Tunesiens Jugend nach der Revolution | Afrika | DW | 11.02.2011
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Afrika

Tunesiens Jugend nach der Revolution

Salma ist Tunesierin. Aufgewachsen in einem Land, in dem es nur den mächtigen Clan um Präsident Ben Ali gab, aber keine Freiheit. Jetzt ist alles anders. Tunesien ist auf dem steinigen Weg in eine demokratische Zukunft.

Demonstranten fordern Rücktritt der Übergangsregierung (Bild: AP)

Die junge Generation will nicht mehr schweigen

Mit Jeans, schwarzem Pullover und Turnschuhen sitzt Salma in ihrem Lieblingscafé in Tunis und rührt versonnen in ihrem Espresso. In diesen Tagen braucht sie viel Zeit zum Nachdenken. Über Freiheit, und was für einen Sinn man ihr gibt, wenn man sie eigentlich noch nie hatte. Und Salma braucht Zeit zum Staunen. Darüber, wie rasend schnell sich Tunesien gerade verändert. Und was das alles für sie bedeutet.

Neuer Nationalstolz

"Früher wollte ich um jeden Preis das Land verlassen, ins Ausland gehen um zu studieren oder zu arbeiten", sagt die junge Frau. Jetzt möchte sie bleiben, um das Land wieder aufzubauen. Tunesien sei ein großartiges Land, die Menschen einfach super. "Ich bin so dermaßen stolz, dass ich es gar nicht beschreiben kann - so ein Gefühl hatte ich noch nie". Salma strahlt, wenn sie von ihrem Tunesien spricht, dem neuen Tunesien. Die so genannte Jasmin-Revolution hat alles auf den Kopf gestellt. Seit der ehemalige Präsident Ben Ali vor knapp vier Wochen aus dem Land geflohen ist, hat für die selbstbewusste 28-jährige Übersetzerin ein neues Leben angefangen: Ein Leben ohne Angst. Als ganz normaler junger Mensch in Tunesien. Sie kann es noch immer nicht glauben.

Ein Demonstrant zeigt bei einer Kundgebung zur Situation in Tunesien das Victory-Zeichen (Bild: dpa)

Der Druck der Straße

"Wir hätten dieses Gespräch nie führen können, wenn Ben Ali noch Präsident wäre". Man habe nicht einfach in der Öffentlichkeit über Politik reden können. Sagen, dass man den Präsidenten nicht möge, oder dass er oder jemand aus seiner Familie etwas Böses getan habe, etwas geklaut habe. Sagen, dass man einen anderen Kandidaten wählen würde? "Niemals, das war unmöglich!", erinnert sich Salma.

Über Facebook und Twitter hat Salma verfolgt, wie Mitte Dezember letzten Jahres die Proteste im Landesinneren begannen. Wie das Fernsehen die Selbstverbrennung des verzweifelten Obstverkäufers Mohamed Bouazizi zu einem tragischen Einzelfall klein redete. Und wie dann der Druck der Straße immer größer wurde. So groß, dass das Ben-Ali-Regime zusammenbrach. Salma rollen die Tränen über das Gesicht. Noch nie im Leben ist sie zu einer Wahl gegangen, es hätte auch nichts gebracht. Wenn es tatsächlich in ein paar Monaten Neuwahlen gibt, will sie die erste sein im Wahllokal. Doch Salma spürt, dass die Lage in Tunesien noch immer instabil ist. Dass die Übergangsregierung Mühe hat, Ruhe ins Land zu bringen. Noch immer sind viele ihrer Freunde arbeitslos, im ganzen Land stehen viele junge und gut ausgebildete Menschen auf der Straße. Immer wieder kommt es noch zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, und das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Politikern ist groß. Auch Salma hat Angst, dass der große Traum von Freiheit und Demokratie am Ende platzen könnte wie eine Seifenblase. Aber die junge Frau mit den schulterlangen dunklen Haaren ist sicher: einen neuen Diktator werde es nicht geben.

Neue Solidarität

Nach der Revolution ist ein neues Wir-Gefühl entstanden (Bild: dpa)

Nach der Revolution ist ein neues Wir-Gefühl entstanden

"Die Demokratie wird Zeit brauchen, aber wir Tunesier sind hellwach, wir lassen uns nicht mehr auf den Füßen rumtrampeln. Die Politiker haben das verstanden, sie werden sich ganz genau überlegen, was sie tun. Wir werden nicht mehr schweigen, das ist sicher", sagt Salma selbstbewusst. Seit dem 14. Januar, dem Tag, als Tunesien Ben Ali davongejagt hat, entstehe ein ganz neues Miteinander, findet sie. Es sei eine ganz neue Solidarität der Bevölkerung spürbar. Jeder achte plötzlich darauf, ob es dem anderen gut gehe. Nicht nur in ihrer Nachbarschaft in Tunis, sondern im ganzen Land. Und vor allem bei den Jugendlichen, die sich in den 23 Jahren der Herrschaft von Ben Ali oft ganz aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatten.

"Ich sehe es in meinem Umfeld, dass viele Jugendliche, die sich früher überhaupt nicht für Politik interessiert haben, auf einmal anfangen, gemeinnützige Vereine zu gründen". Sie selbst habe eine Spendenaktion für arme Familien und Krankenhäuser organisiert, und das sei unglaublich gut gelaufen. "Die Leute haben wirklich gezeigt, dass sie da sind, ich habe von Firmen und vielen Einzelpersonen Spenden erhalten".

Die Revolution hat vor allem bei den Jugendlichen für ein neues Wir-Gefühl gesorgt. Und dafür, dass sie von ausländischen Besuchern jetzt Schulterklopfen und Anerkennung ernten, wenn sie erzählen, dass sie aus Tunesien kommen. Aus dem Land, in dem die Menschen sich selbst befreit haben. Tunesien ist berühmt. Aber das war nicht immer so. Früher habe Salma immer erst den Atlas auspacken müssen, um den Menschen zu erklären, wo Tunesien liege. "Jetzt sage ich nur noch: 'Tunesien', und jeder weiß, was los ist". Und wer Tunesien jetzt immer noch nicht kenne, der solle es selber suchen, sagt Salma und lacht. "Das ist Tunesien, unser Tunesien, und wir sind wirklich sehr stolz darauf!"

Autor: Alexander Göbel
Redaktion: Katrin Ogunsade

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