Tshisekedis trügerischer Wahlsieg im Kongo | Afrika | DW | 10.01.2019
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Zentralafrika

Tshisekedis trügerischer Wahlsieg im Kongo

Am frühen Donnerstagmorgen feiern die Menschen in Kinshasa den Wahlsieg eines Oppositionskandidaten. Doch bereits am Mittag gibt es Zweifel am Ergebnis. Nun ist das Verfassungsgericht am Zug. Aus Kinshasa Jonas Gerding.

Carlos Kaswa hat die ganze Nacht kein Auge zugedrückt. Bis um drei Uhr morgens sei er vor dem Fernseher gesessen und habe die Live-Übertragung der provisorischen Ergebnisse der Präsidentschaftswahl im Kongo verfolgt, erzählt der 46-Jährige: "Als das Resultat verkündet wurde, habe ich so laut zu schreien begonnen, dass die ganze Familie aufwachte".

Der Grund für seine Euphorie: Die Wahlbehörde hatte seinen Favoriten Félix Tshisekedi zum Gewinner ausgerufen. Sofort sei er hinaus auf die Straßen des Viertels Limité in Kinshasa gelaufen. Dorthin, wo die Partei UDPS ihr Hauptbüro hat und Familienmitglieder, Freunde und Unterstützer von Félix Tshisekedi leben, dem 55-Jahre alten Sohn des verstorbenen Oppositionspolitikers Étienne Tshisekedi.

"Dies ist wirklich ein Moment der Freude, weil wir so lange nach der Macht gestrebt haben, Mitstreiter und Familienmitglieder ihre Leben für diesen Sieg ließen", sagt der stämmige Mann in Parteishirt und mit Schiebermütze, dem Markenzeichen des alten Tshisekedis. Er formt seine Hand zum Victory-Zeichen.

Kongo | Carlos Kabwa (J. Gerding)

Carlos Kaswa ist vor lauter Freude über den Sieg seines Kandidaten nicht anzumerken, dass er die Nacht nicht geschlafen hat

Feierstimmung am frühen Morgen

In vielen Gegenden der Hauptstadt herrscht seit den frühen Morgenstunden Partystimmung. In den Bars wird zum Sonnenaufgang Bier ausgeschenkt, Autokorsos kurven durch die City und nach und nach strömen immer mehr Anhänger Tshisekedis nach Limité. All das in einem Land, das Präsident Joseph Kabila seit 17 Jahren autoritär regiert.

Mit zweijähriger Verspätung ließ Kabila die Wahlen am 30. Dezember abhalten - und unternahm dabei alles, um den von ihm gewünschten Nachfolger Emmanuel Shadary ins Amt zu verhelfen. Doch vergebens. Das offizielle Wahlergebnis der Wahlbehörde CENI sieht Shadary mit 22,84 Prozent abgeschlagen hinter Tshisekedi, der 38,57 Prozent auf sich vereinen konnte.

Video ansehen 02:28

Überraschung im Kongo: Tshisekedi wird neuer Präsident

An diesem Mittwochmorgen sieht es tatsächlich so aus, als ob das konfliktgeplagte Land seinen ersten demokratischen und friedlichen Machtwechsel erleben könnte. Doch noch am selben Tag, mittags gegen 13 Uhr, steht das Ergebnis schon wieder in Frage - und die Furcht vor Gewalt auf den Straßen im Raum.

Hoffnung auf Ende der "Schummelei"

Carlos Kaswa weiß davon noch nichts. Er ist berauscht von der Aussicht darauf, dass sein Favorit schon bald das Land regieren wird. Auch wenn das hieße, dass die Partei UDPS eine Koalition mit der regierenden FCC eingehen müsste, die sie eigentlich aus dem Amt jagen wollten. "Es gibt unter ihnen manche, die der Justiz zugeführt werden müssen", sagt er über FCC-Politiker, ohne Namen zu nennen. "Aber es gibt immer auch Ausnahmen. Unter zehn Personen gibt es vielleicht zwei, mit denen sich zusammen arbeiten ließe".

