja Serbien, das serbische Volk, sich lange gewehrt und gekämpft hat."

Die Bosniaken und Kroaten stimmten am 1. März 1992 in einem Referendum für ein unabhängiges Bosnien-Herzegowina. Die Serben boykottierten die Abstimmung. Einen Monat später brach der Krieg aus. In den von Serben mehrheitlich bewohnten Gebieten wurde bereits vorher die Serbische Republik ausgerufen, die später in Republika Srpska umbenannt wurde und deren erster Präsident Radovan Karadžić war. In den Jahren danach wurden etwa 100.000 Menschen ermordet, es kam zu massenhaften und systematischen Vergewaltigungen, Hunderttausende wurden vertrieben - auf allen Seiten. Und es kam zum Völkermord in Srebrenica, wo rund achttausend muslimische Jungen und Männer ermordet wurden.

Ratko Mladic und Radovan Karadzic Fahndungsplakat 2002 (picture alliance/dpa)

Fahndungsfoto von 2002 in Sarajevo

Für die Ausführung des Massakers wurde in Den Haag dem Oberbefehlshaber der serbischen Streitkräfte in Bosnien-Herzegowina, General Ratko Mladić, der Prozess gemacht. Denn ihm hatte die UN im Juli 1995 Srebrenica, das zu dem Zeitpunkt eine UN-Schutzzone war und ein Zufluchtsort für Tausende bosniakische Binnenflüchtlinge, kampflos überlassen.

In Serbien versteckt

Beide, Mladić und Karadžić, haben sich nach dem Krieg jahrelang unbemerkt in Serbien versteckt halten können. Karadžić hatte nicht nur eine andere Identität angenommen - er trat als Dr. Dragan Dabić auf - , er hatte durch Bart und lange Haare auch sein Äußeres deutlich verändert. Er hatte "ganz offensichtlich eine große Anzahl von Helfern und Sympathisanten, die ihm geholfen hatten und die auch immer wieder, wenn eine Aktion gestartet wurde, um ihn festzunehmen, rechtzeitig gewarnt haben", sagt Altmann. Doch nach erheblichem Druck auf Serbien seitens der EU wurde Radovan Karadžić nach zwölf Jahren in der serbischen Hauptstadt Belgrad verhaftet. Fast drei Jahre später wurde auch Ratko Mladić festgenommen.

Am 24. März 2016 sprach das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal sein Urteil gegen Karadžić: 40 Jahre Gefängnis. Unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und der Belagerung Sarajevos.