Andere Menschen auf der Straße im Oppositionsviertel pflichten ihm bei. Notfalls müsse eben mit der FCC koaliert werden, sagt auch der 52-Jährige Mudikale. "Wir werden die Mentalität der Leute ändern, damit sie ordentlich arbeiten und mit der Schummelei, dem Diebstahl und der ganzen Korruption aufhören", gibt er sich zuversichtlich. "Dank Gottes Gnade, sind wir heute glücklich, dass Tshisekedi der Präsident ist, den das Volk gewählt hat", sagt die 32-Jährige Mimie Mulanga ein paar Meter weiter.

Kongo | Mimie Mulanga (J. Gerding)

Mimie Mulanga ist nur eine von vielen, die am Mittwoch zur Party vor dem Hauptquartier der UDPS pilgern

Dabei hat sein Überraschungssieg wohl ganz irdische Gründe - die nicht unbedingt in den Wahlurnen zu finden sein könnten. Kurz nach 13 Uhr beginnt im Diplomatenviertel La Gombe die Pressekonferenz von CENCO, der Repräsentanz der katholischen Kirche. 40.000 Beobachter hatten die Bischöfe am 30. Dezember auf die Wahllokale des Landes verteilt. In der Regel waren sie bei den Auszählungen zugegen - und konnten so genug Daten sammeln, um sich ein unabhängiges Bild vom Ausgang der Wahl zu machen.

Gefälschtes Wahlergebnis?

Nach knapp 10 Minuten ist die Konferenz schon wieder vorbei - doch ein entscheidender Satz ist gefallen: "Wir stellen fest, dass die Ergebnisse der Wahlbehörde CENI zur Präsidentschaftswahl nicht mit dem übereinstimmen, was unsere Beobachtungsmission auf in den Wahllokalen gesammelt hat".

Zwar darf CENCO laut Gesetz selbst keine Wahlergebnisse veröffentlichen. Aber die Nachricht zwischen den Zeilen kommt an: Nicht Tshisekedi, sondern Martin Fayulu, hätte nach Informationen der Kirche die Wahl gewonnen. Ihn hatte die Wahlbehörde CENI jedoch mit 34,83 Prozent der Stimmen nur auf Rang zwei platziert. CENCO will nun das Ergebnis vom Verfassungsgericht prüfen lassen. Das mögliche Ergebnis einer solchen Prüfung ist allerdings völlig offen. Aber schon heute ist klar: Das Resultat hat seine Glaubwürdigkeit verloren. Der kurze Moment der Hoffnung auf echten Wandel ist für viele Menschen bereits wieder verflogen.

Félix Tshisekedi (Reuters/B. Ratner)

Félix Tshisekedi: Es gibt Zweifel an seinem Wahlsieg

Droht neue Gewalt?

Vor allem Anhänger des Oppositionsbündnisses Lamuka um den Kandidaten Fayulu sind aufgebracht. "Wir werden auf die Straße gehen und mit allen Kräften zeigen, dass wir dieses Ergebnis zurückweisen", sagt Gauthier Ipuka. Der 28-Jährige ist arbeitslos und einer jener vielen jungen Parteimitglieder, die keine hohen Posten haben, aber sofort zur Stelle sind, wenn die Führung sie zum Protest ordert. Die Koordinierung für Aktionen im ganzen Land sei im Gang. "Wir werden dieses Spiel zwischen Kabila und Tshisekedi nicht zulassen", sagt er.

Mehrere Dutzend junger Mitstreiter versammeln sich vor dem Parteigebäude. Sie sind wütend. Aber die jubelnden Anhänger Tshisekedis, die auf Motorrädern vorbeibrettern, lassen sie in Frieden. Noch. "Wir warten auf weitere Anweisungen von oben", sagt Ipuka.

 

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